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Ein-Kind-Politik in China
Pekings brutale Familienplanung am Pranger
In keinem anderen Land der Welt greift der Staat so stark in die Familienplanung ein wie in China. Seit 30 Jahren gilt die Ein-Kind-Politik, die das Bevölkerungswachstum bremsen soll. Berichte über Zwangsabtreibungen haben den Druck auf die Behörden erhöht - teilweise mit Erfolg.
Von Ruth Kirchner, ARD-Hörfunkstudio Peking
Aus offizieller chinesischer Sicht ist die Ein-Kind-Politik ein Erfolg. Bevölkerungsstatistiker wie der emeritierte Professor Wu Cangping von der Volksuniversität Peking sehen darin bis heute den Schlüssel für Chinas wirtschaftlichen Aufstieg: "Andernfalls hätte China heute 400 Millionen Menschen mehr zu versorgen. Ohne den Rückgang der Geburtenrate hätte es China nie geschafft, die Werkbank der Welt zu werden oder so vielen Menschen eine bessere Bildung zu ermöglichen."
Seiner Meinung nach hätten dann viele Menschen nicht in die Städte ziehen können, um dort zu arbeiten. "Die Frauen hätten auf dem Land bleiben müssen, um die Kinder aufzuziehen", ergänzt Wu.
Chinas Ein-Kind-Politik und die Folgen
R. Kirchner, ARD Peking
11.07.2012 15:19 Uhr
Fälle von Zwangsabtreibungen
Doch jahrelang setzten die Familienplanungsbehörden mit teils brutalen Mitteln durch, dass sich die Menschen an die staatlichen Vorgaben halten. Und immer noch gibt es Fälle von Zwangsabtreibungen. Zuletzt machte der Fall einer jungen Frau in der Provinz Shaanxi Schlagzeilen, die im siebten Monat schwanger war, als sie im Juni zur Abtreibung gezwungen wurde. Das Baby von Feng Jianmei wurde per Giftspritze getötet.
Fälle wie diese haben keine legale Grundlage. Aber es komme immer wieder vor, sagt der Pekinger Anwalt Li Fangping: "Die örtlichen Familienplanungsbehörden wollen ihre Vorgaben erfüllen, sie verfolgen ihre eigenen Interessen." Vor allem aber müssen sie nicht mit rechtlichen Folgen rechnen - manchmal werden sie sogar noch belohnt."
Der öffentliche Druck wächst - und wirkt
Doch neuerdings erhöht sich der öffentliche Druck. Der Fall von Feng Jianmei etwa löste landesweit eine Welle der Empörung aus, nachdem Fotos der Frau und des blutverschmierten toten Babys ins Internet gestellt worden waren. Die Behörden mussten sich entschuldigen.
Heute bekam die Familie in einem seltenen Eingeständnis der Behörden eine Entschädigung zugesprochen. Der Fall hat in China zudem eine neue Debatte über die Familienplanungspolitik angestoßen. Eine Gruppe von Akademikern appellierte in einem Brief an die Regierung, die Regelungen zu lockern.
Einer der Initiatoren ist der Pekinger Soziologie-Professor Li Jianxin. "Das Recht, Kinder zu gebären, ist ein grundlegendes Menschenrecht. Lange Zeit haben wir in der Familienplanungspolitik nur die Pflichten der Ehepaare betont, aber nicht deren Rechte. Wir wollen, dass die Restriktionen was die Zahl der Kinder angeht, abgeschafft werden."
Immer mehr Ausnahmen
Über die Jahre wurden die Restriktionen in vielen Fällen bereits gelockert. Mittlerweile gibt es so viele Sonderregelungen, dass die strikten Ein-Kind-Bestimmungen auf etwa die Hälfte der Bevölkerung nicht mehr zutreffen. Oft hängt es von Zufällen ab, ob Paare mehr als ein Kind haben dürfen - und von der Toleranzschwelle der örtlichen Behörden. So dürfen Paare auf dem Land zwei Kinder haben, wenn das erste ein Mädchen ist.
Zugleich stellt der Rückgang der Geburtenrate China vor ganz neue Herausforderungen. Professor Ren Qiang von der Peking-Universität warnt, dass China alt wird, bevor es reich wird: "In zehn oder 20 Jahren wird Chinas Bevölkerung dramatisch sinken. Die Überalterung wird ein ernsthaftes Problem. Wenn die Geburtenrate zu weit sinkt, werden wir in der Zukunft massive Probleme haben. Wir Wissenschaftler hoffen alle, dass die Regierung die Geburtenkontrolle aufheben wird."
Schon jetzt ein deutliches Ungleichgewicht der Geschlechter
Denn wer sich in Zukunft um all die alten Menschen kümmern soll, ist offen. Mit der Überalterung sinkt zudem das Angebot an billigen Arbeitskräften, das China zur zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt aufsteigen ließ. Und wegen der traditionellen Vorliebe für Jungen gibt es schon jetzt ein deutliches Ungleichgewicht der Geschlechter.
Obwohl die vorgeburtliche Geschlechterbestimmung verboten ist, werden weiterhin viele weibliche Föten in China einfach abgetrieben. Das hat Folgen: Auf die Geburt von 100 Mädchen kommen in manchen Landesteilen 120 Jungen, mancherorts sogar 130 männliche Babys.
Schon jetzt gibt es Dörfer in den rückständigen Gebieten Chinas, wo junge Männer keine Frauen mehr finden. In den nächsten Jahren dürfte sich das Problem deutlich verschärfen. Experten warnen vor der Zunahme des Frauenhandels, der Kriminalität und der sozialen Problemen, die all die Männer haben werden, die in der familienorientierten chinesischen Gesellschaft keine Frau finden. Doch noch stoßen all diese Warnungen bei der Kommunistischen Partei auf taube Ohren.
Stand: 11.07.2012 15:37 Uhr
