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Mehr als eine Woche nach der Havarie der "Costa Concordia" gerät die Reederei immer mehr ins Blickfeld der Ermittler. Der Zivilschutz schließt nicht aus, dass "blinde Passagiere" an Bord waren. Und Kapitän Schettino behauptet, er sei dazu gedrängt worden, extrem nah an der Insel Giglio vorbeizufahren.
Von Tilmann Kleinjung, ARD-Hörfunkstudio Rom
Franco Gabrielli, der Chef des italienischen Zivilschutzes, will keine Zahlen mehr nennen, außer denen, die wirklich sicher sind: 13 Todesopfer wurden bisher geborgen, von diesen wurden acht identifiziert, darunter ist nach italienischen Polizeiangaben ein Deutscher.
Dazu kommt eine Zahl X, die für die Vermissten steht. Da gibt es überhaupt keine Sicherheiten. Denn mittlerweile suchen die Retter auch nach einer Frau aus Ungarn, deren Name nicht auf der Passagierliste steht, deren Angehörige sie aber auf der "Concordia" vermuten. Franco Gabrielli spricht von weiteren möglichen "blinden Passagieren": Da könnten theoretisch noch X Personen sein, die noch nicht gemeldet wurden, weil sie blinde Passagiere waren."
So ein Satz regt natürlich die Fantasie an: Gab es in der Besatzung der "Concordia" Billigarbeiter, die gar nicht erst registriert wurden? Die Reederei Costa Crociere weist solche Vorwürfe zurück. In Italien gilt die Gesellschaft als seriöser und korrekter Arbeitgeber.
Auch tausende Angestellte der Costa fürchten um den guten Ruf des Unternehmens und um ihre Arbeitsplätze. Gestern sind sie in Genua auf die Straße gegangen. "Wir sind Teil eines Unternehmens, einer Besatzung. Wir sind eine Familie. Selbst wenn nur noch eine Person in den Wellen ist, wollen wir ihr beistehen. Es reicht mit den Polemiken, Diskussionen und Worten", sagt eine Angestellte.
Doch die Staatsanwaltschaft fördert neue Details zu Tage, die Zweifel am korrekten Verhalten der Reederei aufkommen lassen. So war die Black Box der Concordia bereits seit zwei Wochen nicht mehr funktionsfähig.
[Bildunterschrift: Der Hauptbeschuldigte, Kapitän Francesco Schettino ]
Und der Hauptbeschuldigte, Kapitän Francesco Schettino, gibt an, auf Anweisung des Unternehmens gehandelt zu haben, als er so nah an der Insel Giglio vorbeifuhr: "Machen Sie Werbung und grüßen Sie die Insel", zitiert Schettino seine Auftraggeber. Sein Anwalt Bruno Leporatti sagt: "Bevor wir von irgendwelchen Verantwortlichkeiten sprechen, müssen in einer Reihe von Untersuchungen diese Verantwortlichkeiten belegt werden. Was waren die Gründe für den Zusammenstoß mit dem Felsen: Ein falsches Manöver, falsche Seekarten, eine zu hohe Geschwindigkeit - das kann ich nicht sagen. Es wird technische Untersuchungen geben, die das klären."
Unter den Kapitänen der Costa-Linie soll dieses nahe Vorbeifahren an Inseln und Städten üblich gewesen sein, gibt Schettino zu seiner Verteidigung an. Und auch der Bürgermeister von Giglio, Sergio Ortelli, muss sich unangenehme Fragen gefallen lassen, weil er sich noch im vergangenen August für ein solches Manöver ausdrücklich bedankt hat: "Am 14. August wurde ich von der Costa kontaktiert und man teilte mir mit, dass ein Kreuzfahrtschiff vorbeifährt - und zwar in perfektem Sicherheitsabstand. Ich schrieb dem Kapitän und bedankte mich auch bei der Reederei. Das war eine einmalige Angelegenheit. Nur das eine Mal. Und sicherlich nicht im Januar."
Mittlerweile ist die "Costa Concordia" komplett von schwimmenden Barrieren umzingelt. Sie sollen die giftigen Flüssigkeiten, die austreten, abfangen. Bisher sind vor allem Lösungsmittel und andere Chemikalien sowie haufenweise Müll ins Meer gelangt, aber noch keine nennenswerten Mengen Öl. Heute soll ein Komitee aus Technikern und Wissenschaftlern entscheiden, ab wann das Öl abgesaugt wird.
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