Thomas Abdallah Hammou | Bildquelle: Abdallah Hammou

Vom IS verschleppte Kinder "Sie brachten ihnen alles Schlechte bei"

Stand: 30.10.2017 12:20 Uhr

Thomas wurde mit acht Jahren von IS-Terroristen verschleppt, geschlagen, gedrillt und zum Terrorhelfer ausgebildet. Als Mossul vom IS befreit wurde, konnte ihn seine Familie zurückholen.

Von Björn Blaschke, ARD-Studio Kairo

Im Lager Kharbartu in Irakisch-Kurdistan sieht man Zelte soweit das Auge reicht. Mehr als 6000 sind es. Sie bieten ein paar zehntausend Menschen ein Zuhause. Die meisten kamen 2014 hierher. Als der "Islamische Staat" durch den Nordirak stürmte, flohen sie vor den Terroristen.

Wie die Familie von Thomas Abdallah Hammou. Der heute Elfjährige wurde damals von seinen Eltern und Geschwistern getrennt - die Dschihadisten verschleppten ihn. "Ich war zuerst in Tel Afar und dann in Mossul", erzählt Thomas. "Ich war bei den IS-Leuten, nicht in einer Familie. Das Leben dort war nicht gut. Es gab wenig zu essen - einmal haben wir fünfzehn Tage lang nichts bekommen. Und wenig zu trinken, manchmal mussten wir unseren Urin trinken. Die IS-Leute kamen von überall: Es waren Amerikaner dabei, Chinesen, Russen, Afghanen."

Jesiden für Extremisten Ungläubige

Als die Dschihadisten Thomas verschleppten, war er acht Jahre alt. In den drei Jahren, die er beim IS verbrachte, hat er wenige schöne Momente erlebt. Das wird deutlich, wenn Thomas von seiner Geiselhaft berichtet: "Sie wollten nicht, dass wir spielen. Sie mochten es nicht. Ich habe keine Schule besucht, aber sie gaben uns Koran-Unterricht - jeden Tag."

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Thomas war drei Jahre beim IS. "Sie haben uns ständig geschlagen", erzählt er. "Und wir mussten schießen üben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt."

Was einer Zwangskonversion gleichkommt, denn Thomas und seine Familie sind Jesiden. Aus Sicht extremistischer Muslime sind sie Ungläubige. Die IS-Terroristen, bei denen Thomas wohnte, wollten ihn und viele andere Jesiden-Kinder zu Nachwuchsterroristen ausbilden.

"Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt"

"Sie haben uns ständig geschlagen", berichtet er. "Und wir mussten schießen üben. Zwei meiner Freunde haben sich in die Luft gesprengt. Sie waren erst bei uns und sind irgendwann zum Training gegangen." Dann seien sie nicht zurückgekommen. "Ich war nicht traurig, sie wollten sich ja in die Luft sprengen. Die IS-Leute hatten es nicht von ihnen nicht verlangt. Sie sind freiwillig gegangen."

Thomas hat einen modernen Haarschnitt: der Nacken ausrasiert, der lange Pony in die Stirn gekämmt: Sein Gesicht ist etwas pausbackig. Im Sommer sah er noch anders aus, kurz nachdem die irakische Armee und die mit ihr verbündeten Kräfte Mossul vom IS befreit hatten. Thomas war bei einem Luftangriff der Anti-IS-Koalition schwer verletzt worden. Die vorrückenden Soldaten bargen ihn aus den Trümmern eines Hauses, fanden seinen Namen heraus und informierten die Familie. Sein Vater Abdallah Hammou holte ihn.

Abgemagert, Verbände an Händen, Beinen, am Kopf

Noch immer hat Abdallah auf dem Handy Fotos von Thomas, kurz nachdem er operiert worden war: Ein bis auf die Rippen abgemagerter, hohlwangiger Junge mit Verbänden an Händen, Beinen und am Kopf. Diese Wunden sind verheilt oder vernarbt. Aber: Was ist mit den psychischen Verletzungen?

Abdallah Hammou | Bildquelle: Björn Blaschke
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Thomas' Vater Abdallah Hammou sagt: "Sie brachten ihnen alles Schlechte bei. Sie lehrten sie, Köpfe abzuschneiden, Sprengstoffgürtel zu zünden."

