Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen untersuchen am 12.10.2017 in Minova (Kongo) in einer Einrichtung für Cholera-Kranke eine Patientin und ihren einjährigen Sohn. | Bildquelle: Marta Soszynska/MSF/dpa

Cholera-Kranke im Kongo Ausgezehrt und alleingelassen

Stand: 12.11.2017 01:32 Uhr

Im Kongo breitet sich die Cholera rasend schnell aus. Mindestens 38.000 Menschen sind bereits erkrankt, mehr als 700 gestorben. Ärzte ohne Grenzen spricht von einer "beispiellosen" Lage - die von einer korrupten Regierung noch verschlimmert wird.

Von Alexander Göbel, ARD-Studio Nairobi

Biragi Bugeme trägt seinen fünfjährigen Sohn auf dem Rücken. Beide sind am Ende ihrer Kräfte. Der Kleine ist durch die Cholera völlig ausgezehrt. Biragi musste ihn 25 Kilometer weit hierher schleppen - in die Behelfsklinik von Ärzte ohne Grenzen in der Nähe von Bukavu im Ostkongo.

"In unserem Dorf gibt es keinen Brunnen mit Trinkwasser. Wir trinken aus einem Teich. Auch wenn das Wasser verunreinigt ist - uns bleibt oft nichts anderes übrig. Wer sich ansteckt, stirbt. Viele sterben auch deshalb, weil sie nicht das Geld für den Bus haben, um hierher zu kommen", sagt Biragi.

Klimawandel trägt zur Epidemie bei

Die bittere Armut vieler Menschen ist aber nur eine Ursache dieser Cholera-Epidemie. Eine andere ist der Klimawandel. Cholera-Ausbrüche sind im Kongo nicht selten, aber diesmal verschwindet die Krankheit nicht so schnell. Wegen der viel zu langen Dürre sind viele Bohrlöcher und Brunnen ausgetrocknet, die Menschen trinken, wo sie noch Wasser finden - und wo oft schon Kranke vor ihnen waren: ein Teufelskreis.

Dazu komme das Unvermögen korrupter Behörden, kritisieren Helfer. Die kongolesische Regierung sei nicht willens oder nicht in der Lage, sauberes Trinkwasser zu organisieren, ganz zu schweigen von einer medizinischen Versorgung. "Davon kann hier keine Rede sein. Die wenigen Medikamente, die es gibt, kosten viel Geld. Patienten werden im Krankenhaus festgehalten, weil sie nicht bezahlen können. Viele, die eigentlich wegen ganz anderer Symptome kamen, haben sich im Krankenhaus dann erst mit Cholera angesteckt", sagt Dr. Innocent Kunywana von Ärzte ohne Grenzen.

Ein Patient sitzt am 13.10.2017 auf der Insel Idjwi (Kongo) in einem Zelt einer Einrichtung der Organisation Ärzte ohne Grenzen. | Bildquelle: Marta Soszynska/MSF/dpa
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Auf der Insel Idjwi im Kiwusee behandeln Ärzte ohne Grenzen Cholera-Patienten.

Anhaltende Kämpfe zwischen Rebellen und Regierung

In einigen Landesteilen kommt zur Angst vor der Seuche auch noch der Krieg: besonders in der Provinz Kasai, im Zentrum. Dort kämpfen Rebellen seit mehr als einem Jahr gegen die kongolesische Armee. Tausende Menschen sind tot, mehr als eine Million vertrieben, zum Teil in Flüchtlingslager im Nachbarland Angola. Und diejenigen, die nach Monaten zurückkehren, stehen vor dem Nichts.

"Die Kasai-Krise wurde bislang völlig vernachlässigt", sagt Gabriel Sánchez von Ärzte ohne Grenzen und fügt hinzu: "Die Menschen, die in ihre ausgeraubten Dörfer zurückkehren, sind völlig auf sich allein gestellt - und sie können nichts tun. Ihre Häuser sind zerstört, sie haben kein Werkzeug, um irgendetwas wieder aufzubauen. Und Saatgut für Getreide haben sie auch keines."

Mit leerem Blick sitzt Ntumba Kasomba in einer Aufnahmestelle für Flüchtlinge in der Stadt Tshikapa. Sanitäter untersuchen ihren rechten Arm. "Ich war mit den Kindern zu Hause, als die Angreifer kamen. Sie haben unsere Hütte in Brand gesteckt. Als wir fliehen wollten, haben sie meinen Mann und meine Kinder getötet, mich haben sie mit einer Machete geschlagen." 

