Freiwillige verteilen Brot an die Bevölkerung in Donezk | Bildquelle: dpa

Ukraine-Krise Das Leben in Donezk wird russischer

Stand: 05.08.2015 15:06 Uhr

In der Ostukraine bricht die Wirtschaft zusammen und der Rubel gewinnt die Oberhand. Sogar Renten werden in der russischen Währung ausgezahlt. Dazu trägt auch das Vorgehen der ukrainischen Regierung bei.

Von Markus Sambale, ARD-Hörfunkstudio Moskau, zzt. Donezk

Wir fahren vom ukrainisch kontrollierten Territorium Richtung Donezk, ins Separatistengebiet. Gekämpft wird nachts, tagsüber ist es meist ruhig an der Grenzlinie. Gut zehn Checkpoints liegen auf der Strecke. Erst wird man von ukrainischen Truppen und Milizen kontrolliert, dann von Kämpfern der Rebellen.

Enrique Menendez organisiert Hilfsaktionen für Donezk und fährt diesen Weg ständig: Früher habe die Überquerung der Checkpoints fünf, sechs Stunden gedauert, sagt er. Inzwischen seien es bis zu 24 Stunden. "Bei 35 Grad plus ist es für Erwachsene schon schwierig, für Alte und Kinder ist die Wartezeit fast unerträglich - aber trotzdem muss man oft fahren", sagt er.

Separatisten mit Panzern in der Region Donezk | Bildquelle: REUTERS
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Kämpfer der separatistischen Kräfte bei Debalzewe in der Region Donezk.

Bewohner leiden unter ukrainischer Blockade

Seine Heimatstadt liegt Enrike Menendez am Herzen. Mit großer Skepsis beobachtet er, wie russlandtreue Kämpfer und russische Soldaten die Region unter Kontrolle gebracht haben. Noch kritischer aber blickt Menendez in letzter Zeit nach Kiew: Zur negativen Entwicklung gehöre die Blockade, die die ukrainische Regierung verhängt hat. "Darunter leiden aber nicht die Rebellen, sondern die einfachen Menschen", sagt Menendez.

Blockade - das bedeutet: nur zwei offene Zufahrtstraßen für ein Gebiet mit drei Millionen Menschen. Jeder braucht eine Sondergenehmigung. Und Lebensmittel lässt die Ukraine kaum noch durch. Die Regierung in Kiew will die Separatisten so unter Druck setzen, hat das besetzte Gebiet von allen Geldtransporten abgeschnitten - auch, weil die oft von Rebellenkommandos überfallen wurden.

Die Folge: Das ukrainische Wirtschaftssystem ist zusammengebrochen, die ukrainische Währung Griwna verschwindet - der Rubel und russische Waren gewinnen die Oberhand. In der Ukraine würden durch die Blockade weniger Waren für Griwna in der Ukraine gekauft und viele für Rubel in Russland, sagt Menendez. Sogar Renten und Gehälter würden in Rubel gezahlt. "Im Supermarkt gibt es jetzt zehn Kassen für Rubel und nur drei für Griwna. Dieses Verhältnis entspricht im Moment der Wirtschaft in der Region."

Bewaffnete Gruppen sind unter Kontrolle

Die Grenze zwischen dem Rebellengebiet und Russland steht seit mehr als einem Jahr offen. Aus Russland kamen damals erst Befehle und Nachschub für den Krieg, und mit der Zeit auch immer mehr Lebensmittel und Rubel. Die meisten hier in der Ost-Ukraine haben sich damit arrangiert und hoffen einfach nur auf Ruhe und Normalität, wie Enrique Menendez sagt. "Ich persönlich bin gegen die Volksrepublik Donezk, aber man muss einräumen: die bewaffneten Gruppen sind jetzt unter Kontrolle gebracht." Es gebe fast keine Überfälle mehr." Es werden sogar gestohlene Immobilien zurückgegeben. Und auf den Straßen gibt es kaum bewaffnete Menschen."

Während an manchen Orten der Frontlinie täglich geschossen wird, gehen die Menschen im Zentrum von Donezk zunehmend wieder ihrem Alltag nach – einem Alltag, der immer russischer wird.

Wie Donezk immer russischer wird - Eindrücke aus der Separatisten-Hauptstadt
M. Sambale, ARD Moskau
05.08.2015 15:01 Uhr

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