Jahrestag von 17-Punkte-Abkommen China feiert 60 Jahre "Befreiung" Tibets

Stand: 23.05.2011 12:32 Uhr

Es war der Beginn der chinesischen Herrschaft über Tibet: Am 23. Mai 1951 wurde das 17-Punkte-Abkommen über die "friedliche Befreiung Tibets" unterzeichnet. Während das offizielle China heute 60 Jahre Fortschritt und Entwicklung in Tibet preist, sehen viele Tibeter keinen Grund zum Feiern.

Von Ruth Kirchner, ARD-Hörfunkstudio Peking

Das tibetische Fernsehen sendet schon seit Tagen Sonderberichte über den Jahrestag. In den Zeitungen werden die Errungenschaften der letzten 60 Jahre gepriesen. In der tibetischen Hauptstadt Lhasa versammelten sich am Morgen rund 5000 Menschen zu einer Flaggen-Zeremonie, wie die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua berichtete. Am Fuße des Potala-Palastes gab es Reden, der Vorsitzende des Regionalparlaments sprach von einem "historischen Tag für alle Tibeter". Doch insgesamt waren die Feierlichkeiten zu dem umstrittenen Jahrestag eher bescheiden. Offenbar war kein hoher Führungskader aus Peking angereist.

Flaggenzeremonie in Lhasa | Bildquelle: REUTERS
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Flaggenzeremonie in Lhasa

Im Vorfeld hatte der Gouverneur der Region, Padma Choling, von den gewaltigen Fortschritten auf dem Hochplateau gesprochen - dank der KP Chinas: Tibet habe in 60 Jahren einen Sprung von 1000 Jahren vollzogen, von einem feudalen zu einem sozialistischen System, von einer verarmten, rückständigen Gesellschaft zu einer offenen, wohlhabenden und zivilisierten Gesellschaft.

Doch aus Sicht vieler Tibeter stellt sich das anders dar. Das 17-Punkte-Abkommen vor 60 Jahren zwischen Peking und der damaligen tibetischen Führung sei unter militärischem Druck zustandegekommen, sagen die Exil-Tibeter. Es sei daher ungültig. Auch die bekannte tibetische Schriftstellerin Woeser sagt in Peking, es gebe nichts zu feiern. Für die meisten Tibeter sei der heutige Tag ein Tag der Erniedrigung, meint sie. Dies sei der Tag, an dem viele Menschen in Tibet viel verloren hätten, darunter ihre Eigenständigkeit. Man sei zu Menschen unter Fremdherrschaft geworden.

In Tibet selbst ist die Lage weiterhin angespannt. Die Region wird seit den blutigen anti-chinesischen Protesten vor drei Jahren noch strenger kontrolliert als zuvor. Ausländische Journalisten brauchen eine Sondergenehmigung für die Region, können dort nicht unabhängig recherchieren. Tibet-Gruppen sprechen von systematischen Menschenrechtsverletzungen. Woeser berichtet von einem Klima der Angst und Einschüchterung - trotz der wirtschaftlichen Fortschritte. Überall in den Autonomiegebieten gebe es Polizei und Armee, berichtet die Autorin. Überwachungskameras seien sogar noch in den Tempeln installiert worden - und in einigen Unternehmen. Die Feierlichkeiten fänden unter strengster Überwachung statt, sagt sie. Das sei doch nicht normal.

Regierung betont Fortschritte, Kritiker betonen Unfreiheit

Chinesische Flaggen in den Straßen von Lhasa | Bildquelle: dpa
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Chinesische Flaggen wehen zum Jahrestag des 17-Punkte-Abkommens in den Straßen von Lhasa

Doch die Regierung betont vor allem die wirtschaftlichen Fortschritte der Region, bessere Bildung, Wohnungsbau und Jobs. Die Wirtschaft sei in den vergangenen Jahrzehnten kontinuierlich gewachsen.

Die Kritiker sehen vor allem politische Unfreiheit. Bei der Internationalen Kampagne für Tibet heißt es, Peking feiere heute ein Abkommen, dass es selbst ständig gebrochen habe. Vor 60 Jahren hatte China den Tibetern weitgehende Autonomie und religiöse Freiheiten zugesichert. Davon sei die Region heute weiter entfernt denn je.

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