Christliche Armenier in Syrien "Wir haben uns nie als Fremde gefühlt"

Stand: 13.03.2013 15:09 Uhr

Mehr als eine Million Menschen sind inzwischen vor dem Bürgerkrieg aus Syrien geflohen. Unter ihnen sind christliche Armenier, deren Vorfahren einst Schutz in Syrien gefunden hatten. Tausende suchten inzwischen Zuflucht in Armenien. Doch die Ex-Sowjetrepublik ist kein Land für Einwanderer.

Von Silvia Stöber, tagesschau.de

"Es bringt nichts, herumzusitzen, zu weinen und auf bessere Tage zu warten. Man sollte arbeiten, überleben, etwas Neues erschaffen." Kevork Nour Shadoyan ist vor wenigen Wochen aus Aleppo geflohen. Hinter sich ließ der 39-Jährige nicht nur Freunde und Familienangehörige. Auch die Ergebnisse von drei Jahren harter Arbeit blieben zurück in Aleppo. Dort hatte er eine Schule für Modedesign aufgebaut. Sie sollte Bedeutung im gesamten Nahen Osten erlangen, es gab bereits Schüler aus dem Irak und Jordanien.

In Aleppo lebten Christen und Muslime über Jahrzehnte friedlich zusammen.
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In Aleppo lebten Christen und Muslime über Jahrzehnte friedlich zusammen.

Doch als der Bürgerkrieg im Sommer 2012 in das lange Zeit ruhige Aleppo vordrang, verabschiedeten sich die Schüler, auch Shadoyan musste gehen. "Es waren sehr traurige, tragische Momente."

Shadoyan war einer von etwa 100.000 Menschen armenischer Abstammung in Syrien. Sie gehören zur christlichen Minderheit, die etwa zehn Prozent der 22,5 Millionen Einwohner Syriens ausmachen, 90 Prozent sind muslimischen Glaubens. Die meisten Armenier leben in der Wirtschaftsmetropole Aleppo. Sie sind überwiegend Nachfahren jener Überlebenden, die 1915 vor der Verfolgung durch die Türken im Osmanischen Reich nach Syrien, in den Libanon und Irak geflohen waren.

"Wir waren glücklich"

Über sein Leben im syrischen Aleppo sagt Shadoyan: "Wir waren glücklich dort. Wir Armenier und die Angehörigen anderer Minderheiten haben uns nie als Fremde gefühlt. Die Menschen zeigten einander Respekt." Als geachtete Händler und Handwerker konnten die Armenier ihren Geschäften nachgehen, ihre Religion und Sprache pflegen. In Aleppos Stadtviertel Al Jdeideh zum Beispiel gibt es mehrere christliche Kirchen, Schulen und andere gemeinschaftliche Einrichtungen.

Shadoyan schwärmt von den berühmten Märkten in der Altstadt und den Verkäufern dort. Doch inzwischen liegen auch einige der historischen Marktgebäude in Trümmern, die Frontlinie zwischen Regierungstruppen und Rebellen verläuft mitten durch die Stadt.

Zerstörungen in einer armenischen Kirche in Deir Al Zor in Syrien
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Zerstörungen in einer armenischen Kirche in Deir Al Zor in Syrien

Ein Baustein im Machtgefüge Assads

Über die politische Lage im Regime unter Baschar Al Assad möchte Shadoyan nicht sprechen, wie viele armenische Syrer. Der Syrien-Experte Vicken Cheterian beschreibt die Position der Armenier in Syrien so: "Das Assad-Regime behandelte die Armenier wie andere Gruppen der Mittelklasse. Er verbot ihnen, sich politisch unabhängig zu betätigen. Im Gegenzug konnten sie ihre Geschäfte betreiben, solange das Regime einen Anteil abbekam." Die Armenier seien besser behandelt worden als zum Beispiel die Kurden, sagt Cheterian.

So bildeten die Armenier einen Baustein im Machtgefüge Assads, der selbst einer Minderheit angehört: Der Präsident und seine Familie sind Alawiten, eine konfessionelle Minderheit unter den Muslimen. Wichtige Schlüsselpositionen im Staat hatten Alawiten inne. Die meisten Muslime Syriens sind hingegen sunnitischen Glaubens.

Zerstörungen im Viertel Jdeideh, wo viele Christen lebten.
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Zerstörungen im Viertel Jdeideh, wo viele Christen lebten.

Zu Beginn des Aufstandes spielten die Glaubensrichtungen keine Rolle. Den Regierungsgegnern ging es um mehr politische Rechte. Als jedoch das Assad-Regime mit Gewalt reagierte, radikalisierte sich der Widerstand. Beide Seiten instrumentalisierten die konfessionellen Unterschiede zwischen Alawiten und Sunniten, auch wenn politische Aktivisten dies mit aller Kraft zu verhindern suchten.