Es gibt andere Eltern, die Angst haben - vor ihren eigenen Kindern, die vom IS zurückgekehrt sind. Die IS-Terroristen haben ihnen unter anderem beigebracht, ihre jesidischen Eltern als Ungläubige zu sehen, die umgebracht werden sollten. Sie sind tickende Zeitbomben.

"Sie lehrten sie Köpfe abzuschneiden"

"Die IS-Leute haben ihnen den Kopf verdreht, indem sie die Kinder geschult haben", sagt Thomas' Vater, Abdallah Hammou. "Sie brachten ihnen alles Schlechte bei. Sie lehrten sie, Köpfe abzuschneiden, Sprengstoffgürtel zu zünden. Sie brachten ihnen bei, Autos, die mit Sprengsätzen beladen waren, zu fahren. Sie haben sie darin unterrichtet, Bomben zu zünden, zu schießen. Wenn es mir nicht gelungen wäre, meinen Sohn wieder in die rechte Bahn zu lenken, hätte ich ihn nicht vor die Tür gelassen."

Im Lager wurde Thomas von Spezialisten geholfen, erzählt der Vater: "Es gibt einen Psychologen hier. Aber als Thomas zu uns zurückgekommen war, hatte ich ihn erst einmal in einer Privatklinik untergebracht. Sein Bein war zweifach gebrochen. Danach kam er zu uns ins Lager. Und hier arbeitet auch ein Psychologe. Zwei, drei Mal in der Woche sieht er Thomas. Es geht ihm gut, Gott sei Dank."

Thomas hatte Glück im Unglück: Er wurde von seiner Familie aufgefangen und hat professionelle Hilfe erhalten. Andere Eltern, aber auch Psychotherapeuten und Sozialarbeiter, klagen, dass Kindern wie Thomas oft nicht ausreichend geholfen wird.

"Diese Kinder sind gefährlich"

Wobei die Jesiden offen über das Problem "Kinder-Terrorismus" sprechen - und sprechen können. Denn niemand zweifelt daran, dass die Jesiden Opfer der militanten Sunniten des IS wurden. Bei sunnitischen Familien ist das anders: Da sie derselben Religionsgruppe angehören wie die Dschihadisten, stehen sie bei vielen Kurden und Schiiten unter Generalverdacht, mit dem IS gemeinsame Sache gemacht zu haben. Daher trauen sich Sunniten normalerweise nicht, an die Öffentlichkeit zu gehen, wenn ihre Kinder in den Bann des IS geraten sind, sie selbst aber nichts mit dem IS zu tun hatten.

Thomas Abdallah Hammou | Bildquelle: Abdallah Hammou
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Thomas kurz nachdem die irakische Armee Mossul vom IS befreit hatte. Bei einem Luftangriff wurde er schwer verletzt.

Entsprechend unklar ist, wie viele Kinder zu Terroristen ausgebildet wurden und heute als IS-Schläfer im Irak sind. "Kinder arabischer Familien haben, so erzählt es Thomas, das Gleiche getan wie jesidische Kinder", sagt sein Vater. "Sie haben Waffen getragen und gekämpft. Bis heute leben diese Kinder in Mossul. Und in Lagern. Sie sind gefährlich. Überhaupt ist Mossul bis jetzt voller IS-Leute." Der IS sei noch nicht am Ende. "Er ist noch überall. Überall sind Schläfer."

Schläfer im Irak, die möglicherweise erst in mehreren Jahren aktiv werden. Dasselbe dürfte auch für Kinder und Jugendliche in Syrien gelten. Die tickenden Zeitbomben sind ein Erbe des IS, das die Gesellschaften des Nahen Ostens wohl noch lange beschäftigen wird. Der elfjährige Thomas will dagegen vorgehen. Er sagt, wenn er mit der Schule fertig ist, will er Polizist werden - um den IS zu bekämpfen.

Erben des IS Kinder - 2014 von Jihadisten verschleppt und zu Terroristen gemacht
Björn Blaschke, ARD Kairo
30.10.2017 10:49 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 30. Oktober 2017 um 12:50 Uhr.

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