Zur Haupt-Navigation der ARD.
Zum Inhalt.

27.05.2012

ARD-Logo

Suche in tagesschau.de

Hauptnavigation
Multimedia
Inhalt
Ausland
Ozeanriese Costa Concordia auf Grund gelaufen
Zahl der Vermissten nach Kreuzfahrt-Katastrophe unklar
Suche nach Vermissten dauert an

Kreuzfahrt-Drama vor Italiens Küste

Die meisten der rund 3200 Passagiere saßen noch beim Abendessen, als das Kreuzfahrtschiff "Costa Concordia" nahe der Insel Giglio auf Grund lief. An Bord des Luxusliners spielten sich nach Angaben von Passagieren dramatische Szenen ab. Ein heftiger Stoß habe das Schiff erschüttert, Teller und Gläser seien zu Bruch gegangen, Menschen schrieen. Einige Reisende sprangen in Panik über Bord - die Insel liegt nur wenige Hundert Meter von der Unglücksstelle entfernt. Rettungsmannschaften berichteten, sie hätten bis zu 150 Menschen aus dem Meer gezogen und an Land gebracht.

Die Rettungsarbeiten vor der italienischen Westküste dauern noch an. Denn auch Stunden nach der Katastrophe ist die Zahl der Vermissten weiter unklar. Mindestens drei Menschen kamen ums Leben. Ihre Leichen wurden nach Angaben der Küstenwache geborgen. Die italienische Nachrichtenagentur ANSA meldete, bei den Toten handle es sich um zwei Franzosen und einen Peruaner. Rund 40 Menschen seien verletzt worden. Laut ANSA ist bislang der Verbleib von 4165 Menschen geklärt - an Bord befanden sich aber etwa 4230 Passagiere und Besatzungsmitglieder. Das kann nach Angaben der Behörden aber auch darauf zurückzuführen sein, dass noch nicht alle Geretteten registriert wurden.

Der Einsatz wird durch die schwere Schlagseite der "Costa Concordia" erschwert: Das Schiff hat sich mittlerweile um 80 Grad nach Steuerbord geneigt. Zudem klafft ein etwa 70 Meter langer Riss in der linken Seite. Nach Angaben der Feuerwehr gibt es auch auf der Steuerbord-Seite des Schiffs Beschädigungen des Rumpfes. Der Sprecher der Küstenwache, Alessandro Nicastro, sprach von "einer gefährlichen Suche". Denn das Schiff könnte weiter sinken. Dennoch suchten seine Leute Gewissheit: "Wir müssen wissen, ob da noch Menschen sind. Vielleicht leben sie noch, eingeklemmt in einem Hohlraum. Und deshalb machen wir weiter unter sehr schwierigen Bedingungen."

Kritik der Geretteten

Einige Gerettete übten mittlerweile scharfe Kritik am Personal: Die Rettungsboote seien viel zu spät zu Wasser gelassen worden. Erst eine Stunde nach der Havarie sei Alarm ausgelöst worden. Zudem sei das Personal schlecht vorbereitet gewesen und teils unfähig, die Rettungsschiffe zu steuern. Eine Passagierin erzählte der Nachrichtenagentur dapd, die Besatzung habe vor dem Start der Reise kaum Anweisungen für den Fall einer Evakuierung gegeben. Eine entsprechende Übung sei erst für den heutigen Samstag geplant gewesen. Ein Crew-Mitarbeiter sagte der BBC, es habe Stunden gedauert, die Menschen vom Schiff zu bekommen. Vertreter der Küstenwache äußerten sich bislang nicht zu den Vorwürfen.

Italienische Nachrichtenagenturen meldeten unterdessen die Festnahme des Kapitäns. Ein Sprecher der Betreibergesellschaft Costa Crociere sagte, das Schiff sei offenbar unter Wasser gegen einen Felsen gerammt. Der Schiffskommandant erklärtein einem Fernsehinterview, der Felsen sei auf Seekarten nicht eingezeichnet.

Deutsche Überlebende auf der Heimreise

Zum Unglückszeitpunkt gestern Abend befanden sich neben etwa 1000 Crew-Mitglieder rund 3200 Passagiere, darunter 1000 Italiener, 500 Deutsche und 150 Franzosen an Bord. Das Auswärtige Amt hat bislang keine Hinweise auf deutsche Opfer. Das zuständige Generalkonsulat in Mailand hat nach Angaben einer Ministeriumssprecherin einen Krisenstab eingerichtet. Die Kreuzfahrtgesellschaft organisiere derzeit die Rückreise der deutschen Passagiere, sagte der Sprecher von Costas Deutschland, Werner Claasen. Sie würden noch heute von Rom aus nach Deutschland geflogen.

Hotline des Kreuzfahrtunternehmens:

Für Informationen für Angehörige deutscher Passagiere hat das Kreuzfahrtunternehmen Costa Crociere eine Hotline mit der Rufnummer 040/570121314 eingerichtet.
 

