Zwei verschleierte Frauen in Deutschland. | Bildquelle: dpa

IS veröffentlicht "Manifest über die Frau" Der Dschihadistinnen-Knigge

Stand: 08.03.2015 05:50 Uhr

Unsichtbar, verhüllt und gehorsam - so haben Frauen nach Vorstellung des "Islamischen Staates" zu sein. In einer schriftlichen "Anleitung" versucht der IS, westliche Zivilisation und Werte zu widerlegen - und wirft ein Licht auf seine menschenverachtende Ideologie.

Von Björn Blaschke, ARD-Hörfunkstudio Kairo

Es ist eine Art Dschihadistinnen-Knigge - eine Anleitung zum richtigen - also moralisch-sittlich-einwandfreien - Leben mit dem Titel: "Frauen des Islamischen Staates. Ein Manifest über die Frau"

Herausgegeben wurde die Schrift im Januar vom Propagandaflügel der Khanssaa-Brigade, einer rein weiblichen Einheit in der Terrororganisation, die sich "Islamischer Staat" nennt. Sie richtet sich - selbstverständlich - an Mädchen und Frauen im Herrschaftsgebiet des IS, aber auch außerhalb.

Abwehr der Moderne

"Verstädterung, Modernität und Mode wurden vom Bösen geschaffen - in Modeläden und Schönheitssalons", heißt es in dem Traktat. Die Schrift versucht im ersten von insgesamt drei Teilen westliche Zivilisation und westliches Denken zu widerlegen - westliche Wissenschaften, westliche Erziehungsmodelle, westlichen Feminismus und westliche Emanzipation: "Das von Ungläubigen im Westen bevorzugte Modell versagte in dem Moment, in dem Frauen aus ihrer Zelle im Haus 'befreit' wurden. Ein Problem nach dem anderen tauchte auf, nachdem sie korrupte und schäbige Ideen an Stelle von Religion annahmen."

Eine irgendwie altbekannte Kulturkritik, die auch auf aktuelle Errungenschaften abzielt. Dieses Zitat könnte jedenfalls als Verdammung des deutschen Erziehungsgeldes zu verstehen sein: "Der Irrtum wurde offensichtlich, als Regierungen anfingen, jenen Frauen Geld zu zahlen, die nach Hause zurückkehren und Kinder erziehen - letztlich offen akzeptierend, dass sie 'Hausfrauen' sind."

"Die Frau ihres Mannes"

Grotesk, absurd und erwartbar ist die West-Kritik, genau wie der zweite Teil des IS-Frauen-Manifestes. Er widmet sich dem, was das weibliche Geschlecht angeblich leisten darf und soll. Und was nicht. Und wann überhaupt eine Frau Frau ist: "Es gilt als legitim für ein Mädchen im Alter von neun Jahren zu heiraten. Die meisten reinen Mädchen heiraten mit 16 oder 17, wenn sie noch jung und aktiv sind."

Prinzipiell gilt für die Frau: "Ihr Schöpfer hat festgelegt, dass sie nicht mehr Verantwortung hat, als dass sie Frau ihres Mannes ist." Sie hat ihm mithin zu Willen zu sein, ihm Kinder zu gebären und diesen Nachwuchs aufzuziehen - und das hinter den schützenden Mauern ihres Zuhauses: "Es ist immer wünschenswert für eine Frau, unsichtbar und verhüllt zu bleiben, um die Gesellschaft aus dem Verborgenen heraus zu unterstützen."

Ausnahmen bestätigen auch im "Islamischen Staat" die Regel: "Frauen können ausgehen, um der Gemeinschaft zu dienen", zum Beispiel, um den Islam zu studieren oder als Ärztinnen oder Lehrerinnen zu arbeiten. "Aber sie müssen sich strikt an die Richtlinien der Scharia halten" - das islamische Recht, das wie gesagt, verhüllende Kleidung fordert. Und noch einer Aufgabe dürfen sich Frauen außerhalb ihres Zuhauses hingeben: "Dschihad (Heiliger Krieg) - wenn der Feind ihr Land angreift."

Wie sich dieser Kampf für die Khanssaa-Brigade, der Herausgeberin des "Manifestes über die Frau" gestalten kann, haben IS-Kämpferinnen in einem typischen Propaganda-Video der Terrororganisation erklärt: "Wir, die freien Frauen des Irak, richten diese Botschaft an die Ratten der grünen Zone in Bagdad. Und wir sagen ihnen: die Stunde der Erlösung ist gekommen, eure Ungerechtigkeit ist beendet und der Beginn der Revolution in Anbar ist nur das erste Anzeichen dafür, dass der Marsch auf Bagdad begonnen hat, um den Irak vor Eurer Ungerechtigkeit, Unterdrückung und Korruption zu retten

Konsequent menschenverachtend

Fehlt noch der dritte Teil des IS-"Manifestes über die Frau": Er wird "Fallstudie" genannt - zum Leben der Frauen im so genannten Kalifat, eben im selbst ernannten "Islamischen Staat", an den Beispielen der Städte Mossul im Irak, und Rakka in Syrien. Unnötig, darauf hinzuweisen, dass dieses Leben als besser und erfüllter dargestellt wird als das in Europa oder in Saudi-Arabien. Unerwähnt bleiben natürlich die Versklavung von Frauen oder bestialische Morde an jenen, die gegen die IS-Gesetze verstoßen haben.

In der menschenverachtenden Ideologie des IS ist das "Manifest über die Frau" nur konsequent. Wobei die meisten Passagen wohl für alle Islamisten gelten - und manche Passagen durchaus auch Handbüchern christlicher oder jüdischer Fundamentalisten entstammen könnten und der Ideenwelt der sexistischen Internationalen sowieso. Darum ist die Schrift zwar alles in allem grotesk, absurd und voller Klischees.

Aber deshalb ist sie vor allem auch eines: So traurig, wie der globalisierte Fundamentalismus insgesamt. Und für jeden halbwegs vernünftigen Menschen abstoßend - ob Jude, Christ oder Muslim. Das Manifest wurde übersetzt von der Quilliam-Stiftung, einer britischen Denkfabrik, die sich dem weltweiten Anti-Extremismus verschrieben hat.

Dschihadistinnen-Knigge für die Frauen des "Islamischen Staates"
B. Blaschke, ARD Kairo
07.03.2015 21:22 Uhr

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