Menschen transportieren Wasserkanister | Bildquelle: REUTERS

Krieg im Jemen Entweder Verdursten oder Cholera

Stand: 30.07.2017 02:58 Uhr

Der Krieg und die beginnende Regenzeit erschweren im Jemen den Kampf gegen die Cholera-Epidemie. Wer keinen Zugang zu sauberem Wasser hat, ist oft dem Tode geweiht, denn auch Medikamente fehlen. Mitarbeiter von Hilfsorganisationen geraten an ihre Grenzen.

Von Jürgen Stryjak, ARD-Studio Kairo

In der Hauptstadt Sanaa stehen in etlichen Vierteln Tankwagen mit Trinkwasser, die von Hilfsorganisationen bereitgestellt wurden. Alte Männer, Kinder und  Frauen füllen das Wasser in mitgebrachte Plastikflaschen und  Kanister. Sauberes Wasser kann während einer Cholera-Epidemie das Überleben sichern. Aber besonders außerhalb der Städte gibt es oft keines. Viele Wasserquellen sind bereits verseucht. Die Menschen haben oft nur noch die Wahl zwischen Cholera oder Tod durch Verdursten.

Und wenn sie sich infiziert haben, finden sie keine Hilfe. Viele Krankenhäuser mussten inzwischen geschlossen werden. "Es fehlt das Geld, um Klinikmitarbeiter zu bezahlen", erzählt Roberto Scaini von der Organisation Ärzte ohne Grenzen im nordjemenitischen Ort Haydan. "Überall fehlen Medikamente. Viele Einrichtungen des Gesundheitswesens wurden bei Luftangriffen zerstört."

Wassertank im Jemen | Bildquelle: REUTERS
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Ein Lkw mit Frischwasser, umringt von vielen Menschen. Oft sind die Brunnen verseucht.

"Rapide Verschlechterung der Lage"

Helfer aus dem Ausland arbeiten auf Hochtouren - wie die Deutsche Larissa Alles. "De facto ist es eine dramatische Lage, die sich von Tag zu Tag rapide verschlechtert. Es erschreckt uns, wie massiv dieser Ausbruch ist und vor allem wie schnell er sich verbreitet."

Alles arbeitet im Jemen für die Hilfsorganisation Oxfam, die Hygiene- und Trinkwasserprojekte betreut. In den vergangenen drei Monaten wurden 400.000 Cholera-Verdachtsfälle und fast 2000 Todesfälle registriert, fast überall im Land. "Zum Teil ist es so, dass man die Leute auf den Parkplätzen vor den Krankenhäusern liegen sieht und der Verwandte die Infusionslösung hochhält, weil in den Krankenhäusern kein Platz mehr ist."

Tagelange Fahrt in nächste Klinik

Betroffene in ländlichen Gebieten sind manchmal tagelang unterwegs, um die nächstgelegene Behelfsklinik zu erreichen. Aber viele können sich diese Reise gar nicht mehr leisten. "Es ist tatsächlich eine Entscheidung zwischen 'Esse ich heute, oder ermögliche ich es mir oder meinem Verwandten, den Transport zu bezahlen', um eben in die nächste Gesundheitseinrichtung zu gelangen", sagt Alles.

Seit Jahren herrscht Krieg im Land. Ein von Saudi-Arabien geführtes Bündnis fliegt seit 2015 Luftangriffe gegen Stellungen der so genannten Huthi-Rebellen im Jemen und zerstört dabei immer wieder auch Versorgungseinrichtungen. Sieben Millionen Jemeniten drohe ein langsamer und schmerzvoller Tod durch Krankheit und Verhungern, sagt UN-Nothilfekoordinator Stephen O‘Brien. Unter ihnen seien 2,3 Millionen unterernährte Kinder, von denen 500.000 nicht älter als fünf Jahre seien und in Lebensgefahr schwebten.

Zerstörungen nach Luftangriff im Jemen | Bildquelle: AFP
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Zerstörungen in der Provinz Sadaa nach einem Luftangriff des von Saudi-Arabien geführten Bündnisses.

Wasser, Zucker und Salz können Leben retten

Die Australierin Claire Manera arbeitet für Ärzte ohne Grenzen in der Region 'Amran im Norden des Landes: "Es ist niederschmetternd, wenn man weiß, wie einfach Cholera zu behandeln ist. Oft reicht schon eine Lösung aus Wasser, Zucker und Salz, um einem Patienten das Leben zu retten", sagt sie.

Die Vereinten Nationen bezeichnen die Lage im Jemen als die "größte humanitäre Katastrophe der Welt". Trotzdem hat die internationale Gemeinschaft erst ein Fünftel der Gelder bereitgestellt, die nötig sind, um die Cholera-Epidemie zu bekämpfen. Auch die Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen können nicht überall dort sein, wo sie gebraucht werden. "Ich erinnere mich an einen Jungen, sieben Jahre alt. Seine Familie hat sich auf den langen Weg gemacht, um ihn zu uns zu bringen. Aber zehn Minuten bevor sie hier eintrafen, ist der Junge gestorben. Das sind Fälle, die mich fertigmachen", erzählt Manera.

Sorge vor der Regenzeit

Momentan steigt die Zahl der Neuinfektionen nicht, sie verharrt auf hohem Niveau. Aber es droht bereits die nächste Gefahr: "Die Regenzeit hat begonnen, und das macht mir Angst. Die Cholera wird sich noch schneller ausbreiten. Es gibt keine Müllabfuhr. Der Krieg hat die Infrastruktur zerstört. Ich befürchte, dass die Epidemie auf einen neuen Höhepunkt zusteuert."

Der Krieg steckt in einer Sackgasse, eine Konfliktlösung ist nicht in Sicht. Die Kampfhandlungen würden täglich intensiver, beklagen die Vereinten Nationen. Auch Manera von Ärzte ohne Grenzen berichtet von Luftangriffen: "Vor zwei Tagen wurden nachts Ziele in unserer Nähe bombardiert, nur ein paar Kilometer von unserem Haus entfernt. Das Wasserwerk der Region soll dabei zerstört worden sein. Das macht mich wütend. Man bombardiert doch gerade jetzt keine Wasserwerke."

Krieg und Cholera-Epidemie im Jemen
Jürgen Stryjak, ARD Kairo
30.07.2017 07:31 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 29. Juli 2017 um 13:52 Uhr.

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