Fünf Jahre Dürre und die Folgen Ein Ort ohne Wasser - mitten in Kalifornien

Stand: 16.08.2016 11:54 Uhr

Kalifornien repräsentiert für viele in jeglicher Hinsicht die Sonnenseite des Lebens. Doch Sonne bringt Dürre. Und selbst in den scheinbar reichen USA ist mancher Ort nicht ans Wassernetz angebunden - wie East Porterville. Und das bringt Probleme mit sich.

Von Marcus Schuler, ARD-Studio Los Angeles

Der US-Bundesstaat Kalifornien befindet sich im fünften Jahr einer extremen Dürre. Zwar hat sich die Situation in einigen Teilen des Staates dank Regen und Schneeschmelze im Winter und Frühjahr leicht entspannt. Doch ein Ende der extremen Trockenheit ist noch lange nicht in Sicht. Besonders in der Region gut 270 Kilometer nördlich von Los Angeles ist die Trockenheit noch immer besonders schlimm. Mitten drin liegt die kleine Stadt East Porterville.

Karte: USA mit Kalifornien und den Städten Los Angeles und East Porterville
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270 Kilometer nördlich von Los Angeles liegt East Porterville. Hier ist die Trockenheit besonders schlimm.

Donna Johnson ist 73 Jahre alt. Sie fährt einen purpurnen PT Cruiser. Das Auto ist innen wie außen mit einer Staubschicht überzogen. Die Rücksitze sind umgeklappt, damit sie bis unter das Dach Wasserflaschen stapeln kann. Draußen ist es brüllend heiß, das Thermometer zeigt 40 Grad. Normalerweise benutze sie ihren Pick-Up, erzählt Johnson: "Aber heute ist es wieder so heiß. Jetzt klappere ich ein paar Haushalte ab und bringe vor allem älteren Menschen, die das Haus nicht mehr verlassen können, Trinkwasser. "

Trockenheit in Kalifornien:  Donna Johnson
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Donna Johnson versorgt die Nachbarn mit Wasser.

Und plötzlich kam kein Wasser mehr

Jeden Tag schaut Johnson beim sogenannten Dürre-Zentrum vorbei, dem einzigen seiner Art in den USA. Hier können die Menschen von East Porterville, einem Städtchen mit 7300 Einwohnern, duschen, zur Toilette gehen, kostenlos Trinkwasser abholen und sich beraten lassen. Vor ein paar Jahren sind Johnson und ihr Mann von Los Angeles in das triste Städtchen mitten im Bundesstaat Kalifornien gezogen, um ihren Lebensabend hier zu verbringen, erzählt die grauhaarige Frau mit den knallig roten Fingernägeln. Vor vier Jahren passierte es dann zum ersten Mal: Sie drehte in der Küche den Wasserhahn auf - und plötzlich kam kein Wasser mehr.

Weinend erzählt sie, wie ihr Garten langsam zugrunde ging und alles Grün gewichen ist: "Man sieht, wie der Garten stirbt. Die Leute haben uns früher wegen unseres schönen Gartens besucht. Er ist rund 1000 Quadratmeter groß. Wir hatten einen Fischteich. Und Rosen. Jetzt ist alles verschwunden."

Die Brunnen sind wegen der Dürre versiegt

Die Gemeinde von East Porterville ist arm, es wird fast ausschließlich Spanisch gesprochen. Fast jeder arbeitet auf den nahegelegenen Obst- und Gemüse-Plantagen. Viele Einwohner sind illegal in den USA. Die Häuser sind klein und in schlechtem Zustand. Das Gras der Vorgärten ist gelb und längst verdorrt. Die meisten Haushalte haben eine eigene Wasserversorgung: Einen Brunnen im Garten. Doch fast alle sind wegen der Dürre versiegt.

Trockenheit in Kalifornien
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Das Gras in den Vorgärten ist längst verdorrt.

Dutzende Haushalte in East Porterville müssen nach wie vor ohne fließendes Wasser auskommen. Vor Jahren hat es die Gemeinde versäumt, ein Wasserleitungsnetz aufzubauen. Das rächt sich jetzt. Durchfall- und Atemwegserkrankungen haben zugenommen, die Menschen klagen über Hautausschläge, erzählt die Sozialarbeiterin Melissa Whitnell. Es sei schockierend, unter welchen Bedingungen manche Menschen hier in den USA mitten in Kalifornien leben müsste. "Die Leute duschen sich mit Wassereimern ab. Spaghetti kochen geht nicht, weil nicht genug Wasser da ist. Manche Leute verstehen das nicht, und manche wollen es einfach nicht verstehen."

