Seitenueberschrift

Die

Giglio nach dem "Costa Concordia"-Untergang

Ein Jahr Leben mit dem Wrack

Vor einem Jahr sank die "Costa Concordia" vor der kleinen italienischen Insel Giglio. Seither dominiert das Wrack des Kreuzfahrtschiffs den Blick auf die Hafeneinfahrt. Die Bewohner von Giglio wollen nur noch eines: dass die "Costa Concordia" so schnell wie möglich entfernt wird.

Von Tilmann Kleinjung, ARD-Hörfunkstudio Rom, zzt. Giglio

Normalerweise steckt Giglio Mitte Januar tief im Winterschlaf. Doch im Jahr Eins nach dem Untergang der "Costa Concordia" ist alles anders. Es herrscht geschäftiges Treiben am Hafen von Giglio. Ständig kommen Schiffe an, die Material oder Arbeiter vom Wrack zur Insel bringen - und umgekehrt.

Mario Pellegrini, der stellvertretende Bürgermeister, erinnert sich noch gut an jenen 13. Januar, an dem "seine" Insel über Nacht weltweite Berühmtheit erlangte. "Ich habe diese Tragödie persönlich erlebt mit allem, was sie mit sich brachte. Die Menschen, die um Hilfe schrien, habe ich immer noch im Ohr. Aber der schlimmste Tag war der, als ich die Angehörigen der Opfer in Empfang nehmen musste." 32 Passagiere und Besatzungsmitglieder der "Costa Concordia" verloren in dieser Nacht ihr Leben. Ohne die schnelle Hilfe der Inselbewohner wären es vermutlich noch mehr gewesen.

Giglio: Ein Jahr Leben mit dem Wrack
T. Kleinjung, ARD Rom
11.01.2013 13:58 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Pellegrini setzte sich damals ins erste Rettungsboot, das an der Insel landete, und fuhr die 100 Meter zur Concordia zurück. Da war Kapitän Francesco Schettino gerade dabei, das sinkende Kreuzfahrtschiff zu verlassen. "Ich glaube nicht, dass ich deswegen ein Held bin. Da waren Menschen, die um Hilfe schrien und Alte, die wirklich Unterstützung brauchten. Wir haben also unseren Nächsten geholfen, wie das viele jeden Tag machen."

"Entschuldigung, aber jetzt muss ich die anderen holen"

Blick am Kirchturm von Giglio vorbei auf das Wrack der "Costa Concordia"
galerie

Blick am Kirchturm von Giglio vorbei auf das Wrack der "Costa Concordia"

Giglio ist eine kleine Insel, vor allem im Winter, wenn nur wenige hundert Bewohner dem unwirtlichen Klima trotzen. Mit der Havarie der Concordia kamen auf einmal Tausende - in nur einer Nacht. "Man wusste ja gar nicht, wer das war", erinnert sich Don Lorenzo, der Pfarrer der Gemeinde. "Da kam eine fünfköpfige Familie hier am Hafen an. Die haben sie nach Haus gebracht und gesagt: 'Hier ist die Dusche, hier das Sofa. Entschuldigung, aber jetzt muss ich runter gehen, um die anderen zu holen.'"

In der Nacht vom 13. auf den 14. Januar wuchsen die Bürger von Giglio über sich hinaus. Das weiß niemand besser als Don Lorenzo. Der Pfarrer öffnete damals seine Kirche für die Schiffbrüchigen und versorgte sie zusammen mit vielen Helfern: Decken, trockene Kleidung, heiße Getränke. Das war vor einem Jahr. Heute hätte der Geistliche einfach gerne wieder seine Ruhe: "Die Menschen von Giglio fühlen sich gestört von diesem Schiff. Es nervt, es nervt! Aber natürlich sind sie stolz auf das, was sie geleistet haben."

