"Costa Concordia" soll aufgerichtet werden

"Costa Concordia" soll aufgerichtet werden

Leben mit dem Wrack

Seit 18 Monaten liegt die havarierte "Costa Concordia" vor der italienischen Insel Giglio. Hunderte Menschen arbeiten daran, das Unglücksschiff zum Schwimmen zu bringen - im September soll es zunächst aufgerichtet werden. Die Bewohner von Giglio hoffen, dass das Schiff endlich aus ihrem Blickfeld verschwindet.

Jan Christoph Kitzler, BR, ARD-Hörfunkstudio Rom, zzt. Giglio

An diesem Bild kommt niemand vorbei, der mit der Fähre auf die Insel Giglio kommt. Fast 18 Monate liegt sie schon da, direkt vor der Hafeneinfahrt. Die "Costa Concordia": 290 Meter lang, über 35 Meter breit. Früher war sie ein stolzes Kreuzfahrtschiff. Jetzt liegt sie schon den zweiten Sommer in Folge auf der Seite. Überall ist Rost zu sehen und überall die Spuren eines gigantischen Unternehmens: Die "Costa Concordia" wieder aufzurichten und zum Schwimmen zu bringen - weg von der Insel.

Internationale Zusammenarbeit bei der Bergung

Mehrere Firmen haben sich zusammengeschlossen. Über 500 Menschen arbeiten hier aus 21 Nationen. Unter anderem Sergio Girotto von der Firma Micoperi: "Es gibt keinen Präzedenzfall und keine Erfahrungswerte. Aber wir haben alle möglichen Methoden und Vorgehensweisen bei der Berechnung der Strukturen angewendet, die es gibt", sagt Girotto. Und die seien sehr hoch entwickelt. "Weder Heck noch Bug dürfen zerbrechen, das sind die beiden empfindlichen Stellen. Die Herausforderung ist, das Schiff im Ganzen zu drehen", sagt er. Denn sonst drohen schwere Schäden für die Umwelt.

"Costa Concordia" vor der Aufrichtung
J.-C. Kitzler, ARD Rom
27.08.2013 10:31 Uhr

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Mitte September soll es endlich so weit sein. Den genauen Tag kann zurzeit niemand nennen, denn das hängt nicht nur vom Stand der Arbeiten ab, die gerade in der heißen Phase sind, sondern auch vom Wetter. Die Leute von Micoperi haben auf dem Meeresboden eine Plattform gebaut, auf der die "Costa Concordia" erst einmal stehen soll. Links am Schiffsrumpf sind schon die großen Stahlbehälter angebracht, die dem Schiff einmal neuen Auftrieb verleihen sollen. Rechts müssen sie noch angebaut werden. Aber erstmal müssen dort, wenn das Schiff steht, die Schäden begutachtet werden. Dort, wo es seit dem 13. Januar 2012 auf dem Felsen liegt.

Costa Concordia (Bildquelle: AP)
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Im September soll das Wrack der "Costa Concordia" aufgerichtet werden

"Klaffende Wunde"

Bis die "Costa Concordia" abgeschleppt wird, kann es noch dauern - wahrscheinlich bis zum nächsten Sommer. Vorher soll sie gesichert werden, damit sie die Winterstürme übersteht. Sergio Ortelli, der Bürgermeister von Giglio, hat sein Büro direkt am Hafen. Früher hat er vor allem die Schönheit seiner Ferieninsel angepriesen, jetzt blickt er von hier aus jeden Tag auf das Schiff. Der Kreuzfahrtriese ist für ihn wie eine klaffende Wunde: "Die Insel hat sich nicht daran gewöhnt. Die "Costa Concordia" ist keine Droge, an die wir uns gewöhnt haben. Ganz im Gegenteil: Das ist ein Bild, das uns viel kostet, es jeden Tag anzusehen. Das Unglück hat uns psychologisch ganz gewaltig verwundet."

Und deshalb wollen die Gigliesi, die Bewohner Giglios, dass das Schiff möglichst bald verschwindet. Dabei sind die Hotels, in denen die Arbeiter wohnen, jetzt immer ausgebucht. Ein paar Restaurants machten auch im Winter gute Geschäfte. Vor allem im letzten Jahr sind viele hierher gekommen, um das Schiff zu fotografieren. Aber stolz darauf ist hier keiner. Es gibt in dem sommerlichen Touristentrubel keine "Costa Concordia"-Souvenirs, keine Postkarten mit dem Wrack. Denn zu sehr erinnert das an die 32 Menschen, die hier vor fast 18 Monaten den Tod fanden. Zwei Leichen werden noch im Wrack vermisst.

Don Lorenzo, der Pfarrer, hat in jener Nacht im Januar seine Kirche aufgesperrt. Er hat Messgewänder, Altartücher und Teppiche ausgeteilt, damit die Schiffbrüchigen sich wärmen konnten. Damals war es eine große Herausforderung: Ein paar hundert Einwohner mussten über 4000 Passagiere und Besatzungsmitglieder versorgen.

Giglio ist seitdem nicht mehr, wie es einmal war. In der Unglücksnacht gab es hier eine große, tiefe Einigkeit. Alle gaben, was sie hatten und was sie konnten - für das gleiche Ziel. Und das hat die Einheit auf der Insel zementiert. Das bleibt. Auch dann, wenn Giglio wieder die glückliche Ferieninsel sein wird, die alle kennen. 

"Costa Concordia" soll im September aufgerichtet werden

Aber vorher muss es gelingen, die "Costa Concordia" aufzurichten. Das Bergungsteam ist zuversichtlich, dass dies funktioniert. Man hat alles berechnet und simuliert. "Aber ob es auch wirklich klappt, dass weiß man erst hinterher", sagt der Ingenieur Girotto. Mitte September also werden wieder alle Kameras und Mikrofone auf das Schiff gerichtet sein. Dann werden wieder Journalisten aus aller Welt von Giglio aus berichten. Von der Insel, die nichts weiter sein will, als ein zauberhaftes, kleines Ferienparadies. Ganz ohne die "Costa Concordia".

Dieser Beitrag lief am 27. August 2013 um 06:40 Uhr im Deutschlandradio Kultur.

Stand: 27.08.2013 11:56 Uhr

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