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Reaktionen auf Concorde-Urteil
Völlig berechtigt oder unfassbar?
Vier Monate dauerte der komplizierte Prozess - am Ende gab es ein klares Urteil: Die Fluglinie Continental und einer ihrer Mechaniker seien schuld an der Concorde-Katastrophe vor zehn Jahren. Deren Anwälte toben: Das Gericht habe nur die französischen Interessen berücksichtigt.
Von Johannes Duchrow, NDR-Hörfunkstudio Paris
Der Prozess dauerte vier Monate, unendlich viele technische Detailfragen wurden diskutiert. Am Ende fällte das französische Gericht trotzdem ein erstaunlich klares Urteil: Nur die US-Fluggesellschaft Continental Airlines und einer ihrer Mitarbeiter sind Schuld an der Concorde-Katastrophe.
Ein schlecht gewartetes Flugzeug von Continental hatte vor zehn Jahren auf der Startbahn in Paris eine Titan-Lamelle verloren. Die schlitzte einen Reifen der Concorde auf. Die Trümmer dieses Reifens durchschlugen einen Treibstofftank des Überschalljets und setzten ihn in Brand. So das Urteil des Gerichts.
"Nur die französischen Interessen berücksichtigt"
Continental-Anwalt Olivier Metzner kann es nicht fassen: "Das Gericht hat nur die französischen Interessen berücksichtigt - auf Kosten der weltweiten Luftfahrt." Der Concorde-Unfall könne so ähnlich jederzeit wieder vorkommen, solange man in Frankreich weiter Flugzeuge unter den Bedingungen fliegen lasse, unter denen die Concorde flog. "Denn immerhin hat die französische Regierung schon zehn Jahre vor der Katastrophe darüber beraten, ob man den Überschalljet weiter fliegen lassen kann. Dass Frankreichs Interessen geschützt wurden, hat 113 Tote gefordert", monierte Metzner.
In der Tat kamen während des gesamten Prozesses immer wieder Details ans Licht, die auch den Hersteller des Flugzeuges, Air France als Betreiber und die Aufsichtsbehörde in Bedrängnis brachten. Die Concorde war überladen, im Unfallfahrwerk fehlte ein Ersatzteil, und vor allem: Immer wieder waren Reifen der Concorde geplatzt, zweimal war es fast zu einer Explosionskatastrophe gekommen. Daraus hätte die Aufsichtsbehörde Konsequenzen ziehen müssen, sagten die Anwälte von Continental.
Doch das Gericht hat dies alles deutlich anders gesehen. Continental muss 200.000 Euro Strafe zahlen und an Air France eine Entschädigung von einer Million Euro für den Imageschaden. Der Continental-Mitarbeiter, der im texanischen Houston die Lamelle an das vor der Concorde gestartete Flugzeug montiert hatte, wurde als einzige Einzelperson zu 15 Monaten Haft auf Bewährung und einer Geldstrafe verurteilt. "Ich verstehe nicht, wie man auf die Idee kommt, meinen Klienten zum einzigen Verantwortlichen für den Concorde-Absturz zu machen", kritisiert sein Anwalt François Esclatine. "Er ist Mechaniker und der soll allein verantwortlich sein?" Verantwortlich also für den Tod von 113 Menschen - überwiegend deutschen Touristen, die bei dem Absturz vor zehn Jahren ums Leben kamen?
"Völlig unmöglich, Continentals Schuld beiseite zu wischen"
Air France-Anwalt Fernand Garault hingegen ist mit dem Beschluss des Gerichts grundsätzlich zufrieden. Allerdings kritisiert auch er, dass der amerikanische Mechaniker verurteilt wurde. In so einem Prozess sei es absurd, einzelne Menschen zu verurteilen. "Völlig berechtigt dagegen ist die Verurteilung von Continental - denn es ist völlig unmöglich, deren Schuld beiseite zu wischen", meint er. "Wenn es hier also heißt, die Entscheidung der Richterin sei politisch, dann ist das eine Art, um sich aus der Schuld zu stehlen. Mit dem was passiert ist, hat das allerdings nichts zu tun."
Die Angehörigen der deutschen Opfer wurden bereits vor Jahren entschädigt. Diejenigen der französischen Opfer dagegen müssen noch warten - denn Continental wird das heutige Urteil anfechten, der verurteilte Mechaniker wahrscheinlich ebenfalls.
Stand: 06.12.2010 14:28 Uhr