Kollision ganz nah an der Küste

Offensichtlich kollidierte die "Costa Concordia" mit einer Sandbank oder einem Felsen. Unklar ist, ob sie zu diesem Zeitpunkt noch voll manövrierbar war. Die Crew hatte einige Stunden nach dem Ablegen in Civitavecchia technische Probleme an die Hafenbehörde gemeldet. Die Küstenwache teilte mit, der erste Alarm sei gegen 22.30 Uhr eingegangen, etwa drei Stunden, nachdem das Schiff abgelegt hatte. Passagiere erzählten, die Crew habe von einem "technischen Defekt" gesprochen.

Einer ersten Rekonstruktion zufolge rammte das Schiff gegen 21.30 Uhr einen Felsen. Nachdem Wasser in das Schiff eintrat, habe der Kapitän versucht, den Hafen der Insel Giglio anzusteuern, um eine noch größere Katastrophe zu verhindern, sagte Gianni Onorato, Generaldirektor der Kreuzfahrtgesellschaft. Die Präfektur in Grosseto teilte mit, sie lasse prüfen, wie die 2400 Tonnen Treibstoff in den Tanks gesichert werden könnten, um eine größere Umweltverschmutzung zu vermeiden.

"Wie aus dem Film 'Titanic'"

Reisende berichteten von einem lauten Knall und einem kurzzeitigen Stromausfall. Eine Reisende erzählte: "Wie man es aus dem Film 'Titanic' kennt. Die Vasen sind von den Theken gefallen, ich habe Leute stolpern sehen. Und dann wurden die Leute sehr, sehr unruhig. Manche sind rausgegangen und haben geguckt. Das Einzige, was wir gesehen haben: Wir waren sehr nah am Land."

Ein anderer Passagier erzählt: "Die Angst war gewaltig. Uns war klar: Es ist was Schlimmes passiert. Auch das Personal war sehr verunsichert und verängstigt."

Audio: Tragisches Ende einer Kreuzfahrt vor Italiens Westküste

AudioTilmann Kleinjung, ARD-Hörfunkstudio Rom 14.01.2012 17:43 | 3'30
  • Download Download der Audiodatei: 
    Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:
    Technische Details einblenden

Acht Kreuzfahrt-Tage im Mittelmeer waren geplant

Die in Genua ansässige Kreuzfahrtgesellschaft Costa Crociere nannte den Unfall ihres Schiffes eine "bestürzende Tragödie" und sprach den Angehörigen der Opfer ihr Beileid aus.

Das 2006 gebaute Schiff gehört nach Angaben des Eigners zu den neuesten und größten Kreuzfahrtschiffen, die derzeit auf den Meeren unterwegs sind. Die achttägige Mittelmeerkreuzfahrt sollte von Civitavecchia nahe Rom über Savona, Marseille, Barcelona, Palma de Mallorca und Cagliari nach Palermo führen.

Es ist nicht der erste Zwischenfall mit dem Schiff. 2008 hatte der Kreuzfahrer bei der Einfahrt in den Hafen von Palermo die Hafenbefestigung gerammt und war leicht beschädigt worden. Zum Zeitpunkt des Unfalls fegten heftige Sturmböen über die sizilianische Hafenstadt.

Hintergrund:

Kreuzfahrtschiff Costa Concordia (Foto: picture-alliance/ dpa)
Die "Costa Concordia" ist etwa 290 Meter lang, 35,5 Meter breit, hat einen Tiefgang von rund acht Metern und eine Höchstgeschwindigkeit von 23 Knoten (rund 43 km/h). 1100 Besatzungsmitglieder können bis zu 3780 Passagiere in 1500 Kabinen betreuen. Die "Costa Concordia" wurde für etwa 450 Millionen Euro von dem italienischen Werftenkonzern Fincantieri gebaut und 2006 an die Kreuzfahrtgesellschaft Costa Crociere übergeben. Sie ist das Flaggschiff der Reederei und das erste von insgesamt fünf Kreuzfahrtschiffen der sogenannten Concordia-Klasse. Die Schiffe bieten Luxus: Fünf Restaurants, 13 Bars, fünf Whirlpools, vier Swimmingpools und ein Wellnessbereich auf 6000 Quadratmeter, ein 4D-Kino und ein Theater über drei Etagen.
 
Großansicht der Karte [Kartenunterschrift: Das Kreuzfahrtschiff lief vor der Insel Giglio auf Grund. ]
Stand: 14.01.2012 21:34 Uhr
 

© tagesschau.de

tagesschau.de ist für den Inhalt externer Links nicht verantwortlich.

Die Landesrundfunkanstalten der ARD: BR, HR, MDR, NDR, Radio Bremen, RBB, SR, SWR, WDR,
Weitere Einrichtungen und Kooperationen: ARD Digital, ARTE, PHOENIX, 3sat, KI.KA, DLF/ DKultur, DW