Von ihren sechs Kindern hat nur eines überlebt. Ob Ntumba Kasomba es versorgen kann, ist nicht sicher. Um das Leben der Mutter zu retten, muss ihr Arm amputiert werden. Und wenn sie das übersteht, droht der Hunger. Drei Millionen Menschen brauchen in den Kasai-Provinzen Nahrungsmittelhilfe, fast jedes zweite Kind unter fünf Jahren ist chronisch unterernährt.

Joseph Kabila während einer Rede bei den UN am 23. September 2017 | Bildquelle: REUTERS
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Die Regierung von Präsident Kabila habe kein Interesse an Stabilität in dem Land, so Experten.

"Hunderttausenden droht der Hungertod"

David Beasley, Direktor des Welternährungsprogramms der Vereinten Nationen, schlägt Alarm: "Bislang haben wir nur ein Prozent des zugesagten Geldes erhalten. Aber Hunderttausenden Kindern droht der Hungertod. Wir erwarten, dass die Geberländer sich an ihr Versprechen erinnern. Und wir müssen schnell handeln, sonst wird diese Lage hier zu einem Chaos führen, das noch viel schlimmere Folgen hat und noch teurer wird als ohnehin schon."

"Level 3" haben die Vereinten Nationen für Kasai und andere Provinzen des Kongo ausgerufen: die höchste Alarmstufe, die bisher nur für Syrien galt, den Irak und den Jemen. Die Hoffnung: Mehr internationales Geld für die Krisenbewältigung im Kongo.

Das Problem jedoch ist Kongos Regierung. Sie habe gar kein Interesse an Stabilität, sagt Richard Moncrieff von der International Crisis Group. "Die Regierung hat keinen großen Plan, sie arbeitet von heute auf morgen. Ein weiterer Monat an der Macht ist ein guter Monat, eine Gelegenheit, mehr Geld zu stehlen, das Land weiter auszuplündern. Dabei gibt es keine Strategie, sondern es geschieht einfach, Tag für Tag."

Die Amtszeit von Präsident Joseph Kabila ist seit Ende 2016 abgelaufen - einen neuen konkreten Wahltermin gibt es immer noch nicht, auch wenn von Ende 2018 die Rede ist. Kabila begründet die immer neue Verschiebung von Wahlen mit der Unsicherheit des Landes, die er und seine Regierung allerdings selbst befeuern.

Wie die Regierung den Konflikt anheizt

"Wir wissen aus Teilen des Landes, dass Mitglieder oder Unterhändler der Regierung dort Konflikte schüren und Milizen bewaffnen, Todesschwadronen bezahlen. Das passiert auf der lokalen Ebene, hat aber große Wirkung. Denn die Regierung nutzt all das, um den Wahlprozess hinauszuzögern", sagt Moncrieff. Das Chaos zu benutzen, sei wie die Feuerwehr, die selbst Brände legt: ein extrem gefährliches Kalkül, mit unabsehbaren Folgen für die Menschen. In der krisengeschüttelten Demokratischen Republik Kongo - und auch in den Nachbarstaaten.

Moncrieff ergänzt: "Noch vor zwei Jahren sprach niemand von Krieg in den Kasai-Provinzen. Niemand erwartete das damals. Das Beispiel zeigt: Gewalt kann tatsächlich überall ausbrechen. Es gibt sehr gefährdete Regionen, im Osten des Landes haben die Menschen leidvolle Erfahrung, aber es gibt auch immer mehr Probleme im Zentrum und im Westen. Die Gewalt lässt sich immer weniger vorhersagen, und das macht den Kongo sehr instabil." 

Während die internationale Gemeinschaft den politischen Gesprächsfaden nicht abreißen lassen will, klebt Kabila weiter an seinem Stuhl. Gleichzeitig müssen sich Helfer wie Ärzte ohne Grenzen um Menschen kümmern, die Opfer dieser Machtpolitik wurden. Es sind Menschen wie Sarah Ntumba, aus der Provinz Kasai. Monatelang musste sie sich vor Milizen im Busch verstecken. Jetzt ist sie zurück und steht völlig traumatisiert vor ihrem abgebrannten Haus. Sie ist eine von Hunderttausenden. "Wir wissen nicht mehr, wohin. Alles ist zerstört. Nachbarn wurden enthauptet. Wir müssen draußen schlafen, wir hungern, es gibt nichts zu essen." 

Vergessene Krise: Kongo zwischen Krieg und Cholera
A. Göbel, ARD Rabat
12.11.2017 00:01 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 11. November 2017 um 13:47 Uhr.

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