Protest gegen die Abschaffung der "Dreamer"-Regelung  | Bildquelle: dpa

Einwanderung in den USA Letzte Verlängerung für "Dreamer"

Stand: 05.10.2017 11:20 Uhr

In den USA können die Kinder illegaler Einwanderer - "Dreamer" genannt - heute die letzte Verlängerung ihres Status beantragen. Am 6. März 2018 droht Tausenden von ihnen die Abschiebung. Wie gehen die Betroffenen damit um?

Von Torsten Teichmann, ARD-Studio Washington

In einem Gemeindezentrum im Süden von Arlington sitzen Selena, ihre Eltern und ein Anwalt zusammen. Selena weiß nicht weiter - sie fürchtet um ihre Zukunft, seit US-Präsident Donald Trump Anfang September entschieden hat, das DACA-Programm auslaufen zu lassen und damit die Duldung für Kinder illegaler Einwanderer zu beenden. "Meine Eltern waren am Boden zerstört, genau wie ich. Zumal ich fast mit der Schule fertig bin und aufs College gehen will."

Beratung durch Jurastudenten

Die Schülerin kann die Tränen nicht mehr zurückhalten. Selena ist nicht ihr richtiger Name. Sie hat ihn sich ausgesucht, um ihre Familie zu schützen. Im Gemeindezentrum will sie klären, ob ihre Duldung noch einmal verlängert kann.

Dabei helfen Anwälte und Jurastudenten, deren Aktivitäten Etgar Aranda-Yanoc organisiert hat. Er ist Chef einer Dachorganisation von Latino-Gruppen im Bundesstaat Virginia. "Es gibt eine Menge Angst. Die Jungen Menschen hatten Dank des DACA-Programms das Gefühl, sie könnten in dem Land eine Zukunft aufbauen. Jetzt fürchten sie, dass es die Möglichkeit nicht mehr gibt."

Deferred Action for Childhood Arrivals (DACA) betroffene Studentin spricht bei einer Pressekonferenz | Bildquelle: AP
galerie

Viele Betroffene holen sich Beratung bei Jurastudenten oder Anwälten, um ihren Schutzstatus verlängern zu können.

Vorsichtige Hoffnung

Auch der 21-jährige Jefferson ist zu dem Treffen gekommen. Er arbeitet in der Autowerkstatt seines Vaters und besucht eine Abendschule. Die Möglichkeit zu arbeiten und zu studieren verdankt er dem sogenannten "Dreamer"-Programm, wie DACA in der Bevölkerung genannt wird. "Ich glaube, ich erfülle die Voraussetzungen, um meinen DACA-Status zu verlängern. Deswegen bin ich gekommen und bin nun sehr erleichtert. Zumindest für zwei weitere Jahre."

Jeffersons Eltern stammen aus Honduras. Vor 13 Jahren sind sie in die USA eingewandert, ohne richtige Papiere. Da war Jefferson gerade einmal acht. "Mein Vater hatte immer das Ziel, in die USA zu gehen - schon als Kind. Er erzählt mir oft davon. Und es ist großartig, was er daraus gemacht hat. Unser Leben ist jetzt um so vieles besser."

Letzte Chance auf Verlängerung

Doch schon bald droht 800.000 DACA-Empfängern, dass die USA ihr allgegenwärtiges Versprechen auf ein besseres Leben nicht mehr einlösen. Trump ordnete am 5. September an, dass das DACA-Programm sechs Monate danach (also am 5. März) endet. Der Kongress müsse dann eine Gesetzesregelung finden. Menschen, deren Schutzstatus in der Zwischenzeit abläuft, können am 5. Oktober letztmalig einen Antrag auf Verlängerung stellen. Wenn Washington keine gesetzliche Regelung findet, könnten die ersten Abschiebungen am 6. März beginnen.

Das setzt die Politik unter Druck, sagt Senator Lindsey Graham von den Republikanern auf einer Veranstaltung vor dem Kapitol in Washington: "Ich hatte nie mehr Hoffnung für ein Dreamer-Gesetz als jetzt. Der Stichtag 5. März zwingt uns zu handeln. Scheitern ist keine Möglichkeit. Nie gab es mehr Unterstützung. Die amerikanische Bevölkerung teilt Euren Traum und unterstützt ihn."

Das "Dreamer"-Programm

Offiziell heißt das Programm, das 2012 vom damaligen US-Präsidenten Barack Obama eingeführt wurde, "Deferred Action for Childhood Arrivals" (DACA). Einwanderer, die mit weniger als 16 Jahren ohne gültige Papiere in die USA gelangt sind, konnten damit eine Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis mit zwei Jahren Gültigkeit und der Möglichkeit der Verlängerung erhalten.

Dafür galten aber bestimmte Voraussetzungen. So durften sie z.B. nicht straffällig geworden sein, mussten zum Zeitpunkt der Antragstellung jünger als 31 Jahre sein und sich seit 2007 ununterbrochen in den USA aufgehalten haben.

Obama wollte Menschen, die im Kindesalter mit ihren Eltern illegal in die USA gekommen waren, eigentlich mit einem Gesetz schützen. Er scheiterte damit allerdings angesichts der Mehrheitsverhältnisse im Kongress. Der Gesetzesentwurf mit dem Namen "Dream Act" blieb auf der Strecke, stattdessen erließ Obama seine Regelung per Dekret. Die Begünstigten erbten von dem Gesetzentwurf den Namen "Dreamer" ("Träumer").

Betroffene sind skeptisch

Aber können sich Jefferson und Selena darauf verlassen? Die Trump-Regierung hatte doch erst auf Druck von Mitgliedern der Republikaner entschieden, das Programm auslaufen zu lassen.

Selena will sich am College bewerben, um zu studieren. Dafür braucht sie den Status eines "Dreamers", sie braucht den Schutz des DACA-Programms. Aber in Arlington erfährt sie, dass sie ihre Duldung nach der Entscheidung des Präsidenten nicht mehr verlängert kann: "Meine läuft nach dem 5. März aus. Genaugenommen am 29. März - nur wenige Tage nach dem Stichtag."

Angst um die Zukunft

Deferred Action for Childhood Arrivals (DACA) betroffene Studentin bei einer Demonstration | Bildquelle: AP
galerie

Viele der "Dreamer" haben fast ihr gesamtes Leben in den USA verbracht - und könnten nun abgeschoben werden.

Vielleicht bewirbt sie sich als Auslandsstudentin am College und kann so in den USA bleiben. Aber selbst dann könnte sie nach dem Studium keine Arbeitserlaubnis bekommen und nach El Salvador abgeschoben werden. Selenas Vater macht sich Vorwürfe: "Ich bin hierher gekommen, um meinen Kindern ein besseres Leben zu ermöglichen. Aber ich hätte doch nie geglaubt, dass sie die gleichen Probleme bekommt, wenn sie arbeiten will. Manchmal geht es mir schlecht damit, denn es ist meine Schuld, weil ich sie hierher gebracht habe."

Selena will nicht aufgeben. Aber die Unsicherheit macht ihr zu schaffen. Wenn nichts passiert, lebt sie in fünf Monaten illegal in den USA. Wie sich das anfühlt, kann sie kaum beschreiben. Und mit ihren Mitschülern in der High School will Selena nicht darüber sprechen. "Ich rede nicht mit anderen darüber, die nicht in der gleichen Situation sind. Die würden das nicht verstehen. Und ich beneide sie um die vielen Möglichkeiten, die sie haben - denn ich bin so eingeschränkt."

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 14. September 2017 um 23:38 Uhr.

Darstellung: