DITIB-Gedenkveranstaltung in Güglingen (Facebook-Screenshot) | Bildquelle: Screenshot Facebook-Profil DITIB

DITIB-Feiern in Deutschland Gedenken oder Kriegspropaganda?

Stand: 20.04.2018 15:01 Uhr

Der größte Moscheeverband Europas, DITIB, steht erneut in der Kritik: Bundesweit fanden Gedenkveranstaltungen in Moscheen statt, bei denen auch kleine Kinder uniformiert auftraten.

Von Elmas Topcu und Isabel Schayani, WDR

Mit heller Stimme tritt ein kleiner, uniformierter Junge auf der Bühne nach vorne, salutiert und ruft so laut er kann: "Wenn es dem Vaterland dient, opfere ich mein Leben." Im Publikum sitzen die Eltern und Gemeindemitglieder der DITIB-Gemeinde von Güglingen.

"Bereit zum Krieg!", ruft ein uniformierter Grundschüler. Dabei trägt er eine Militäruniform und ein Spielzeuggewehr. Applaus vom Publikum - in Duisburg. Ein Mädchenchor, die Jüngste vielleicht acht Jahre alt, singt: "Schlaf ruhig, mein Märtyrer, nie vergibt dieses Volk dem, der dich erschoss." Im Hintergrund Bilder von Soldaten - in Castrop-Rauxel.

DITIB-Gedenkveranstaltung in Baden-Baden/Steinach (Facebook-Screenshot) | Bildquelle: Screenshot Facebook-Profil DITIB
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In Baden-Baden traten Kinder als Kriegs-Märtyrer auf.

Mehr als 80 Veranstaltungen in Deutschland

Nach WDR-Recherchen fanden im März bundesweit mehr als 80 solcher Gedenkveranstaltungen an den Ersten Weltkrieg auch mit Kindern und militärischem Bühnenprogramm in DITIB-Gemeinden statt. In den vergangenen Tagen tauchten zahlreiche Fotos und Videos in den sozialen Netzwerken auf.

Das Muster ist stets ähnlich: Kinder auf der Bühne, die Jungen als Soldaten verkleidet, mal bewaffnet, mal nicht, spielen die Schlacht von 1915 nach und Chöre besingen den Krieg und Märtyrertod. In Vorträgen und Liedern werden Parallelen gezogen zwischen der Schlacht von Gallipoli im Jahr 1915 und zum Beispiel der Eroberung Afrins in diesem Jahr.

Politisierung seit Jahren zu beobachten

Diese Gedenkveranstaltungen werden jedes Jahr von zahlreichen Verbänden und Gemeinden begangen. Doch was sich seit zwei Jahren in den DITIB-Moscheen abspielt, ist neu, beobachtet der Leiter der Essener Stiftung Zentrum für Türkeistudien und Integrationsforschung, Haci-Halil Uslucan: "Früher hat so etwas nicht in der Moschee stattgefunden. Es ist ein Novum, dass politische und nationalistische Mythen Einzug in die Moschee halten. Bedenklich ist es, Afrin und 1915 gleichzusetzen. Das sind historisch völlig andere Konstellationen."

Vor allem dass Kinder auf der Bühne auftreten, sei nicht hinnehmbar: "Kinder dort mit Waffen und Uniform auftreten zu lassen, ist in Deutschland untypisch. Die Kinder bekommen durch solche Theaterstücke und Rollen eine positive Assoziation zu Krieg und Waffen. Das hat mit dem deutschen Verständnis von Kindeswohl und Kinderschutz nichts zu tun", sagt Uslucan.

DITIB-Gedenkveranstaltung in Duisburg-Wanheim (Facebook-Screenshot) | Bildquelle: Screenshot Facebook-Profil der G
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In Duisburg posierten türkische Jungen im Grundschulalter in Militäruniformen.

