Eingangsbereich der Colonia Dignidad in den 1980er-Jahren | Bildquelle: dpa

Colonia Dignidad Deutsche Renten für die Sekte

Stand: 18.11.2016 05:28 Uhr

Deutsche Diplomaten haben der Colonia Dignidad bei der Geldbeschaffung geholfen. Deshalb konnten über Jahrzehnte Millionenbeträge aus deutschen Rentenkassen in die Sekte fließen. Erstmals sprechen Diplomaten darüber, die in Chile Dienst leisteten.

Von Klaus Weidmann, SWR

Die Recherchen der ARD-Doku "Die Sekte der Folterer - Deutsche Diplomaten und die Verbrechen der Colonia Dignidad" möchte das Auswärtige Amt nicht kommentieren. Sie sind heikel. Denn sie zeigen, dass deutsche Rentenversicherer die Sekte von 1961 bis 1989 mitfinanzierten - aufgrund unzulänglicher Informationen der deutschen Botschaft in Chile.

Paul Schäfer, der Gründer der Colonia Dignidad, im Jahr 2005 | Bildquelle: picture-alliance/ dpa/dpaweb
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Paul Schäfer, der Gründer der Colonia Dignidad, im Jahr 2005

In der Colonia Dignidad herrschten unter dem damaligen Chef, dem Deutschen Paul Schäfer, grausame Zustände: Sklavenarbeit, Selbstjustiz und Folter. Deutsche Staatsbürger wurden an einer Flucht gehindert. Die Botschaft wusste das - und trotzdem flossen die Gelder.

Die etwa 50 Rentenberechtigten in der Colonia Dignidad mussten jährlich mit sogenannten Lebensbescheinigungen nachweisen, dass sie noch leben. Das ist gängige Praxis für den Bezug von Renten im Ausland. Die Botschaft stellte diese Bescheinigungen aus. "Dafür mussten sich im Prinzip die Leute persönlich vorstellen. Das geschah bei der Kolonie aber nicht", erklärt Werner Kaufmann-Bühler, Konsul an der deutschen Botschaft in Chile von 1970 bis 1973.

Landarbeit in der Colonia Dignidad | Bildquelle: dpa
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Landarbeit in der Colonia Dignidad

Kritiker wurde versetzt

Der pensionierte Diplomat äußert sich erstmals öffentlich zu den merkwürdigen Vorgängen in der Botschaft. "Da hatte sich der Brauch eingebürgert, dass jemand mit einem Stoß von Formularen und Vollmachten kam und sich pauschal die Genehmigung geben ließ." Der Diplomat hatte sich 1972 in einem Bericht an das Auswärtige Amt gegen diese Praxis der "Sammelverfahren" gewandt. Vergeblich. Kaufmann-Bühler wurde auf eine andere Dienststelle versetzt, dieser "Brauch" wurde fortgeführt.

Wolfgang Kaufmann-Bühler | Bildquelle: ARD
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Wolfgang Kaufmann-Bühler war von 1970 bis 1973 deutscher Konsul in Chile.

Als Dieter Haller 1984 in der deutschen Botschaft in Chile die Konsularabteilung übernahm, hat auch er "ein paar Verhaltensweisen vorgefunden", die er "nicht gut fand". Dazu gehörte, "dass es nie einen persönlichen Kontakt gab zwischen Angehörigen der Colonia Dignidad und Vertretern der Botschaft". Die Rentenberechtigten hätten "alle ihre konsularischen Dienstleistungen" über einen Stellvertreter - ein Mitglied aus der Führungsriege der Colonia Dignidad - abgewickelt. Dieter Haller, der heute Botschafter in Saudi-Arabien ist, hatte darauf bestanden, diese Praxis abzuschaffen, konnte sich aber offenbar zunächst nicht durchsetzen.

"Dieses System muss beendet werden"

Noch im März 1987 schrieb Konsul Haller in einem vertraulichen Brief an das Auswärtige Amt: "In der Vergangenheit ist ein Verbindungsmann bisweilen mit Sammelvollmachten mit bis zu 40 Unterschriften hier erschienen." Und er mahnte: "Dieses System muss beendet werden." Als wenig später dem damaligen Staatssekretär Jürgen Sudhoff die Sache vorgelegt wurde, schrieb er zornig an den Rand des Dokuments: "Warum haben wir das zugelassen?" Und: "Hier tickt eine Zeitbombe." Auf Hallers Initiative wurden die Sammelverfahren eingestellt, vermutlich erst 1987.

Dieter Haller | Bildquelle: ARD
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Dieter Haller übernahm 1984 die Konsularleitung in der deutschen Botschaft in Chile.

Dennoch vertrauten bis dahin die Rentenversicherer der deutschen Botschaft in Chile. Was blieb ihnen übrig? Sie zahlten. Es waren Altersrenten, Kriegsversehrten- und Vertriebenenrenten. Die Gelder "wurden voll eingesteckt von der Leitung der Kolonie. Das war der Botschaft bekannt", erinnert sich Kaufmann-Bühler. "Diese Leute hatten keine individuellen Konten, die wussten wahrscheinlich gar nicht, dass es das gab."

Dieter Haller forschte Mitte der 1980er-Jahre nach und fand heraus, dass die Renten "auf ein Sammelkonto der Colonia Dignidad" überwiesen wurden. "Das war eine monatliche Summe von um die 50.000 Mark." Genau lässt sich der Geldfluss nicht mehr rekonstruieren. Wenn diese Angabe zutrifft, ist im gesamten Zeitraum eine zweistellige Millionensumme aus deutschen Rentenkassen an die Sekte geflossen - in begehrten Auslandsdevisen.

Zusammenarbeit mit der Botschaft war schlecht

Norbert Blüm, damals Bundesminister für Arbeit, bestätigt, dass die Renten direkt der Führungsriege der Colonia Dignidad zugute kamen. "Die deutsche Rentenversicherung zahlte auf ein Sonderkonto", sagt er. Und er kommentiert mit drastischen Worten: "Das war ein saftiges Einkommen für einen Folterapparat, mitfinanziert von der Deutschen Rentenversicherung - ohne ihr Wissen."

Norbert Blüm | Bildquelle: ARD
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Norbert Blüm: "Saftiges Einkommen für einen Folterapparat."

Als Blüm im Sommer 1987 bei Diktator Augusto Pinochet persönlich die Einhaltung der Menschenrechte anmahnte, hatte er keinen guten Eindruck von der damaligen deutschen Botschaft. "Die Zusammenarbeit mit der Botschaft war schlecht." Der Minister traute nun auch nicht mehr den von der Botschaft ausgestellten Lebensbescheinigungen. Er ließ eigene Mitarbeiter nach Chile reisen. Sie sollten herausfinden, ob die "Rentenberechtigten" in der Colonia Dignidad noch leben. Das Ergebnis: Im Februar 1989 stellten die deutschen Rentenversicherer alle Zahlungen ein.

Über dieses Thema berichtete die Story im Ersten am 14. November 2016 um 22:45 Uhr.

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