Flutkatastrophe in Colorado Wenn Fracking zur Gefahr wird

Stand: 18.09.2013 17:30 Uhr

Die Überschwemmungen im US-Bundesstaat Colorado hinterlassen Chaos. Zehntausende Haushalte sind ohne Strom und Wasser, mehr als 300 Menschen werden vermisst. Unklar sind die Langzeitfolgen der Katastrophe, vor allem für die Umwelt.

Von Ralph Sina, WDR-Hörfunkkorrespondent Washington

Nach den schweren Überschwemmungen im US-Bundesstaat Colorado werden noch immer mehr als 300 Menschen vermisst. Im Bezirk Larimer warten 1000 Menschen darauf, ausgeflogen zu werden. Die größte Hubschrauber-Rettungsaktion in den USA, seitdem Hurrikan "Katrina" vor acht Jahren New Orleans verwüstete, läuft auf Hochtouren. Zehntausende von Haushalten sind von der Strom- und Wasserversorgung  abgeschnitten.

Ölförderanlagen in Colorado, umspült von den Fluten (Bildquelle: REUTERS)
galerie

Ölförderanlagen in Colorado, umspült von den Fluten

Völlig unklar sind die Langzeitfolgen der Überschwemmungskatastrophe. Der Bundesstaat Colorado ist ein Zentrum der amerikanischen Öl- und Gasindustrie. Vier Milliarden Dollar haben Mineralölkonzerne in neue Förderanlagen im Denver-Julesburg-Becken investiert. Im Schiefergestein der überschwemmten Region Boulder am Fuße der Rocky Mountains hoffen die Konzerne durch Fracking erhebliche Öl- und Gasmengen freizusetzen.                                      

Flut in Colorado und Fracking
R. Sina, WDR Washington
18.09.2013 15:33 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Stahltanks treiben auf der Wasseroberfläche

"Wir haben über 50.000 Bohrlöcher zur Öl- und Gasförderung, die für Zehntausende von Arbeitsplätzen sorgen. Das ist ganz ohne Zweifel eine wichtige Industrie hier", betont Mike King, Direktor des Rohstoffamtes von Colorado.

Fracking-Befürworter King ist alarmiert. In den sozialen Netzwerken kursieren Fotos, die angeblich Chemikalientanks von überspülten Fracking-Anlagen in Colorado zeigen. Stahltanks treiben auf der Wasseroberfläche des zu einem breiten Strom mutierten St.-Vrain-Flusses und ziehen in der braunen Brühe einen Chemikalien-Film hinter sich her. 

"Wir machen uns Sorgen über die kurzfristigen und langfristigen Konsequenzen für unsere Gesundheit", sagt Umweltaktivist Cliff Willmeng aus Colorado, der die umhertreibenden Chemikalientanks fotografierte und die Bilder an mehrere Medien, Politiker und an das Rohstoffamt in Denver schickte - ohne eine Reaktion zu erhalten.

Etwa 200.000 Liter Fracking-Fluid

"Moment mal, diese Tanks treiben auf dem Wasser?", fragt King irritiert, als der ARD-Hörfunk Washington ihn nach den Gefahren schwimmender Fracking-Tanks befragt. Etwa 200.000 Liter Chemikalien werden beim Fracking in unterirdische Gesteinsschichten gepresst, um Gas oder Öl freizusetzen. Salzsäure und Korrosionsschutzmittel gehören zum Chemie-Cocktail in den Tankwagen und Stahltanks nahe der überschwemmten Fracking-Bohrlöcher. Fracking-Fluid wird dieser Cocktail genannt.

"Diese Fracking-Chemikalien waren vor der Überschwemmung überirdisch gelagert und das macht uns jetzt Sorge", sagt der Chef des Rohstoffamtes. Denn in dem überschwemmten Öl- und Agrarstaat Colorado mischen sich jetzt Pestizide, Düngemittel, Fracking-Chemikalien und Rückstände aus konventionellen Gas- und Ölförderanlagen. Wie konventionelle Kläranlagen mit diesem Chemikaliengemisch fertig werden sollen, ist völlig unklar. "Besonders beunruhigt sind wir außerdem über die zahlreichen privaten Brunnen, aus denen viele Menschen in Colorado ihr Trinkwasser beziehen."

Öl- und Gaskonzerne spielen Gefahr herunter

Betont unbesorgt gibt sich hingegen die Vereinigung der Öl- und Gaskonzerne von Colorado. Die Bohrlöcher seien vor den sintflutartigen Regenfällen verschlossen worden und die ihnen bekannten Fracking-Chemikalientanks allesamt weitgehend leer gewesen, behauptet Tisha Shuller, die Sprecherin des Mineralölhandels Colorado Oil and Gas Association.

Und dann lobt die Sprecherin wörtlich die heroischen Anstrengungen der Öl- und Gaskonzerne. Diese hätten das Freisetzen von Chemikalien verhindert, hofft die Lobbyistin. Doch was den Menschen von Colorado tatsächlich durch die weggespülten Fracking-Chemikalien droht, kann erst analysiert werden, wenn die Fluten abgeebbt sind.

Dieser Beitrag lief am 18. September 2013 um 08:20 Uhr auf NDR Info.

Korrespondent

Darstellung: