Ein-Kind-Politik in China | Bildquelle: dpa

China Nachwuchssorgen trotz Zwei-Kind-Politik

Stand: 17.02.2017 11:02 Uhr

China hat im letzten Jahr die Zwei-Kind-Politik eingeführt, um die Zahl der Neugeborenen im Land zu erhöhen. Doch die ist längst nicht so gestiegen, wie es sich die Führung in Peking erhofft hat.

Von Axel Dorloff, ARD-Studio Peking

Die neuen Zahlen sind trügerisch: In China wurden 2016 rund acht Prozent mehr Babys geboren als im Vorjahr. Es war die höchste Geburtenrate seit 17 Jahren. Aber: Experten schlagen trotzdem Alarm. Mehr ist nicht genug, sagen sie.

China hatte Anfang 2016 die Zwei-Kind-Politik eingeführt, um die Zahl der Geburten im Land zu erhöhen. Aber die Zahl ist längst nicht so gestiegen, wie sich die Führung in Peking das wünscht. Und weil der Nachwuchs fehlt, steht China vor riesigen Problemen.

Der fünfjährige Hetao sitzt in seinem winzigen Kinderzimmer in einem Hochhaus in Peking und spielt mit buntem Plastikspielzeug. Seit fünf Monaten ist er großer Bruder. Und Hetao ist stolz auf den kleinen Jiubao. "Ich bin sehr glücklich. Ich finde, er sieht lustig aus. Seine Füße sehen aus wie kleine Dampfbrötchen. Manchmal spiele ich mit ihm in meinem Zimmer. Manchmal ärgere ich ihn auch ein bisschen."

Platz-, Zeit- und Geldmangel

Im Zuge der neuen Zwei-Kind-Politik haben sich seine Eltern für ein weiteres Kind entschieden. Aber sie hatten Zweifel. Der Platz, die Zeit, das Geld. Mit Jiubao ist alles noch knapper geworden. Die Großeltern helfen, wo sie können, wohnen sogar mit in der Wohnung. Da Mutter Wu Dan bald wieder anfängt, zu arbeiten und es in China so gut wie keine Teilzeitjobs gibt, ist das die einzige Lösung.

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"Bei den Leuten, mit denen ich zu tun habe, steht die ökonomische Situation an zweiter Stelle. Zunächst brauchst du die Energie für ein zweites Kind. Und nicht nur du, auch deine Eltern. Bei uns war es zum Glück so, dass meine Eltern uns helfen können. Bei vielen meiner Freunde ist das nicht so." Der kleine Jiubao ist eins von fast 18 Millionen Babys, die in China im Jahr 2016 geboren wurden. Die Zahl der Geburten ist damit im Vergleich zum Vorjahr um acht Prozent gestiegen. Aber der Wert bleibt deutlich hinter den Erwartungen der chinesischen Regierung zurück.

Weniger Nachwuchs als geplant

Drei Millionen mehr Babys sollten es 2016 durch die Zwei-Kind-Politik werden. 1,3 Millionen sind es geworden, nicht mal die Hälfte. "Zu wenig", sagt auch der Soziologe Lu Jiehua von der Universität Peking: "Das war wirklich weniger als wir erwartet haben. Der Blick auf Nachwuchs und Kinder hat sich verändert. Viele wollen keine großen Familien."

Untersuchungen zeigen, dass drei von vier Ein-Kind-Familien in China gar kein zweites Kind wollen. Weil sie nicht wissen, wie sie Beruf und Kinder vereinbaren sollen, und es zu teuer ist - Städte wie Peking und Shanghai gehören zu den teuersten der Welt. Wer darüber hinaus keine Großeltern zum Helfen oder genügend Geld für Hauspersonal hat, bekommt ein Problem.

Neue Ansätze in der Familien- und Sozialpolitik

"Die Politik ist gefordert", sagt Demograph Lu Jiehua. "Wir brauchen neue Ansätze in der Familien- und Sozialpolitik. Um die Leute zu ermutigen, ein zweites Kind zu bekommen. Zum Beispiel bräuchten wir einen längeren Mutterschutz. Der ist beim zweiten Kind sogar kürzer als beim ersten. Wir brauchen auch eine bessere Kleinkindbetreuung. Nur so können wir Familien in ihrer Absicht bestärken, zweite Kinder zu bekommen."

Experten wie Lu Jiehua warnen deshalb: China fehle es an Nachwuchs. Und deshalb stehe das Land vor riesigen Problemen. Die Institutionen der Volksrepublik seien überhaupt nicht darauf vorbereitet, der dramatischen Alterung der Gesellschaft zu begegnen. "Unser Rentensystem beispielsweise: Bald gibt es mehr ältere Menschen als Leute, die arbeiten. Dazu kommen wirtschaftliche Probleme, wenn es in China ab 2025 keinen Bevölkerungszuwachs mehr gibt. Das dritte Problem ist die Pflege und Betreuung der älteren Menschen. Das wurde bislang überwiegend in den Familien gemacht. Wenn aber die Kinder weniger und die Älteren mehr werden, wird das immer schwieriger."

Entwicklung ist das beste Verhütungsmittel

35 Jahre lang galt in China eine strenge Ein-Kind-Politik. Eine brutale Geburtenkontrolle, nicht selten durchgesetzt mit Zwangsabtreibungen. Jetzt ist die Politik gelockert, aber viele Paare wollen kein zweites Kind mehr. In China bestätigt sich das, was Soziologen für viele Länder feststellen: Entwicklung ist das beste Verhütungsmittel.

Zu wenig Babys: trotz Zwei-Kind-Politik hat China Nachwuchssorgen
A. Dorloff, ARD Peking
17.02.2017 09:44 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 17. Februar 2017 um 10:41 Uhr.

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