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Beweisaufnahme zum Schiffsunglück
Katastrophales Zeugnis für Crew der Concordia
Schlecht ausgebildetes Personal, eine überforderte Kommandobrücke und ein Kapitän, der Befehle viel zu spät erteilt: Je mehr Details bekannt werden, desto katastrophaler erscheint das Krisenmanagement der Concordia-Verantwortlichen. Heute geht die Beweisaufnahme weiter.
Von Stefan Troendle, ARD-Hörfunkstudio Rom
"Hard to port" - "Hart Backbord", scharf nach links steuern. So lautete das letzte Ruderkommando von Francesco Schettino, dem Kapitän der Costa Concordia. Am 13. Januar war das, um 21:45 Uhr und vier Sekunden. Genau drei Sekunden später rammt sein Kreuzfahrtschiff mit einer Geschwindigkeit von 30 Kilometern pro Stunde die Felsen vor der Insel Giglio. Das Krachen des Aufpralls ist noch auf der Brücke zu hören.
"Mach die Schotten dicht"
Dass ernsthafte Schäden entstanden sein müssen, beweisen die sofort losgehenden Alarmmelder. Ein Offizier ordnet an, die wasserdichten Schotten im Heck zu schließen. Es folgen ein paar Ruderkommandos, die leise Stimme eines Mannes ist zu hören: "Mamma mia, das war meine Schuld". Dann wird es hektisch: "Los, macht sofort die Schotten zum Maschinenraum zu, Diego. Diego - die Schotten zum Maschinenraum schließen! Da hinten auf dem Schaltbrett für Notfälle. Mach die Schotten dicht!" Schließlich ist die Stimme von Schettino zu hören: "Wogegen sind wir eigentlich gefahren?" "Na auf den Felsen da drüben", antwortet eine andere männliche Stimme.
Beweisaufnahme "Costa Concordia": Gutachten, Blackbox und Auftritt des Kapitäns
S. Troendle, ARD Rom
15.10.2012 07:15 Uhr
Diese Echtzeit-Chronik der Katastrophe ist ein Teil des Mitschnitts der Black Box, dem Stimmenrekorder von der Brücke der Costa Concordia, dessen Auswertung den Untersuchungsrichtern in Grosseto heute offiziell vorgestellt wird. Teile der Aufnahme wurden aber bereits vorab bekannt, genauso wie die Analyse der Gutachter, die das Ergebnis ihrer Untersuchungen ebenfalls ab heute vorlegen. Die Kurzfassung: Auf der Brücke der Costa Concordia herrschte bereits vor dem Unglück Chaos, das Personal war ungeeignet und konnte sich nicht verständigen. Zudem hat Kapitän Schettino Befehle viel zu spät erteilt und dann auch noch die Küstenwache wissentlich angelogen.
Viele Vorwürfe sind nun bestätigt
Der Untersuchungsbericht bestätigt damit viele Vorwürfe, die nach dem Unglück bereits aufkamen, und er wirft auch kein gutes Bild auf die Reederei Costa Crociere, die versucht, Schettino zum Alleinschuldigen zu machen. Unter anderem wird kritisiert, dass der Kommandant und der Krisenmanager von Costa Crociere Alarmmeldungen und die Evakuierung der Passagiere von Bord absichtlich verzögert haben, obwohl ihnen die bedrohliche Lage klar gewesen sein muss. Bereits sechs Minuten nach dem Unglück um 21.51 Uhr habe Schettino realisiert, dass das Schiff unterzugehen droht, heißt es in dem Gutachten. Um spätestens 22 Uhr hätte er deswegen den Befehl zum Verlassen des Schiffes geben müssen.
Um 22.27 Uhr habe der Kapitän aber erst mal den verantwortlichen Manager der Reederei, Roberto Ferrarini, darüber informiert, dass die Maschinenräume und drei Abteilungen unter Wasser stünden. Ferrarini wusste also durch mehrere Telefonate vermutlich recht genau Bescheid, gab sich aber neun Minuten später in einem Telefonat mit der Küstenwachzentrale in Rom sehr gelassen. "Der Kommandant sagt, es sei alles unter Kontrolle, also wurde noch nicht entscheiden, ob das Schiff verlassen wird?" - "Nein, aber das passiert in diesem Augenblick. Die Insel Giglio ist ja sehr nah. Ich habe ihm jedenfalls gesagt, dass er die Küstenwache verständigen soll."- "Ja, er ist in Kontakt mit Livorno."
"Wollen wir vielleicht mal den Befehl zum Verlassen geben?"
In der Tat: Mit Livorno war die Costa Concordia in Kontakt, aber erst, nachdem Passagiere über die Carabinieri auf dem Festland Alarm geschlagen hatten. Als Küstenwachen-Offiziere von dort vorsichtig nachfragten, lautete die gelogene Antwort von der Costa Concordia, man habe nur einen Stromausfall. Wertvolle Minuten wurden so verschenkt. Minuten, die sehr wahrscheinlich dazu beigetragen haben, dass bei dem Unfall 32 Menschen ums Leben gekommen sind. Erst kurz vor 23 Uhr gibt Schettino schließlich den Befehl, das Schiff aufzugeben: "Wollen wir jetzt vielleicht mal den Befehl zum Verlassen des Schiffes geben? Nein, sag etwas anderes, sag, wir bringen die Passagiere an Land."
Dass er anschließend selbst vor allen anderen flüchtet und seine Passagiere im Stich lässt, ist ein weiteres Detail der Schiffskatastrophe, die durch Schlamperei, fehlendes Training und nicht beachtete Sicherheitsverfahren verursacht wurde. Im Gutachten ist nämlich auch festgehalten, dass Teile der Besatzung nicht einmal die Arbeitssprache an Bord, italienisch, verstanden. Selbst wenn sie entscheidende Aufgaben hatten, wussten sie nicht, was sie im Notfall zu tun hatten. In einem Video wurde zum Beispiel festgehalten, wie offenbar Schiffsköche verzweifelt versuchten, ein Rettungsboot zu wassern und dabei scheiterten.
Verfahren dürfte noch Jahre dauern
All diese Fakten kommen heute auf den Tisch, beziehungsweise auf drei Großbildleinwände im neuen Theater von Grosseto. Dahin wurde die Beweisaufnahme der Voruntersuchung verlegt - bis zu 1300 Personen haben dort Platz. Kapitän Schettino hat übrigens angekündigt, der Voranhörung persönlich beizuwohnen. Er wolle sich und seine Kompetenz einbringen, sagte er.
Heute und morgen kommen jedoch zunächst verschiedene Gutachter der Anklage zu Wort, am Mittwoch geht es dann um die Aufnahmen aus der Black Box. Wann der Prozess um das Unglück der Costa Concordia beginnt, steht übrigens immer noch nicht fest - möglicherweise im kommenden Frühjahr. Klar ist nur: Es wird eines der größten Verfahren werden, die es in Italien je um einen Unfall gegeben hat und: es dürfte Jahre dauern.
Beweisaufnahme nach Schiffsunglück wird fortgesetzt
tagesschau 12:00 Uhr, 15.10.2012, Mira Barthelmann, ARD Rom
Stand: 15.10.2012 07:44 Uhr
