Menschenmenge in Stuttgart | Bildquelle: dpa

Studie zur demografischen Zukunft Kommt das Altersheim Europa?

Stand: 25.07.2017 14:46 Uhr

Europa stirbt nicht aus, aber das durchschnittliche Alter auf dem Kontinent ist inzwischen höher als in anderen Teilen der Welt. Eine neue Studie warnt vor den negativen Folgen für die Sozialsysteme. Zuwanderung könne dabei nur ein Teil der Lösung sein.

Seit Jahrhunderten wird von der "alten Welt" gesprochen, wenn von Europa die Rede ist. Inzwischen ist diese Bezeichnung durchaus gerechtfertigt. Denn die Bevölkerung in Europa ist im Durchschnitt älter als auf anderen Kontinenten. Das ist eines der Ergebnisse einer Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung zur demografischen Zukunft Europas.

Darin warnen die Forscher, dass die Bevölkerungsentwicklung dazu führen werde, dass Sozialleistungen schwieriger zu finanzieren seien. Außerdem würden es Firmen schwerer haben, passendes Personal zu finden. "Das ist umso gravierender, als die Volkswirtschaft im 21. Jahrhundert eher auf gut qualifizierte Menschen, denn auf große Industrieanlagen angewiesen ist", sagt Instituts-Direktor Reiner Klingholz.

Der Norden steht besser da als der Süden

Für die Studie "Europas demografische Zukunft. Wie sich die Regionen nach einem Jahrzehnt der Krise entwickeln" haben die Wissenschaftler des Berlin-Instituts 290 Regionen analysiert. Dabei zeigt sich den Angaben zufolge, dass Europa demografisch gespalten ist. Im Zentrum Europas, im Norden und im Westen sorgten vergleichsweise hohe Kinderzahlen und Zuwanderung auf absehbare Zeit für Bevölkerungswachstum. Vielen Regionen in Süd- und Osteuropa drohten hingegen Bevölkerungsverluste.

Erfolgreich integrierte Zuwanderer könnten in Zukunft dazu beitragen, die demografischen Herausforderungen abzumildern, sagt Studienautor Stephan Sievert. Das allein reicht aber nicht. Denn um die Altersverhältnisse annähernd konstant zu halten, bräuchten europäische Länder der Studie zufolge Zuwanderung in unrealistisch hohem Ausmaß. Dies würde eine Integration unmöglich machen und unter den Bevölkerungen der Länder auf erhebliche Widerstände stoßen.

Es seien also weitere Strategien gefragt. Eine geburtenfördernde Politik - etwa über eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf - sei zwar geboten, heißt es in der Studie. Sie verspreche aber kurzfristig wenig Entlastung. Nötig sei es daher, bislang auf dem Arbeitsmarkt benachteiligte Gruppen wie Frauen, Geringqualifizierte und bereits im Land befindliche Migranten besser einzubinden.

Mutter und Tochter demonstrieren vor der deutschen Botschaft in Athen für die Familienzusammenführung in Deutschland | Bildquelle: AFP
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Erfolgreiche Integration kann die Folgen des demografischen Wandels abmildern, ist ein Ergebnis der Studie. "Ein normales Leben in Deutschland" wollen Mutter und Tochter, die darauf warten, zum Ehemann und Vater in Deutschland gehen zu dürfen, und vor der deutschen Botschaft in Athen demonstrieren.

Europa ist kein Auslaufmodell

Europas Schicksal sei noch längst nicht entschieden, so die Studie weiter. Europa sei kein Auslauf- sondern ein Erfolgsmodell. "Alt und kurz vor dem Schrumpfen - doch nicht zu unterschätzen", lautet dementsprechend die Überschrift im Vorwort.

Zwar sind in den 28 EU-Ländern nach Angaben der Forscher im Jahr 2015 erstmals seit Ende des Zweiten Weltkriegs mehr Menschen gestorben als geboren wurden. Die EU werde aller Voraussicht nach aber weiter wachsen - von derzeit etwa 510 Millionen Menschen auf knapp 529 Millionen Einwohner zur Mitte des Jahrhunderts. Das liege einzig und allein an der Zuwanderung, schreibt Instituts-Direktor Klingholz. So habe die sogenannte Flüchtlingskrise unerwartet für steigende Einwohnerzahlen gesorgt.

Entscheidend sei aber, dass die Zuwanderer gut integriert würden. "Ein starkes Europa in einer globalisierten Welt muss ein offenes und internationales Europa sein, das seine gemeinsame Plattform aber erst noch finden muss", so Klingholz. "Die Alternative wäre ein schrumpfendes Altersheim, das irgendwann Geschichte wäre."

Über dieses Thema berichtete das Mittagsmagazin am 25. Juli 2017 um 13:21 Uhr.

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