"Concordia"-Crew wiegelte in Telefonat die Küstenwache ab

Costa Concordia

"Concordia"-Crew wiegelte in Telefonat die Küstenwache ab

Lügen, die vermutlich Menschenleben kosteten

Nach der "Concordia"-Havarie ist ein weiteres Telefonat veröffentlicht worden - und das macht viele sprachlos. Denn obwohl der Maschinenraum bereits geflutet war, wiegelte die Crew ab: Es gebe einen Stromausfall. Eine Lüge, die die Hilfe verzögerte. Fragwürdig sind auch Aussagen der Reederei.

Von Stefan Troendle, ARD-Hörfunkkorrespondent Rom

Lügen, Ausreden, Unfähigkeit - inzwischen werden immer neue Details zur "Costa-Concordia"-Katastrophe bekannt. Jetzt wurde in Italien der Mitschnitt des ersten Telefonats zwischen der Küstenwache in Livorno und der Kommandobrücke des havarierten Kreuzfahrers bekannt - 40 Minuten, nachdem das Schiff die Klippen vor Giglio gerammt hatte, als der Maschinenraum des Schiffes schon geflutet war.

"Wir bleiben erst einmal hier, wir haben einen Stromausfall"

Anlass für die Nachfrage der Küstenwache war ein privater Notruf per Handy. Das Schiff hatte noch nicht SOS gefunkt. "Guten Abend 'Costa Concordia', entschuldigen Sie, haben Sie vielleicht Probleme an Bord?", so die Frage aus Livorno. Die Antwort vom Schiff: "Ja, wir haben einen Stromausfall an Bord und überprüfen gerade die Lage." Auf die Frage, ob das Schiff Hilfe brauche oder erst einmal vor der Insel liegen bleiben wolle, heißt es von Bord: "Ja, ich bestätige, wir bleiben erst einmal hier, weil wir einen Stromausfall haben."

Die Küstenwache fragt weiter: "Was für ein Problem habt Ihr denn? Nur der Generator? Die Carabinieri von Prato haben einen Anruf erhalten - von einem Verwandten eines Seemanns, der sagte, dass ihm alles auf den Kopf gefallen ist." Vom Schiff heißt es: "Nein, negativ. Wir haben einen Stromausfall und überprüfen die Situation an Bord." Und auch auf die nächste Nachfrage hin wird abgewiegelt. "Die Passagiere haben uns informiert, dass sie die Rettungswesten anlegen mussten. Ist das korrekt?" Die Antwort vom Schiff: "Ich habe schon gesagt: Wir überprüfen gerade die Ursache des Stromausfalls."

Küstenwache traute den Informationen nicht mehr

Der Offizier am Funk hat die Küstenwache also bewusst angelogen. Ob er auf Befehl handelte, weiß man nicht. Klar ist aber, dass dadurch der Start der Rettungsaktion verzögert wurde, dass deswegen Menschen ums Leben gekommen sind, die also vielleicht nicht hätten sterben müssen. "Wir halten Sie auf dem Laufenden", heißt es am Ende des Gesprächs. Eine weitere Lüge. Die Küstenwache löste dann eigenständig Großalarm aus, weil sie den Aussagen nicht traute und keine Informationen bekam.

Widersprüchliche Angaben zu Frau auf der Brücke

Ob dieses Verhaltens der Crew muss man auch die Ausbildungspraktiken und die Rolle der Reederei Costa Crociere immer stärker hinterfragen. Denn diese verwickelt sich in einen dubiosen Widerspruch nach dem anderen. Heute Morgen gab es Meldungen, auf der Brücke sei eine blonde Frau in Gesellschaft des Kapitäns gesehen worden. Zuerst hieß es bei Costa, man wisse von nichts. Anschließend hieß es, die junge Dame stünde auf der Passagierliste. Sie will angeblich nach der Kollision als Übersetzerin für russische Besatzungsmitglieder auf die Brücke geeilt sein. Wobei man sich dann ebenfalls fragen muss, ob es auf dem Schiff denn keine regulären Übersetzer gab, falls diese benötigt wurden.

Der Anwalt der Reederei sagte auch, er wisse nichts von Begrüßungs-Vorbeifahrten nah am Ufer, obwohl diese bisher offenbar regelmäßig stattgefunden haben. Costa hat den Unglückskapitän offiziell vom Dienst suspendiert und ihm auch den rechtlichen Beistand entzogen.

Die "Costa Serena", ein Schwesterschiff der "Concordia", fährt unweit des Wracks an der Insel Giglio vorbei (Bildquelle: AFP)
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Die "Costa Serena", ein Schwesterschiff der "Concordia", fährt unweit des Wracks vorbei. Die Reederei will von Begrüßungsfahrten nah am Ufer nichts gewusst haben.

Kevin Rebello mit einem Bild seiner Bruders Russel. Er hat als Kellner auf dem Schiff gewarbeitet und gilt als vermisst. (Bildquelle: AFP)
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Kevin Rebello mit einem Bild seiner Bruders Russel. Er hat als Kellner auf dem Schiff gearbeitet und gilt als vermisst. Auch von mehreren Deutschen gibt es kein Lebenszeichen.

Deck 4 inzwischen vollständig abgesucht

Die Suche an Bord des Wracks ging unterdessen weiter. Marinetaucher sprengten unter Wasser mehrere Löcher in den Rumpf, um weitere Zugänge ins Schiffsinnere zu schaffen. So konnte das Deck 4 inzwischen vollständig abgesucht werden. Weitere Opfer wurden aber nicht gefunden. Im Wrack werden noch 21 Personen vermutet, insgesamt gelten aktuell 24 Menschen als vermisst. Von fünf schon geborgenen Toten stammen zwei aus Frankreich, drei sind noch nicht identifiziert worden.

Unter den Vermissten sind zwölf Deutsche. Deren Angehörige werden in einem Hotel in Orbetello psychologisch betreut. "Sie wollen als erstes erfahren, was aus ihren Verwandten geworden ist. Sie wollen wissen, wie sie gestorben sind und sie wollen Gerechtigkeit. Sie wollen, dass dieser Kapitän nie wieder irgendetwas steuert in seinem Leben", berichten Helfer.

Es gibt noch eine Meldung, die in diesem Zusammenhang wie purer Hohn klingt, Quelle ist ein Zeitungsinterview mit einem Schweizer Passagier. Dieser sagte, als der Kapitän die "Costa Concordia" auf die Klippen setzte, lief im Bordrestaurant "My heart will go on" von Celine Dion - der Titelsong aus dem Film "Titanic".

Stand: 19.01.2012 19:54 Uhr

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