"Kinder nationalistisch missbraucht"

Öffentliche Kritik hatte es erstmals gegeben, nachdem in der vergangenen Woche Bilder von uniformierten Kindern im Grundschulalter bei einer DITIB-Veranstaltung in Herford im Netz kursierten.

Der Vorfall beschäftigte gleich zwei Ausschüsse des NRW-Landtages. Der zuständige Minister für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration, Joachim Stamp (FDP), hält es für "verstörend und absolut indiskutabel, dass Kinder militaristisch, nationalistisch missbraucht werden." Er sehe darin eine "Form auch von Kindesmissbrauch", die die Landesregierung nicht hinnehmen werde.

Nach dem ersten Auftauchen der Bilder aus Herford erklärte der DITIB-Bundesverband, er habe die Verantwortlichen in Herford aufgefordert, zurückzutreten. Bei 20.000 Vorstandsmitgliedern könne so ein Fehler vorkommen. Man lehne die Instrumentalisierung von Kinder "für Gewalt oder Gewaltverherrlichung" ab.

Ausrutscher oder System?

Es entstand der Eindruck, es handele sich um einen Ausrutscher. Doch WDR-Recherchen ergaben nun, dass es bundesweit mehr als 80 Gedenkveranstaltungen in diesem Jahr gab. In mindestens zehn Gemeinden traten uniformierte Kinder auf, und die spielten die Schlacht nach oder trugen Märtyrergedichte vor. Erwachsene glorifizierten die Militäroperation gegen Afrin oder den Kampf gegen die PKK.

Trotz mehrfacher Anfrage des WDR war der DITIB-Bundesverband nicht zu einer aktuellen Stellungnahme bereit.

DITIB-Gedenkveranstaltung in Güglingen (Facebook-Screenshot) | Bildquelle: Screenshot Facebook-Profil DITIB
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Kinder salutieren bei einer DITIB-Gedenkveranstaltung in Güglingen.

"Erdogan schürt Kriegsangst"

Seit der Aufkündigung des Friedensprozess mit den Kurden im Sommer 2015 und dem gescheiterten Militärputsch im Juli 2016 gibt es eine militärische Mobilmachung, die bis in die Schulen und Moscheen getragen wird, beobachtet der Politikwissenschaftler Kemal Bozay. Gerade mit dem Einmarsch in Afrin, der auch in den DITIB-Moscheen thematisiert werde, habe die Kriegshysterie einen neuen Höhepunkt erreicht. "Diese Kriegsangst und die Existenzangst benutzt Erdogan, auch hier in Deutschland."

Offiziell besteht DITIB auf ihre Unabhängigkeit von Ankara. Doch Beobachter wie der Leiter des Zentrums für Türkeistudien, Uslucan, stellen fest, dass DITIB sich selbst als verlängerten Arm der türkischen Regierung sieht und auch genauso instrumentalisiert werde. Auch Integrationsminister Stamp befürchtet: "Mit dieser nationalistischen Ausrichtung von Erdogan hat sich der Charakter in einigen DITIB-Einrichtungen doch deutlich verändert, und das bringt jetzt die Konflikte."

Am 24. Juni finden in der Türkei Präsidentschaftswahlen statt. Das Wählerpotenzial der Deutschtürken ist Erdogan offenbar wichtig. Mit den über 900 Moscheeverbänden von DITIB hat die türkische Regierung damit ein Netzwerk, um viele Türken zu "mobilisieren", fürchtet Kemal Bozay. Damit erreicht sie in ganz Deutschland Hunderttausende von Wählern.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version der Meldung wurde ein Foto fälschlicherweise in der Bildunterschrift als Szene einer Veranstaltung in Eppingen beschrieben - tatsächlich handelt es sich aber um eine Veranstaltung in Güglingen. Dies wurde korrigiert.

Über dieses Thema berichtete der WDR am 19. April 2018 in den Sendungen "Aktuelle Stunde" um 18:45 Uhr, "Lokalzeit aus Düsseldorf" um 19:30 Uhr und "WDR aktuell" um 21:45 Uhr.

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