Ärzte bei einer Organtransplantation

China will gängige Praxis beenden Keine Organe mehr von Hingerichteten?

Stand: 09.04.2014 11:14 Uhr

Kein anderes Land der Welt richtet so viele Menschen hin wie China. Es ist auch das einzige Land der Welt, das systematisch Organe von Hingerichteten für Transplantationen entnimmt. Von Menschenrechtlern scharf kritisiert soll sich dieses Praxis nun ändern. Mit einem neuen Organspende-Systems will das Reich der Mitte künftig nur noch ethisch vertretbare Transplantationen durchführen. Doch einfach ist das nicht.

Von Ruth Kirchner, ARD-Hörfunkstudio Peking

Eine Ballett-Schule im südchinesischen Guangzhou: Hier lehrt Chao Lemeng. Der 42-Jährige erkrankte vor sieben Jahren an Leberkrebs. Dass der Tänzer heute wieder unterrichten kann, verdankt er einer Organtransplantation: "Ich hatte Glück und bekam sehr schnell eine Spenderleber. Die Transplantation hat mich gerettet und mich vor einem schmerzhaften Kampf bewahrt."

Chao hatte tatsächlich sehr viel Glück. Denn in China warten rund 300.000 Menschen auf eine Organspende. Doch nicht mal jeder 30. bekommt eine. Es fehlt an freiwilligen Spendern. Über die Hälfte aller Transplantationsorgane stammt daher von hingerichteten Häftlingen.

China kündigte nun zwar an, diese umstrittene Praxis zu beenden. Einen Zeitplan gebe es aber nicht, sagt Wang Haibo, Direktor des Organ-Koordinationszentrums in Shenzhen: "Die Frage ist ja, wann kann China das Problem des Mangels an Spenderorganen lösen? Ich wünschte, wir könnten morgen damit aufhören. Aber es bedarf eines Prozesses. Viele Dinge entziehen sich unserer Kontrolle. Daher können wir keinen Zeitplan nennen.

Wang hatte dem Interview nur nach langem Zögern zugestimmt, denn Organspende ist wegen der Verbindung zur Todesstrafe ein heikles Thema in China.

Er ist zuständig für den Aufbau eines Melde- und Zuteilungssystems für Organe - ähnlich wie Euro-Transplant. Das neue System sei ein wichtiger Schritt zu mehr Transparenz, betont er: "Seit September vergangenen Jahres dürfen Organe nur noch über das neue System zugeteilt werden. Alles andere ist verboten."

Glaube an die Unversehrtheit fürs Jenseits

Gleichzeitig wird massiv für Organspenden geworben. So können sich Freiwillige auf einer neuen Internet-Seite registrieren. Doch die Spendenbereitschaft ist gering. Seit Beginn eines Pilotprojekts vor vier Jahren haben landesweit nur 1600 Menschen ihre Organe gespendet. Denn viele Chinesen glauben, dass der Körper unversehrt in Jenseits gehen müsse.

Die knapp 170 lizensierten Transplantationskliniken bleiben daher auf Häftlingsorgane angewiesen. Trotzdem sieht Wang Fortschritte: "Im November haben sich 38 Krankenhäuser bereit erklärt, auf  Organe exekutierter Häftlinge zu verzichten, weil es so umstritten ist. Das ist ein großer Schritt nach vorn. Der Zeitpunkt rückt näher, dass das ganze Land darauf verzichten wird."

Menschenrechtler sprechen von 4000 Hinrichtungen im Jahr

Verurteilte in China
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In einem der größten Korruptionsprozesse Chinas wurden im Jahr 2000 14 Todesurteile verhängt. Das Archivbild von November 2000 zeigt einige der Verurteilten.

Wie viele Organe von Hingerichteten entnommen werden, will Wang nicht preisgeben. Daraus ließen sich Rückschlüsse ziehen auf die Zahl der Hinrichtungen - und diese Zahl  ist ein Staatsgeheimnis. Menschenrechtsgruppen gehen von 4000 Exekutionen pro Jahr aus.

Angeblich würden Todeskandidaten vorher um ihr Einverständnis zur Organentnahme gebeten, heißt es von Behördenseite, aber nachprüfen lässt sich das nicht.

"Daran mag ich nicht denken ..."

In seiner Ballett-Schule wirbt Chao Lemeng neben seinem Unterricht nun auch für freiwillige Organspenden. Er und seine Frau wirkten in Fernseh-Dokumentationen mit, um eine skeptische Öffentlichkeit zu überzeugen.

Woher seine Spenderleber kommt, weiß der Tänzer bis heute nicht: "Ich will nicht wissen, wer der Spender war, obwohl ich ihm dankbar bin, dass er mir ein zweites Leben ermöglicht hat. Wenn ein Todeskandidat freiwillig spenden will, kann ich das akzeptieren. Aber wenn diese Spenden nicht freiwillig wären, daran mag ich nicht denken ..."

Das neue Organspende-Netz soll offen, transparent und gerecht sein, verspricht die Regierung. Doch noch ist China den Beweis schuldig, dass die Organentnahme von Hingerichteten tatsächlich bald der Vergangenheit angehören wird.

Dieser Beitrag lief am 09. April 2014 um 07:52 Uhr im Deutschlandradio Kultur.

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