Cleveland-Entführer erstmals vor Gericht

Nach Befreiung von drei Frauen in Cleveland

Angeklagter erstmals vor Gericht

Die Liste der Verbrechen, die Ariel Castro zur Last gelegt werden, ist lang: Jahrelang soll er drei junge Frauen eingesperrt, vergewaltigt, misshandelt haben. In Cleveland stand er nun erstmals vor Gericht. Ihm droht lebenslange Haft.

Von Martin Ganslmeier, NDR-Hörfunkstudio Washington

Ariel Castro vor Gericht (Bildquelle: REUTERS)
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Der Angeklagte Castro vor Gericht: Ihm droht lebenslange Haft

Der erste Auftritt des Hauptangeklagten vor Gericht dauerte nur wenige Minuten: Ariel Castro sagte kein Wort, doch seine Körperhaltung sprach Bände. Die Anklageverlesung verfolgte er in Handschellen, mit gesenktem Kopf. Nicht ein Mal schaute er jemandem in die Augen. Seinen Mund versteckte er im Kragen seiner blauen Gefängnisjacke.

Staatsanwalt Brian Murphy listete Castros Vergehen auf: Jahrelang habe er die drei jungen Frauen eingesperrt, vergewaltigt, geschlagen, gefesselt und hungern lassen. "Zwei der Opfer mussten dieses schreckliche Martyrium mehr als ein Jahrzehnt ertragen, ein drittes Opfer fast ein Jahrzehnt lang. Und das Martyrium führte zur Geburt eines kleinen Mädchens."

Ohio-Entführer angeklagt
M. Ganslmeier, ARD Washington
09.05.2013 17:43 Uhr

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Die heute sechsjährige Tochter von Amanda Berry wird von der Anklage als vierter Entführungsfall behandelt, so dass Castro wegen Kidnapping und Freiheitsberaubung in vier Fällen sowie Vergewaltigung in drei Fällen vor Gericht steht. Richterin Lauren Moore verbat Castro jeglichen Kontakt zu den Opfern und verhängte eine hohe Kaution: "Für jeden Fall von Entführung wird die Kaution auf zwei Millionen Dollar festgesetzt."

Angeklagtem droht lebenslange Haft

Haus des mutmaßlichen Entführers von drei Frauen in Cleveland (Bildquelle: dpa)
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In diesem Haus sollen die Frauen jahrelang gefangen gewesen sein.

Für den 52-jährigen arbeitslosen Angeklagten heißt dies: Bis zum Beginn seines Gerichtsverfahrens muss er im Gefängnis bleiben. Die ungewöhnlich hohe Kaution wurde von Rechtsexperten als Indiz dafür gewertet, dass Castro wegen der Schwere seiner Vergehen eine lebenslange Haftstrafe droht.

Schon vor Ariel Castro waren seine beiden Brüder vor Gericht erschienen. Da sie nach den bisherigen Erkenntnissen der Ermittler nicht an den Straftaten beteiligt sind, setzte die Richterin sie auf freien Fuß. Eine ebenso überraschende wie unverständliche Entscheidung, meinten anschließend Kriminalexperten in den amerikanischen Medien. Es sei kaum vorstellbar, dass der Angeklagte über ein Jahrzehnt lang ohne Mitwisser drei Frauen in seinem Haus gefangen halten konnte.

Unterdessen wurden weitere Einzelheiten der jahrelangen Gefangenschaft der drei Frauen bekannt. Amanda Berry musste vor sechs Jahren ihre Tochter in einem Kinderplanschbecken zur Welt bringen. Die heute 32-jährige Michelle Knight war mindestens fünf Mal schwanger und wurde dafür von Castro geschlagen. Nur zwei Mal in all den Jahren durften die drei Frauen ihr Gefängnis verlassen, sagte Clevelands stellvertretender Polizeichef Ed Tomba - allerdings nicht das Grundstück: "Sie verließen das Haus und gingen verkleidet in die Garage."

"Sie sah die Gelegenheit und ergriff sie"

Begrüßung einer entführten Frau in ihrem Haus in Cleveland (Bildquelle: dpa)
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Die entführte Gina DeJesus wurde zu Hause von Familie und Freunden begrüßt.

Ansonsten wurden die drei Frauen in unterschiedlichen Räumen im Keller und im Obergeschoss eingesperrt, zeitweise mit Ketten und Seilen gefesselt. Dass es überhaupt zu einem Ende ihres Martyriums kam, sei Amanda Berry zu verdanken, betonte Clevelands stellvertretender Polizeichef. Berry habe bemerkt, dass Castro vergessen hatte, eine Tür zu verriegeln, bevor er das Haus verließ: "Da machte es Klick bei ihr. Sie sah die Gelegenheit und ergriff sie. Sie ist die wahre Heldin", so Tomba. Auch Michelle Knight und Gina de Jesus hätten fliehen können, hatten aber zu große Angst, von ihrem Peiniger erwischt und geschlagen zu werden.

Mittlerweile sind die Frauen unter dem Jubel von Angehörigen und Freunden in ihre Elternhäuser zurückgekehrt. Die Polizei wies erneut Kritik von Nachbarn zurück, sie sei früheren Hinweisen nicht ernsthaft genug nachgegangen. Eine interne Untersuchung soll nun die Vorwürfe klären.

Dieser Beitrag lief am 09. Mai 2013 um 15:05 Uhr im RBB Inforadio.

Stand: 09.05.2013 18:27 Uhr

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