Wasserversorgung aus Flaschen

Die 73-jährige Johnson sieht sich als Anwältin der Menschen von East Porterville. Weil sie und ihr Mann sich eine tiefe Grundwasser-Bohrung leisten konnten, haben sie wieder fließendes Wasser. Vielen ihrer Nachbarn ist es peinlich zuzugeben, dass sie sich im eigenen Haus nicht mehr waschen können, weil ihre Brunnen versiegt sind, erzählt sie. Andere wiederum sind zu alt und auf Hilfe angewiesen. Wie die 96-jährige Vicky Yorba, die Tränen in den Augen hat, als Johnson ihr ein paar Flaschen Wasser vorbeibringt. Donna sei für sie wie ein Engel, erzählt die kleingewachsene Frau. Oft bekomme sie Besuch von ihr, und dann sehe sie ihre Augenringe.

Trockenheit in Kalifornien: Toiletten
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Nur notdürftig ist die Hygieneversorgung in East Porterville.

Trockenheit in Kalifornien
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Der Reihe nach können sich die Einwohner hier waschen.

Viel zu spät reagieren Kreisverwaltung und der Bundesstaat auf den jahrelangen Misstand. Ein Dürre-Zentrum wurde eingerichtet, das gibt es jetzt seit gut zwölf Monaten. Und wahrscheinlich noch sehr viel länger: Nach wie vor gilt in für den Landkreis der Notstand.

Während wir bei sengender Hitze und geöffnetem Autofenster durch den Ort fahren, fällt ein bisweilen beißender Geruch auf. "Der Boden ist trocken und staubig, Tiere urinieren darauf, Insektizide werden versprüht. Es entsteht eine Art Pilz, der wohl trotz Trockenheit gedeiht, " erklärte Johnson. Der Regen wäscht diese Dreckschicht normalerweise weg. Bevor es im Frühjahr geregnet habe, hätten viele gesagt, sie könnten East Porterville einzig am Geruch erkennen. Mittlerweile stehen alle paar Meter große braune Wassertanks am Straßenrand. Anwohner können sich hier Wasser zum Waschen und für die Toilettenspülung abfüllen.

Anschluss ans Wassernetz ist zu teuer

Im Dürre-Zentrum kann man die Aufstellung eines eigenen Wassertanks beantragen. Die Kosten dafür übernimmt der Staat, auch die wöchentliche Befüllung. Doch die Wassertanks sind eine Notlösung: Eigentlich wäre ein Anschluss an das Leitungsnetz wichtig. Doch viele Häuser sind vermietet, und den Besitzern sind die Anschlusskosten zu hoch.

Trockenheit in Kalifornien: Wassercontainer
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Aus diesen Wassercontainern können sich die Bewohner Flüssigkeit fürs Waschen und für die Toilettenspülung holen.

Donna Johnson ist deshalb nach Sacramento gereist, in die Hauptstadt des Bundesstaates Kalifornien. Sie hat mit Politikern gesprochen, um sie auf die Situation aufmerksam zu machen. Dass es das Dürre-Zentrum gibt, ist ihr mit zu verdanken. "Ich habe ihnen gesagt, dass ansteckende Krankheiten ausbrechen könnten. Das hört sich vielleicht kaltherzig an, aber ich musste die Leute an ihrem wunden Punkt packen, damit etwas geschieht."

East Porterville ist ein Extremfall. Auch wenn sich nach einem feuchten Winter die Situation in Kalifornien leicht entspannt hat: Es herrscht nach wie vor eine extreme Trockenheit, vor allem im Süden des riesigen Bundesstaates. Seit Frühjahr hat es in vielen Teilen des Landes nicht mehr geregnet. Sozialarbeiterin Melissa Whitnell bleibt skeptisch: "Der Regen war sicherlich gut und wichtig." Aber es werde mehrere Jahre dauern bis die Wasservorräte wieder aufgefüllt seien und den Stand vor der Dürre erreicht hätten.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 17. August 2016 um 05:54 Uhr.

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