Labour-Chef Corbyn | Bildquelle: AFP

Parteitag in Brighton Labour bejubelt den neuen Linken

Stand: 29.09.2015 18:42 Uhr

Mit langem Applaus hat die britische Labour-Partei die erste Parteitagsrede ihres neuen Vorsitzenden gefeiert. Partei-Chef Corbyn betonte, dass er Luftangriffe auf den "IS" ablehne und mehr für Geflüchtete tun wolle. Bei anderen Themen blieb er unkonkret.

Von Jens-Peter Marquardt, ARD-Hörfunkstudio London

Kann er das überhaupt? Vor einem großen Parteitag reden? Vom Teleprompter ablesen, ohne sich zu verhaspeln? Die politischen Beobachter hatten ihre Zweifel. Sie sagten Jeremy Corbyn, dem bisherigen Hinterbänkler und Parteirebellen, ein Desaster am Rednerpult in Brighton voraus. Es kam anders. Die Delegierten empfingen ihren neuen Vorsitzenden mit minutenlangem Applaus.

Und Corbyn machte sich erst einmal über die lustig, die mit ihm das Ende der Welt gekommen sehen: "Eine Schlagzeile besagte, Jeremy Corbyn würde es begrüßen, wenn ein Asteroid die Menschheit auslöschte. Nun, das würde ich niemals tun, wenn wir darüber nicht vorher auf dem Parteitag debattiert hätten."

Eine andere Politik

Corbyn will eine andere Politik; er will aber auch eine andere Art des Politik-Machens. Er will Diskussionen, eine Politik von unten, von den 160.000 neuen Mitgliedern, die in den vergangenen Wochen in die Labour Party eingetreten sind.

Labour-Parteitag in Brighton: Erste Rede des neuen Parteichefs Jeremy Corbyn
29.09.2015

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Deshalb präsentierte Corbyn heute in seiner ersten Rede auch kein detailliertes Programm. Er schlug nur wenige Pflöcke ein: Er ist gegen Luftangriffe auf IS-Stellungen in Syrien. Und Corbyn ist dagegen, Milliarden für die Modernisierung der britischen Atomwaffen auszugeben - dafür will er eine offenere Politik gegenüber Flüchtlingen in Großbritannien.

Es sei die größte humanitäre Krise seit dem Zweiten Weltkrieg, sagt Corbyn. "Aber unsere Antwort darauf reicht schlicht nicht aus. Lasst uns deshalb den Flüchtlingen die Hand der Menschlichkeit und Freundschaft reichen!"

Vorgänger abwesend

Keiner der früheren Labour-Chefs war nach Brighton gekommen, um den neuen Parteivorsitzenden zu hören, der sich mit einer klaren Mehrheit von 59 Prozent gegen drei Konkurrenten durchgesetzt hatte. Kein Tony Blair, kein Gordon Brown und auch nicht Ed Miliband, der im Mai die Unterhauswahl gegen Cameron verloren hatte und anschließend sofort zurück getreten war.

Sie erlebten nicht mit, wie Corbyn die Partei zum Kampf gegen die Konservativen aufrief und zum Comeback bei den Regionalwahlen des kommenden Jahres. Corbyn will die Sparpolitik beenden, die Kürzungen im Sozialetat rückgängig machen, ein sozialeres Großbritannien schaffen: "Eine freundlichere Politik, eine solidarische Gesellschaft, die sich um die Mitmenschen kümmert, diese Werte werden wir in das Zentrum der Politik unseres Landes stellen."

Austritt aus der NATO?

Wie weit er dabei gehen will, das verriet er in Brighton nicht. Ob er zum Beispiel seine alte Forderung nach einer Verstaatlichung der Schlüsselindustrien aufrecht erhalten oder aus der NATO austreten will - dazu sagte Corbyn heute nichts. Die Delegierten waren aber auch so begeistert und spendeten ihrem neuen Überraschungs-Vorsitzenden minutenlangen Beifall.

Labour-Parteitag mit neuem Chef Corbyn geht in Brighton zuende
G. Biesinger, ARD London
30.09.2015 07:42 Uhr

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