"Niemand weiß, wann dieses Schiff entfernt wird"

Die "Costa Concordia" liegt immer noch dort, wo sie vor einem Jahr gestrandet ist. Um sie herum ist eine schwimmende Stadt gewachsen: Container, Plattformen, Schiffe, von denen aus rund um die Uhr an der Bergung gearbeitet wird. Gerade eben wurde gemeldet: Die "Concordia" kann nicht vor September von der Insel weggeschleppt werden.

Rund um das Wrack ist vor Giglio eine schwimmende Stadt entstanden.
galerie

Rund um das Wrack ist vor Giglio eine schwimmende Stadt entstanden. (Foto: Tilmann Kleinjung)

Also wird wohl noch eine Sommersaison unter dem Wrack vor der Insel leiden, stöhnt die Chefin des örtlichen Tourismusverbandes, Elizabetta Nanni: "Mehr noch als Müdigkeit oder Ärger verspüren wir Furcht. Niemand weiß doch, wann genau dieses Schiff entfernt wird. Es gibt viele Unwägbarkeiten." Der vergangene Sommer lief nicht gut für Giglio, das zu 99 Prozent vom Tourismus lebt. Ob die Krise in Italien daran schuld war oder die abschreckenden Bilder von der "Concordia" - man weiß es nicht.

"Man kommt, um zu sehen, was passiert ist"

"Wir hatten allerdings einen Boom bei den Tagestouristen", sagt Nanni. "Menschen, die am Morgen kommen mit einem Brötchen im Gepäck, sich die 'Concordia' anschauen und dann wieder gehen." Auf der Insel gibt es nichts, was einen Katastrophentourismus anziehen würde. Keine Postkarten von der Concordia, keine makabren Souvenirs. "Darum geht es den meisten auch gar nicht", sagt Don Lorenzo. "Man kommt doch, um zu sehen was hier passiert ist. Um die Dimensionen der Katastrophe zu begreifen. Das ist OK. Also ich wäre deshalb gekommen."

Zur ganzen Wahrheit gehört aber auch, dass es Unternehmer auf Giglio gibt, die nicht unter dem Wrack leiden. Zumindest nicht wirtschaftlich. Caterina Pellegrini nahm in der Nacht des Unglücks 50 Menschen in ihrem Haus auf. Jetzt ist ihre kleine Pension wieder voll - diesmal mit zahlenden Gästen. "Ich habe hier Ingenieure aus aller Welt, aus Deutschland, aus Holland, Frankreich oder Argentinien, die hier ein und ausgehen und bestimmt vorher noch nie etwas von Giglio gehört hatten."

1/

Ein Jahr nach der Havarie der "Costa Concordia"

Gedenkfeier in Giglio

Am Jahrestag des Unglücks wurde mit Sirenengeheul und einer Schweigeminute auf der Insel Giglio der Opfer gedacht. Angehörige der 32 Todesopfer und Überlebende versammelten sich im Hafen. (Foto: dpa)

"In uns ist vor allem die Trauer"

Das Unglück der "Costa Concordia" hat Giglio für immer gezeichnet. Selbst wenn eines Tages das Wrack entfernt ist und die letzten Techniker und Bergungsteams die Insel verlassen haben, wird Giglio nicht in seinen paradiesischen Urzustand zurückkehren. Es wird immer die Insel bleiben, vor der am 13. Januar 2012 die "Costa Concordia" havarierte und 32 Menschen starben. "In uns ist vor allem die Trauer", sagt Caterina Pellegrini. "Jeden Morgen sehe ich aus dem Fenster und sehe das Schiff und bitte um die ewige Ruhe für die, die hier gestorben sind.  Das machen viele so, wir werden uns immer an diese Menschen erinnern."

Die schwierige Bergung der ''Costa Concordia''
tagesschau24 12:30 Uhr, 12.01.2013, P. Dalheimer, ARD Rom

Download der Videodatei

Wir bieten dieses Video in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Videodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Stand: 12.01.2013 13:56 Uhr

Darstellung: