Vorsichtsmaßnahmen vor Ebola | Bildquelle: AP

Sierra Leone nach der Epidemie Ebola ist weg - die Angst bleibt

Stand: 07.11.2015 00:59 Uhr

42 Tage ohne neue Infektionen: Damit gilt Sierra Leone als Ebola-frei. Zum Feiern ist den Menschen dennoch nicht zumute: Tausende starben an der Epidemie. Die Wirtschaft liegt am Boden. Und dann ist da noch die Angst vor einer neuen Epidemie.

Von Jens Borchers, ARD-Studio Nordwestafrika

Wer ins Gesundheitszentrum Loreto in der Provinzhauptstadt Makeni will, muss erst mal durch die Schleuse am Eingang. Dann: Nummer ziehen, hinsetzen. Wer aufgerufen wird, muss zunächst die Hände waschen. Dann wird die Temperatur gemessen. "Mein Körper ist heiß und ich muss mich erbrechen", klagt eine Patientin. Im Gesundheitszentrum Loreto müssen die Patienten eigentlich für die Untersuchung oder eine Behandlung bezahlen. Hier wird es ihnen erlassen. Die meisten haben ohnehin kein Geld.

Fieber messen in Kenema, Siera Leone | Bildquelle: AFP
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Hohes Fieber ist ein Ebola-Symptom. Fieber messen ist daher Alltag.

Wovon leben?

Mbalu Sisay hat Ebola überlebt. Sie hatte sich angesteckt, als sie ihre an Ebola erkrankten Eltern pflegte. Die Eltern starben. Ihr Ehemann auch. Aber wenigstens sie und die fünf Kinder leben. Nur - wovon?

Sisay arbeitete vor der Ebola-Erkrankung auf dem kleinen Bauernhof. Dann kam die Epidemie, sie musste die Felder verlassen und überlebte in einem Ebola-Behandlungszentrum. Jetzt gilt sie als geheilt. Aber sie fühlt sich schwach: Schmerzen im Kiefer und im Bauch, wenig Kraft, müde sei sie oft, erzählt Sisay. Sie versucht, sich und die Kinder über Wasser zu halten. Aber letztlich ist sie auf Almosen angewiesen.

In vielen Gegenden von Sierra Leone konnte nicht geerntet werden, weil die Bauern wegen der Quarantäne nicht auf ihre Felder durften. Häuser von Ebola-Infizierten wurden niedergebrannt, aus Angst vor Ansteckung. Hilfen von der Regierung in Sierra Leone gibt es kaum. Das ist die wirtschaftliche Lage.

WHO erklärt Ebola-Epidemie in Sierra Leone für beendet
tagesthemen 23:14 Uhr, 07.11.2015, Sabine Bohland, ARD Narobi

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"Man umarmt sich nicht, man isst nicht zusammen"

Im Ort Lunsar, etwa drei Autostunden von der Hauptstadt Freetown entfernt, leitet Doktor Jibao Sandy das katholische Hospital St. John of God. Das ist ein privates Krankenhaus, auch hier müssen die Patienten für ihre Versorgung bezahlen. Dr. Sandy erzählt, bisher seien die Menschen immer noch vorsichtig. "Man fasst sich nicht an. Keine Umarmungen. Man sitzt nicht dort, wo viele Menschen sitzen - es könnten ja Infizierte darunter sein. Die Menschen wissen, dass sie keine Krankenbesuche machen sollen und keine Leichen waschen dürfen, so wie es früher üblich war. Und es wird auch nicht mehr gemeinschaftlich gegessen."

All diese Vorsichtsmaßnahmen gegen Ebola sind weiterhin wichtig. Doch es besteht die große Gefahr, dass die Vorsicht nachlässt, wenn die unmittelbare Ebola-Bedrohung gebannt zu sein scheint. Ärzte, wie Sandy, warnen daher vor Sorglosigkeit.

Ebola in Sierra Leone | Bildquelle: AFP
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3600 Menschen starben allein in Sierra Leone nach offiziellen Angaben an Ebola, die Dunkelziffer dürfte weitaus höher liegen.

Misstrauen gegen Ärzte

Bei der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen sieht Gesa Kohler noch ein anderes Risiko. Viele Krankenstationen und Hospitäler waren geschlossen, als die Ebola-Epidemie wütete. Jetzt sind die Menschen misstrauisch. Und das hat Folgen. Kohler berichtet von einer Umfrage in einer Region von Sierra Leone. "Da kam heraus, dass mehr als 50 Prozent der Leute nicht zum Gesundheitsposten gehen, wenn sie Fieber haben, sondern einfach in eine Apotheke gehen und sich Medikamente kaufen."

Hohes Fieber ist ein Ebola-Symptom. Wie sollen eventuelle neue Ebola-Fälle entdeckt werden, wenn viele Menschen gar nicht mehr die Gesundheitsposten aufsuchen? Und noch etwas kommt hinzu: Sierra Leones Gesundheitssystem ist katastrophal schwach. Die Infrastruktur ist schlecht, viele Ärzte starben selbst am Virus. Daher müsse jetzt dringend neues Personal her, sagt Kohler. Und in die Infrastruktur müsse investiert werden. "Denn sonst ist es nur eine Frage der Zeit, bis so eine Epidemie wie Ebola wieder ausbricht."

Ebola in Sierra Leone: Frei vom Virus, gefangen im Existenzkampf
Jens Borchers, ARD Rabat
07.11.2015 06:45 Uhr

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