Contergangeschädigte Kinder

Contergan-Opfer in Spanien Der lange Kampf um Entschädigung

Stand: 05.08.2016 04:19 Uhr

Vor mehr als 50 Jahren wurde der Contergan-Skandal bekannt. Die Geschädigten findet man nicht nur in Deutschland. Auch in Spanien wurde das Medikament verschrieben. Doch die Opfer dort kämpfen bis heute um Entschädigung. Und mussten nun einen erneuten Rückschlag hinnehmen.

Von Oliver Neuroth, ARD-Studio Madrid

Mehr als ein halbes Jahrhundert ist es her, dass ein deutsches Medikament einen der weltweit größten Arzneimittelskandale auslöste: Contergan. Nahm eine schwangere Frau das Beruhigungsmittel ein, konnte es Fehlbildungen beim ungeborenen Kind verursachen. Bis zu 10.000 geschädigte Kinder sollen auf die Welt gekommen sein - 3000 davon in Spanien.

Die Opfer dort müssen nun einen harten Schlag hinnehmen: Das Verfassungsgericht in Madrid entschied, dass sie definitiv kein Recht auf Entschädigung durch das deutsche Pharma-Unternehmen "Grünenthal" haben. Die Opfer wollen das aber nicht hinnehmen.

Rafael Basterrechea ist fast zwei Meter groß, hat breite Schultern und fast immer ein Lachen im Gesicht. Erst auf den zweiten Blick fällt auf, dass er eine schwere Behinderung hat. Seine Arme sind verkürzt, vor allem der linke. Seine linke Hand ist deformiert. Rafael ist Opfer des Contergan-Wirkstoffs Thalidomid. Dieses Mittel hat viel in seinem Körper kaputt gemacht. Der 51-Jährige kann schlecht sehen, schlecht hören und muss täglich Medikamente nehmen.

Rafael Basterrechea kämpft als Vorsitzender der Contergan-Opfer-Vereinigung "Avite" um Entschädigung.
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Rafael Basterrechea kämpft als Vorsitzender der Contergan-Opfer-Vereinigung "Avite" um Entschädigung.

Wurde Skandal in Spanien bewusst vertuscht?

"Meine Mutter bekam 1961 ein Rezept für ein Arzneimittel der Firma Grünenthal - für Schlaftabletten. Sie nahm es und hat den Rest der Tabletten zu Hause aufbewahrt", erzählt Rafael. Das sei in Spanien damals so üblich gewesen: "Das Land war arm und die Leute konnten sich nicht ständig neue Medizin kaufen. Sie haben also Pillen weggelegt und genommen, wenn es nötig war." Im konkreten Fall von Rafaels Mutter immer dann, wenn sie Schlafprobleme hatte.

Rafaels Mutter nahm das Medikament 1965, als sie schwanger war - vier Jahre, nachdem die ersten Contergan-Schädigungen bekannt wurden und das Medikament in Deutschland längst vom Markt war. In Spanien wusste man kaum etwas über den Skandal, schon gar nicht in ländlichen Regionen, wo auch Rafaels Familie lebte. Nach Recherchen verschiedener Medien, unter anderem der "Süddeutschen Zeitung", besteht der Verdacht, dass das spanische Gesundheitsministerium den Contergan-Skandal damals bewusst vertuschen wollte.

So sieht es auch Rafael. Er versucht, es folgendermaßen zu erklären: "Wir lebten schließlich in einer Diktatur. Hier regierte General Franco. Er mochte Deutschland sehr. Für ihn war alles, was von dort kam, wunderbar, fantastisch und großartig."

"Grünenthal" hebelte Rechtsspruch aus

Rafael ist Vize-Präsident der spanischen Opfer-Vereinigung "Avite". Sie vertritt rund 300 Menschen, die durch den Contergan-Wirkstoff Thalidomid geschädigt wurden. Seit langem kämpfen sie für eine Entschädigung. 2013 hatte ein Bezirksgericht in Madrid den Betroffenen noch Recht gegeben. Den Klägern wurde damals für jeden Prozentpunkt ihrer Behinderung eine Entschädigung von jeweils 20.000 Euro zugesprochen.

Doch die Firma "Grünenthal" ging in Berufung und gewann. Zwei Gerichte urteilten, dass die Fälle längst verjährt seien. Das spanische Verfassungsgericht ließ einen Einspruch dagegen nicht zu. Eine Niederlage für den Opfer-Verband - ein Erfolg für das deutsche Pharma-Unternehmen. Dessen Sprecher Frank Schönrock sagt dazu: "Ich kann nicht so ganz verstehen, warum die Betroffenen-Organisation in Spanien den Klageweg einschlägt. Denn es gibt umfangreiche Versorgungssysteme. Und die können spanische Betroffene bei der Deutschen Contergan-Stiftung auch beantragen."

"Wir verstehen nicht, warum es hier anders sein soll"

Die Federführung der Stiftung hat der Bund. Er zahlte zur Gründung Anfang der 1970er-Jahre 100 Millionen D-Mark ein. Die gleiche Summe kam zusätzlich von der Firma "Grünenthal". Allerdings haben es spanische Geschädigte schwer, an eine Rente aus der Stiftung zu kommen. Das liegt daran, dass in Spanien neben den "Grünenthal"-Arzneimitteln Nachahmer-Medikamente mit demselben Wirkstoff auf dem Markt waren. Und heute kann kaum mehr jemand beweisen, welches Mittel die Frauen in den 1960er-Jahren eingenommen haben.

Rafael fühlt sich benachteiligt: "Wir verstehen nicht, warum die Situation der Betroffenen hier anders sein soll als in Deutschland. Es kann doch nicht sein, dass es in Italien, England, Irland oder Norwegen jeweils 300, 400 nachgewiesene Grünenthal-Opfer gibt und in Spanien nur sehr wenige. Das ist rein mathematisch nicht möglich."

Der spanische Contergan-Opfer-Verband "Avite" überlegt nun, vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte zu ziehen. Auch wenn das vielleicht nur ein symbolischer Schritt wäre, sagt Rafael. "Jeder Mensch muss Vertrauen in die Justiz haben, wir haben es jedenfalls. Aber klar: Wenn 300 behinderte Menschen aus Spanien gegen einen Pharma-Riesen antreten, der jedes Jahr Millionen verdient - das ist kompliziert. Wir haben Hoffnung, aber wir sind auch realistisch und wissen, dass es mit jedem Schritt schwieriger wird, einen Erfolg zu erzielen."

Entschädigung abgelehnt - Frust bei spanischen Contergan-Opfern
O. Neuroth, ARD Madrid
05.08.2016 03:37 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 05. August 2016 um 08:26 Uhr

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