Unterschrift Eichmanns | Bildquelle: AFP

Zum Holocaust-Gedenktag Israel veröffentlicht Eichmanns Gnadengesuch

Stand: 27.01.2016 16:32 Uhr

Adolf Eichmann war der Organisator des Holocaust. Bei der Wannsee-Konferenz 1942 plante er die massenhafte Ermordung europäischer Juden, Verantwortung wollte er dafür aber nie übernehmen. Sein Gnadengesuch an den israelischen Präsidenten ist jetzt im Internet einsehbar.

Von Torsten Teichmann, ARD-Studio TelAviv

Die erste Seite von Adolf Eichmanns Gnadengesuch. | Bildquelle: AFP
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Die erste Seite von Adolf Eichmanns Gnadengesuch aus dem Jahr 1961.

Eines der veröffentlichten Dokumente zeigt Eichmanns Handschrift. Ein deutliches Schriftbild mit blauer Tinte auf liniertem Papier. In dem Brief aus dem Mai 1962 bittet Eichmann Israels Präsident Ben Zvi um Gnade. Die Richter hätten in ihrem Todesurteil einen grundlegenden Fehler gemacht. Sie hätten nicht berücksichtigt, dass er immer nur auf Befehl gehandelt habe.

Michael Goldmann-Gi’lad, der damals als Polizist an den Verhören Eichmanns in Israel beteiligt war, sieht seine Erinnerung bestätigt: Eichmann habe nie Verantwortung übernommen, sagt er im Radio.

Die zweite Seite von Adolf Eichmanns Gnadengesuch | Bildquelle: AFP
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Dies ist die zweite Seite des Gnadengesuchs an den damaligen Israelischen Präsidenten Ben Zwi.

"Sowohl bei den Verhören als auch vor Gericht hat er seine Schuld nicht für einen Moment bekannt", erzählt Goldmann-Gi'lad. Er habe von dem Gnadengesuch, das Eichmann an Präsident Ben Zvi geschrieben hatte, gewusst. "Auch in diesem Brief bekannte er sich nicht schuldig. Er hat nie die Verantwortung für sich übernommen. Auch nicht in dem Moment, als er unter dem Galgen stand, auch da bat er das jüdische Volk nicht um Vergebung. Er bekannte sich nicht schuldig. Er sagte, er habe nur Befehle ausgeführt", sagt der ehemalige Polizist.

Eichmann-Dokumente im Internet einsehbar

Eichmann hatte eine zentrale Rolle bei der Wannsee-Konferenz 1942. Bei dem Treffen von Vertretern der nationalsozialistischen Regierung und der SS war der Mord an Europas Juden beschlossen und organisiert worden. Aufgaben wurden verteilt. Eichmann spricht in seinem Brief von den Verbrechen, die an europäischen Juden begangen worden sind, vom Horror, den er gesehen habe. Aber er sei in keiner verantwortlichen Führungsposition gewesen und deshalb auch nicht schuldig. 

Israels aktueller Präsident Rivlin hat die Dokumente aus Anlass des Holocaust-Gedenktages herausgegeben. Sie wurden in Jerusalem digitalisiert. Rivlin erklärte, das veröffentlichte Gnadengesuch beweise, dass Eichmann und seine Familie anerkennen mussten, dass im Staat Israel ein Mörder wie Eichmann verurteilt und Gerechtigkeit geübt wird.

Das Gnadengesuch von Holocaust-Organisator Adolf Eichmann | Bildquelle: AFP
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Adolf Eichmanns Bruder schrieb ebenfalls ein Gnadengesuch für den Holocaust-Organisator. Zwei Tage später wurde Eichmann in Israel exekutiert.

Zeugen fürchteten, dass man ihnen nicht glauben würde

Doch bis dahin war es ein schwieriger Weg. Bei der Gedenkstunde in der Residenz des Präsidenten ist auch Tami Raviv in Jerusalem dabei. Sie ist die Tochter des Generalstaatsanwalts vom Eichmann-Prozess, Gideon Hausner. Raviv erinnert sich an die Mühen ihres Vaters. In jenen Tagen sei sie ein junges Mädchen gewesen und erlebte die kleinen Dramen mit, die sich zu Hause abspielten: "Wie mein Vater Leute mit nach Hause brachte und sie geradezu anflehte, damit sie zustimmten, vor Gericht auszusagen. Und wie sie zu ihm sagten: 'Man wird uns nicht glauben'."

Im Prozess in Jerusalem wurde Eichmann zum Tode verurteilt. Israels Staatspräsident Ben Zvi lehnte das Gnadengesuch ab. Eichmann wurde im Gefängnis von Ramla gehängt. Seine Leiche wurde eingeäschert und die Asche im Mittelmeer verstreut.

Israel veröffentlicht Gnadengesuch Eichmanns
T. Teichmann, ARD Tel Aviv
27.01.2016 15:41 Uhr

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Adolf Eichmann - Organistor des Holocaust

Adolf Eichmann, 1906 im Rheinland als Sohn eines Buchhalters geboren, war einer der Hauptorganisatoren des Holocaust. Der SS-Obersturmbannführer und Referatsleiter im Reichssicherheitshauptamt war für die Ermordung von Millionen Juden mitverantwortlich. Unter anderem organisierte der überzeugte Antisemit ihre Deportation in die Vernichtungslager.

Nach dem Krieg geriet Eichmann zunächst in US-Kriegsgefangenschaft, blieb aber unerkannt. Nach gelungener Flucht lebte er erst in Norddeutschland, danach setzte er sich 1950 unter falschem Namen nach Argentinien ab. Zehn Jahre später spürte der israelische Geheimdienst ihn in Buenos Aires auf und entführte ihn.

Der Prozess gegen Eichmann begann am 11. April 1961 in Jerusalem. Wegen Verbrechen gegen das jüdische Volk und gegen die Menschlichkeit verurteilte ihn das Gericht am 15. Dezember 1961 zum Tode. Er wurde in der Nacht zum 1. Juni 1962 bei Tel Aviv hingerichtet.

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