Deniz Yücel  | Bildquelle: imago/Müller-Stauffenberg

Türkei "Welt"-Korrespondent in Polizeigewahrsam

Stand: 17.02.2017 17:07 Uhr

Der "Welt"-Korrespondent Deniz Yücel ist von der türkischen Polizei in Gewahrsam genommen worden. Ihm wird unter anderem Terrorpropaganda zur Last gelegt. Yücel hatte - wie viele andere Journalisten auch - über eine Affäre berichtet, in die Präsident Erdogans Schwiegersohn verwickelt ist.

Der Türkei-Korrespondent der "Welt", Deniz Yücel, wird von der türkischen Polizei festgehalten. Der 43-Jährige begab sich nach Angaben der Zeitung bereits am vergangenen Dienstag in Polizeigewahrsam. Er ist der erste deutsche Journalist, der seit Ausrufung des Ausnahmezustands von der Polizei in Gewahrsam genommen worden ist. Auch die Wohnung des 43-Jährigen wurde durchsucht.

Wie lange Yücel von der Polizei festgehalten wird, ist unklar: Nach geltendem türkischen Recht kann der Gewahrsam bis zu 14 Tage ohne Anhörung durch einen Richter andauern. Danach muss Untersuchungshaft beantragt werden. Nach Angaben seiner Anwälte wird gegen den Journalisten wegen Mitgliedschaft in einer Terrororganisation, Terrorpropaganda und Datenmissbrauchs ermittelt.

Eine Affäre, die hohe Wellen schlug

Yücel hatte im Zusammenhang mit der Affäre um gehackte E-Mails des türkischen Energieministers Berat Albayrak - dem Schwiegersohn des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan - zwei Artikel verfasst. Darin wird die Hackergruppe "Redhack" zitiert, die sich die E-Mails beschafft hatte. Redhack gilt in der Türkei als Terrororganisation. In den E-Mails geht es unter anderem um die Kontrolle türkischer Medienkonzerne und die Beeinflussung der Öffentlichkeit. Über die Mails hatten zahlreiche türkische und internationale Medien berichtet. Die gesamte Korrespondenz wurde auf der Enthüllungsplattform WikiLeaks veröffentlicht.

In der Folge wurden türkische Journalisten festgenommen, einige von ihnen sitzen noch immer in Haft. Da Yücel sowohl die deutsche als auch die türkische Staatsbürgerschaft besitzt, ist er aus Sicht der türkischen Behörden ein einheimischer Journalist.

"Welt" fordert faires Verfahren

"Welt"-Chefredakteur Ulf Poschardt forderte die türkischen Behörden in einer ersten Reaktion auf, keine Untersuchungshaft gegen Yücel zu verhängen: "Unser Korrespondent Deniz Yücel leistet exzellente Arbeit. Die türkische Regierung weist immer wieder darauf hin, dass die Türkei ein Rechtsstaat ist. Darum vertrauen wir darauf, dass ein faires Verfahren seine Unschuld ergeben wird", sagte Poschardt.

Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) kritisierte die Ingewahrsamnahme Yücels scharf: "Es zeigt, dass Präsident Erdogan versucht, den Ausnahmezustand zu missbrauchen, um unliebsame Berichterstattung unmöglich zu machen", sagte der DJV-Vorsitzende Frank Überall. "Wir erwarten von der Bundesregierung, dass sie den Fall aufgreift und ihre diplomatischen Kanäle nutzt, um unseren Kollegen zu schützen." Das Vorgehen auf türkischer Seite sei eine neue Eskalationsstufe, weil mit Yücel auch die Pressefreiheit in Deutschland angegriffen werde. Schließlich sei die Grundlage der Vorwürfe die Berichterstattung in der "Welt".

Parteiübergreifende Kritik in Deutschland

Auch Linke und Grüne forderten die Bundesregierung auf, umgehend auf Ankara einzuwirken. Der SPD-Politiker Rolf Mützenich rief den türkischen Ministerpräsidenten Binali Yildirim auf, für die Freilassung Yücels zu sorgen. Yildirim will am Samstag bei einer Großveranstaltung in Oberhausen zu in Deutschland lebenden Türken sprechen.

Der CDU-Innenexperte Armin Schuster sagte dem "Kölner Stadtanzeiger": "Die Presse in der Art und Weise anzugreifen, ist eines der sichersten Zeichen für ein autoritäres System." Mit Blick auf Yildirims Auftritt fügte er hinzu, es sei "unerträglich", dass für ein solches System öffentlich geworben soll.

In der Türkei sitzen zahlreiche regierungskritische Journalisten unter Terrorvorwürfen in Haft. Menschenrechtsorganisationen halten die Anschuldigungen häufig für konstruiert und für politisch motiviert. Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte zuletzt bei einem Besuch in Ankara gesagt, sie habe mit Erdogan "sehr ausführlich" über das Thema Pressefreiheit gesprochen. Sie habe außerdem auf die Akkreditierungen deutscher Journalisten in der Türkei hingewiesen "und auf verschiedene Fälle, wo wir uns auch durchaus Sorgen machen".

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 17. Februar 2017 um 17:15 Uhr.

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