Big Data und Mobilität Leihfahrrad-Boom in China

Leihräder-Boom in China Datenkrake auf zwei Rädern

Stand: 16.04.2017 19:19 Uhr

Die Leihfahrrad-Szene erlebt in China einen Boom. Allein in Shanghai sind rund eine Million Leihräder unterwegs. Den Anbietern geht es vor allem um die Daten der Kunden. Das Geschäftsmodell lockt internationale Investoren.

Von Steffen Wurzel, ARD-Studio Shanghai

Für den 23-jährigen Qian sind Leihfahrräder vor allem praktisch. "Ich könnte mir auch ein Rad kaufen. Aber das kann ich nicht immer nutzen, wann und wie ich will" sagt er. Er wohne recht weit weg von seiner Arbeit. "Das kann ich mit dem Rad nicht machen", sagt er. "Aber wenn ich in der Mittagspause mal eins brauche, sind die Mietfahrräder praktisch."

Qian wohnt am Stadtrand von Shanghai, und er arbeitet in einem Café im Zentrum der Stadt. Morgens und abends fährt er mit der U-Bahn. Hin zur Haltestelle und dann weiter zum Café leiht er sich ein Mietrad. Und er kann so gut wie sicher sein, dass immer eins da ist. Insgesamt sind allein in Shanghai rund eine Million Leihräder verschiedener Anbieter unterwegs. Qian sagt: "Keines unserer klassischen Nahverkehrsmittel ist geeignet für eine komplette Fahrt von Tür-zu-Tür. Der letzte Kilometer ist das Problem."

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Beliebt sind die Räder unter anderem, weil sie für eine komplette Fahrt von Tür-zu-Tür geeignet sind.

Verschärfte Parksituation in der Stadt

Und die Leihfahrräder sind nach Ansicht von Guo Jianrong die Lösung. Er ist seit vielen Jahren Chef der Shanghaier Fahrradvereinigung. Über den Boom der Leihräder in China freut er sich natürlich. Er sieht aber auch die Probleme, die der wahnsinnige Hype mit sich bringt.

Guo sagt, dass sich mit der wachsenden Zahl der Räder die Parksituation in der Stadt verschärft habe. "Viele freie Flächen auf Plätzen und Gehwegen sind schon völlig zugestellt. Das ist für viele Fußgänger inzwischen unangenehm. Vor allem in der Rush Hour, wenn alles zugeparkt ist und man kaum in die U-Bahn reinkommt", sagt er.

Kampf um die Kunden

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Cao Guoxing vom Start-up-Unternehmen MoBike

Mehr als ein Dutzend Anbieter kämpfen inzwischen um Kunden, und zwar in quasi allen großen chinesischen Städten. In Peking und Chengdu zum Beispiel ist die Zahl der Leihräder ähnlich hoch wie in Shanghai. Gebucht und abgerechnet werden die Fahrten per Smartphone-App. Und weil die Konkurrenz so groß ist, ist das Entleihen zurzeit quasi kostenlos. Anmieten und Abstellen kann man die Räder ganz einfach überall.

Einer der großen Anbieter heißt MoBike. Die grau-orangen Räder des Shanghaier Start-ups sind seit Monaten allgegenwärtig in China. Cao Guoxing von MoBike sagt, dass sich seine Firma in einem Preis-Krieg mit ihren Konkurrenten befinden würde. "Wir bieten unsere Räder zur Zeit fast kostenlos an, weil es so viele Mitbewerber gibt", sagt er. "Alle haben das Potenzial der Branche erkannt, und alle haben irgendwelche finanzstarken Investoren gewonnen."

Apple-Chef Cook zeigt Interesse

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Hinter der Vermarktung der Räder steckt eine riesige Datensammelei.

MoBike geht selbst davon aus, dass mittelfristig nur einige wenige Anbieter den knallharten Preiskampf überleben werden. Um die eigentlichen Mieteinnahmen geht es den Leihrad-Firmen aber sowieso nicht in erster Linie. Cao sagt: "Wir verstehen uns als Transport-Plattform, mit der uns in Zukunft verschiedene Geschäftsmodelle zur Verfügung stehen. Was wir zum Beispiel jetzt schon machen: Wir senden den Leuten, abhängig von deren Standort, Werbenachrichten aufs Telefon. Über eine Partner-App können die Leute dann zum Beispiel Coupons einlösen."

So nachhaltig und hip der wiederbelebte Radfahr-Trend in China also auf den ersten Blick aussehen mag. Eigentlich steckt dahinter eine riesige Datensammelei. Die Anbieter wollen mit den Daten künftig Milliarden einnehmen. Vor einigen Tagen war Apple-Chef Tim Cook beim Pekinger Leifahrrad-Start-up OFO zu Besuch. Analysten rechnen damit, dass Apple und auch andere internationale Player mit Hunderten Millionen Euro in den chinesischen Leihrad-Markt einsteigen dürften.

Bizarrer Leihfahrrad-Boom in China
S. Wurzel, ARD Shanghai
01.04.2017 13:30 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandradio Wissen am 25. März 2017 um 14:36 Uhr.

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