Die Gemeinde der Armenier versuchte in diesem Konflikt eine neutrale Rolle zu spielen, sagt Cheterian. Es heißt auch, dass Vertreter der armenischen Gemeinde mit verschiedenen Oppositionsgruppen verhandeln. Hier und da gibt es Berichte, dass auch Armenier zu den Waffen griffen. Etwa die Hälfte der Armenier ist aber nach Schätzung Cheterians inzwischen geflohen, die meisten von ihnen in den benachbarten Libanon. Aber auch dort ist die Lage angespannt.

Armenien - kein einfacher Ort zum Leben

Mehr als 6500 Armenier entschieden sich indes, nach Armenien in den südlichen Kaukasus zu gehen, unter ihnen Shadoyan. Er hat Freunde und Verwandte in der Hauptstadt Jerewan. Dies und sein internationaler Ruf als Modedesigner helfen ihm, wieder von vorn anzufangen. "Ich werde mir hier meinen kleinen Platz schaffen. Was dann passieren wird, nur Gott weiß es. Ich kann keine Garantie geben, dass ich hier Erfolg haben werde."

Karte: Syrien, Libanon, Türkei, Irak, Iran, Armenien
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Der Bürgerkrieg in Syrien zwingt viele armenische Syrer zur Flucht, Tausende gingen inzwischen in die Heimat ihrer Vorfahren.

Seine Skepsis ist verständlich. Die Ex-Sowjetrepublik ist kein einfacher Ort zum Leben. Mit den Nachbarstaaten Türkei und Aserbaidschan steht Armenien im Konflikt, die Grenzen sind geschlossen. Einige mit der politischen Führung verbundene Oligarchen kontrollieren Einfuhr und Verkauf wichtiger Güter wie Zucker oder Gas. Das verteuert das Leben in dem ohnehin armen Land. Hunderttausende wanderten seit dem Ende der Sowjetunion aus. Wer bleibt, ist oft auf finanzielle Hilfe von Verwandten in der Diaspora angewiesen.

Kein offener Empfang in der Heimat der Vorfahren

Armenien ist zudem nicht auf Zuwanderer eingestellt. "Die Regierung zeigt sich unfähig, mit den Armeniern aus Syrien umzugehen, so wie schon mit den Armeniern aus dem Irak, die nach dem Sturz von Saddam Hussein kamen", kritisiert Richard Giragosian, Direktor des Zentrums für Regionale Studien in Jerewan. Bei der Suche nach Unterkunft und Arbeit müssen sich die Flüchtlinge vor allem auf Kontakte zu Verwandten und Bekannten stützen.

Auch sonst ist das Leben für die Flüchtlinge aus Syrien so wie für andere Diaspora-Armenier nicht leicht. Lara Aharonian zum Beispiel, die im Libanon aufgewachsen ist, beschreibt die Gesellschaft in Armenien als sehr verschlossen. Es habe Jahre gedauert, bis sie in Jerewan als Mitbürgerin akzeptiert worden sei.

Die armenische Hauptstadt Jerewan. Im Hintergrund der Berg Ararat, der in der Türkei liegt. | Bildquelle: dpa
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Die armenische Hauptstadt Jerewan. Im Hintergrund der Berg Ararat, der in der Türkei liegt.

Das Insichgekehrtsein der armenischen Gesellschaft ist nicht zuletzt Folge jahrhundertelanger Fremdherrschaft unter anderem von Russen, Osmanen und Persern. Mit Verschlossenheit, Stolz auf die eigene Sprache und den christlichen Glauben überlebten die Armenier die Jahrhunderte, zum Beispiel auch in kleinen Gemeinden im benachbarten Iran. Dort sind sie als religiöse Minderheit anerkannt und mit zwei Abgeordneten im Parlament vertreten.

Viele Diaspora-Armenier fühlen sich fern der Heimat ihrer Vorfahren wohl. So wollen auch viele armenische Syrer wieder zurückkehren. Ob sie jedoch nach einem Sturz von Präsident Assad unter einer möglicherweise islamischen Regierung ihr Auskommen finden? Politik-Experte Giragosian zeigt sich optimistisch: "Wer immer künftig die Regierung in Damaskus stellen wird, wird auch das Handels- und Wirtschaftsnetzwerk der armenischen Gemeinschaft in Syrien und der weiteren Region benötigen."

Designer Shadoyan lässt die Frage offen, ob er nach Aleppo zurückkehren und die Modeschule wieder eröffnen wird. Sollte er in Armenien auf Dauer kein Auskommen finden, stehen ihm andere Orte offen. Das deutet er mit Verweis darauf an, dass er seine eleganten Abendkleider mit traditionellen Mustern schon auf Modenschauen in Moskau, Paris und den USA präsentiert hat. Auch dort leben Hunderttausende Diaspora-Armenier.

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