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Morgens um sechs Training, dann Schule, dann Hausaufgaben bis spät in den Abend: Für den achtjährigen Jin ist das Alltag. Er ist einer von 400.000 Kindern, die in Chinas Hochleistungszentren auf Erfolg getrimmt werden. Für viele von ihnen ist eine Medaille die einzige Hoffnung auf ein bessere Leben.
Von Nicole Bölhoff, ARD-Studio Peking
[Bildunterschrift: Training bis zur Erschöpfung: Der Tag des kleinen Jin beginnt bereits am frühen Morgen. ]
Jin quält sich schon vor dem Frühstück: Er vollbringt Höchstleistungen mit leerem Magen - Alltag am berühmten Sportinternat Xiantao. Inzwischen sind die morgendlichen Strapazen Routine für den achtjährigen Jin: "Ich stehe um sechs Uhr auf, dann schnell anziehen, Zähne putzen und dann beginnt auch schon das Training", sagt er. Drei Stunden Training, sechs Stunden Schule - täglich. Und trotzdem ist das Niveau hoch, Jin ist Klassenbester.
Im Klassenraum wie in der Turnhalle gilt: Totale Disziplin ist das oberste Gebot. Jin und seine Klassenkameraden sind extrem angepasst, sie fügen sich dem strengen Regiment. Nur das Pausenklingeln wirkt wie ein Befreiungsschlag: "Die Kinder hier werden nicht überfordert. Sie empfinden den engen Stundenplan nicht als Stress, denn sie alle hier haben einen gemeinsamen Traum: Sie wollen Weltmeister werden", sagt eine Lehrerin.
Jin empfindet es als Ehre hier zu sein. Er ist eines von 400.000 ausgewählten Kindern, die in Talentschmieden wie dieser gedrillt werden. Und auch Jin weiß, was seine Eltern – arme Bauern - von ihm erwarten: Das Sportinternat kostet mehr als sein Vater verdient. So hat die ganze Familie für ihn gesammelt. Wenn er es hier nicht schafft, droht auch ihm ein Leben als armer Bauer. Bei der täglichen Schinderei schwingen diese Gedanken immer mit: "Ich trainiere gern. Auch die Schule macht mir Spaß. Hier gibt es eigentlich nichts, was ich nicht mag. Ich vermisse meine Eltern ein wenig, aber immer wenn ich mit dem Training beginne, hab ich das wieder vergessen", sagt der Junge.
[Bildunterschrift: Die Medaillenhoffnungen von morgen: 400.000 Kinder werden in China zu Höchstleistungen getrimmt. ]
Jin also beisst die Zähne zusammen und hält durch. Und die Trainer kennen kein Pardon: "Gerade die Kinder aus dieser verwöhnten Generation haben große Probleme, sich an das harte Training zu gewöhnen. Am Anfang ist es besonders hart, da verletzen sie sich auch schon mal und das tut natürlich weh", sagt der Trainer. Jin, so meint er, habe hier als einer der wenigen tatsächlich das Zeug zum Champion.
Um 18:00 Uhr schließlich ist Trainingsschluss im Sportinternat. Doch die Plackerei geht weiter: Jin muss Hausaufgaben machen - da gibt es keine Ausnahme, auch nicht für die Olympiasieger von morgen. Da ist es egal, dass der Achtjährige nun seit zwölf Stunden auf den Beinen ist - im wahrsten Sinne des Wortes, denn Stühle oder Schreibtische gibt es hier nicht.
Eine Betreuerin kümmert sich um 20 kleine Jungs. So gut das eben geht: "Ich bin nicht wie ihre Mutter. Ich bin für die Kinder hier eher so etwas wie ihre Oma. Die Trainer und auch die Lehrer sind sehr streng, aber ich nicht", sagt sie.
[Bildunterschrift: Quälerei - in der Hoffnung auf ein besseres Leben unterziehen sich tausende Kinder einer Tortur. ]
Jin ist zuhause sehr behütet aufgewachsen. Zwar sind seine Eltern arm, als einziger Junge der Familie wurde er dennoch verwöhnt. Doch ans strikte Internatsleben hat er sich schnell gewöhnt. Mittlerweile sind seine Schulkameraden und die Betreuerin für Jin zum Familienersatz geworden. "Ich bin hier glücklich. Wir spielen zusammen. Am liebsten mag ich Cowboy und Indianer spielen. Nur ein paar Kinder weinen, weil sie ihre Eltern vermissen", sagt er.
Doch Weinen bringt hier nichts, das hat Jin schnell gelernt. Sein bester Freund und er teilen ein Bett - das hält warm. Ohne Titel, so sagt er, will er auf gar keinen Fall in sein Dorf zurückkehren. Denn der Traum von der Goldmedaille ist auch der Traum von einem bessern Leben.
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