Keine Heizung in Südchina: Staatlich verordnetes Frieren

Keine Heizung südlich des chinesischen "Frostäquators"

Staatlich verordnetes Frieren in Südchina

China erlebt gerade den kältesten Winter seit 28 Jahren. Vor allem im Süden des Landes leiden die Menschen darunter. Denn vor mehr als 60 Jahren beschlossen die Gründer der Volksrepublik: Südchinesen brauchen keine Heizung. Selbst in der Metropole Schanghai wird staatlich verordnet gefroren.

Von Markus Rimmele, ARD-Hörfunkstudio Schanghai

Es ist kalt, bitterkalt in Schanghai. Nein, gar nicht so sehr auf dem Thermometer. Selten nur fällt die Temperatur unter den Gefrierpunkt. Und doch legt sich jeden Winter ein arktisches Gefühl über die Stadt. Alle niesen, schnäuzen, frieren. In einer der modernsten Metropolen auf dem Globus sitzen 24 Millionen Menschen zu Hause ohne Heizung. Eingepackt in Schichten und noch mehr Schichten von Kleidung. Kleine Kinder sehen aus wie ausgestopft oder - wie man hier sagt - wie wandelnde Teigtaschen.

Eingepackt "wie eine Teigtasche" ist dieses Kind in Schanghai. (Bildquelle: AFP)
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Eingepackt "wie eine wandelnde Teigtasche" ist dieses Kind in Schanghai.

"Die alten Leute sagen immer: Im Winter ist es kalt, so hat das zu sein. So ist die Natur. Aber ich ertrage die Kälte einfach nicht", schimpft eine junge Schanghaierin mit gerötet laufender Nase. Der Staat sollte für eine Heizung in der Stadt sorgen, verlangt sie. Doch der Staat tut das nicht.

Irgendwann einmal, gleich nach Gründung der Volksrepublik 1949, hat die Regierung festgelegt: Südchinesen brauchen keine Heizung. Die Bürokraten nahmen ein Lineal und zogen eine Linie durch das Land - von der Küste im Osten ungefähr entlang dem Huaihe-Fluss bis zu den Qinling-Bergen im Westen. Nördlich davon betreiben die Kommunen Heizsysteme per Fernwärme. Die Rohre erreichen die allermeisten Wohnhäuser. Drinnen ist es kuschelig warm. Und der Süden? Der friert.

Schanghai hat nun das Pech, knapp südlich der Kältelinie zu liegen. Und friert deshalb auch. Ein besonders kalter Winter ist es dieses Jahr. Der Wetterbericht im Fernsehen kündigt immer neue Kaltfronten und Schneestürme an, selbst bis in die südliche Küstenprovinz Guangdong hinein. Besonders heftig aber trifft die Heizungslosigkeit die Menschen im Binnenland, knapp südlich der Trennlinie.

Staatlich verordnetes Frieren - Südchina ohne Heizung
M. Rimmele, ARD Schanghai
11.01.2013 09:39 Uhr

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"In meiner Heimat fällt die Temperatur im Winter auf minus acht Grad", erzählt ein junger Mann aus der Provinz Anhui. "Es schneit jedes Jahr. Auch im Haus herrschen Minusgrade. Hände und Ohren frieren einem fast ab. Wir tragen drinnen die gleichen Kleider wie draußen. Die Temperatur ist ja auch fast die gleiche."

"Wir haben nicht genügend Öl und Kohle"

Vor allem bei den jungen Städtern regt sich Widerstand. Viele führen ein Leben im Wohlstand. Warum sollen sie da auf Pekinger Geheiß noch frieren?, fragen sie empört. Papperlapapp, sagen die Alten, die Jungen sollen sich nicht so anstellen. Kaum kalkulierbar erscheinen die Kosten, für bis zu 800 Millionen Menschen eine Heizinfrastruktur aufzubauen. "Unsere Bevölkerung ist zu groß, und die Ressourcen sind knapp", sagt etwa Jiang Dahe, Umweltwissenschaftler an der Schanghaier Tongji-Universität. "Wir haben nicht genug Öl, nicht genug Kohle. Für uns in meiner Generation wäre eine Heizung ganz nett, aber nicht notwendig. Ab und zu mal die Klimaanlage anzumachen reicht doch."

Klimaanlage als Retter in der Not

Die Klimaanlage ist der Retter in der Not. Die meisten Kühlgeräte in den Wohnungen haben auch eine Heizfunktion. Richtig warm wird's damit zwar nicht, sehr teuer ist das auch. Aber besser als gar nichts. In manchen Städten gibt es erste vorsichtige Heizungspilotprojekte. Mit einer generellen Aufhebung des chinesischen "Frostäquators" ist aber - so hört man aus den gut geheizten Amtsstuben der nördlichen Hauptstadt Peking - nicht zu rechnen.

Stand: 11.01.2013 10:54 Uhr

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