Chinesische Nationalmannschaft | Bildquelle: REUTERS

Förderprogramme in China Der Fußball-Traum des Herrn Zhu

Stand: 21.06.2017 11:54 Uhr

Bisher ist China ein kleines Licht im weltweiten Fußball-Geschäft. Doch das soll sich nun ändern. Die Regierung will nicht nur die eigene Liga nach vorne bringen, sondern investiert auch in die Jugend. Doch die Ziele sind mehr als ambitioniert.

Von Julian Heißler, ARD-Hauptstadtstudio zzt. in Shanghai

Die Sonne hat sich hinter die Wolken zurückgezogen, doch gegen die Hitze hilft das nicht. Die Luft steht über dem Schulsportplatz in Qingpu, einer Satellitenstadt von Shanghai. Die vielleicht zehn Jungs in weißen T-Shirts und langen schwarzen Sporthosen motiviert das Klima nicht gerade zu Höchstleistungen. Langsam schieben sie sich einen Fußball hin und her. Gelegentlich zieht mal einer aufs Tor ab, doch der Keeper macht keine Anstalten, den Ball auch nur parieren zu wollen. Von der angeblich aufstrebenden Fußballgroßmacht China ist hier an diesem späten Vormittag wenig zu sehen.

Doch wenn es nach Zhu Liangjun geht, könnte sich das bald ändern. Er ist Spross einer Lehrerfamilie und arbeitete lange Jahre in der Bildungsbehörde von Qingpu. Seit wenigen Wochen ist er im Ruhestand - doch die Erziehung der örtlichen Jugend liegt ihm immer noch am Herzen. Der 60-Jährige will den beliebtesten Sport der Welt fest im Alltag der Schüler von Qingpu verankern. Derzeit arbeitet Zhu daran, ein Fußball-Programm aufzubauen, das die Jugendlichen der Stadt schon früh in vielerlei Hinsicht fördern soll. "Fußball ist auch eine Art der Ausbildung", sagt Zhu im Gespräch mit tagesschau.de.

Zhu | Bildquelle: Julian Heissler
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Zhu Liangjun: Sein Herz schlägt für den Fußball.

Kicken oft nur zum Spaß

Dass es für ein solches Programm noch viel zu tun gibt, zeigt nicht nur ein Blick auf den Sportplatz in Qingpu. Zwar wird Fußball bereits an einigen Schulen des Shanghaier Vororts unterrichtet, das Niveau sei allerdings noch sehr niedrig, erklärt Zhu. Auch bei den paar selbstorganisierten Arbeitsgemeinschaften der tatsächlich fußballbegeisterten Schüler werde überwiegend nur zum Spaß gekickt. Wie an vielen anderen Orten in China ist Fußball auch in Qingpu ein Nischenthema. Noch.

Dabei arbeitet die chinesische Regierung bereits mit Hochdruck daran, den Sport populär zu machen. Xi Jinping, Chinas Staatschef und leidenschaftlicher Fußballfan, will das Land in absehbarer Zeit als Teil der Weltspitze sehen. Bis 2050 solle dies erreicht sein, hieß es in einem Strategiepapier vor einigen Jahren.

Hartnäckig halten sich Gerüchte, das Land wolle sich als Ausrichter für eine der nächsten Weltmeisterschaften bewerben - vielleicht bereits 2026, vielleicht auch vier oder acht Jahre später. Nach den Olympischen Sommer- und Winterspielen in Peking wäre die Fußball-WM das nächste weltweit beachtete Sport-Riesenereignis in China. Und der Titel im eigenen Land wäre eine gern gesehene Machtdemonstration des aufstrebenden Landes.

Großes Wachstumspotential

Das Wachstumspotenzial für Fußball in China ist auf jeden Fall riesig: Derzeit gibt es nur rund 10.000 aktiver Kicker in China - eine beeindruckend niedrige Zahl angesichts einer Bevölkerung von 1,3 Milliarden Menschen. Es gibt auch keine Liga für Jugendliche. Regelmäßige Punktspiele am Wochenende über B-, C- oder D-Jugend, wie sie etwa in Deutschland überall im Land üblich sind, fehlen. Auch mangelt es an ordentlichen Fußballplätzen.

Sportplatz in Peking | Bildquelle: Julian Heissler
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Sportplatz in Shanghai: Bislang gibt es in China nur wenige Fußballplätze.

Hier will das Land jetzt schnell aufholen: Insgesamt 70.000 Felder sollen in den kommenden Jahren gebaut werden. Auch setzt China nun verstärkt auf eine bessere Ausbildung. Fußball soll zum festen Bestandteil von Lehrplänen werden. Das Ziel: Bis 2020 sollen rund 30 Millionen Grund- und Mittelschüler regelmäßig kicken. Zum Vergleich: Derzeit gibt es im Land rund 160 Millionen Kinder und Jugendliche in dieser Altersklasse.

Außerdem sollen heimische Spieler in der nationalen Liga gefördert werden. Ob so der schnelle Anschluss an die internationale Spitze gelingen kann, ist noch offen. Fußball-Großmächte wie Brasilien, Argentinien und Deutschland spielen schließlich seit Jahren auf einem deutlich höheren Niveau.

Keine nennenswerten Erfolge

Und der Weg zum Weltmeister ist weit. Denn China ist - zumindest was den Herrenfußball angeht - noch Entwicklungsland. Während die chinesische Frauennationalmannschaft in der FIFA-Weltrangliste einen respektablen 14. Platz einnimmt und auf acht Asienmeisterschaften verweisen kann, krebst die Herrennationalmannschaft auf Weltranglistenplatz 82, noch hinter den Faröer Inseln.

Zur Teilnahme an einer Weltmeisterschaft konnte sich das Land bisher auch nur einmal qualifizieren. Auch beim derzeit laufenden Confederations Cup ist China nicht vertreten. Und auch für die Teilnahme an der Weltmeisterschaft in Russland im kommenden Jahr sieht es düster aus.

Einzelkämpfer bisher erfolgreicher

In Qingpu ist Zhu davon überzeugt, dass es vor allem sinnvoll wäre, die Ausbildung am Ball an die Schulen zu holen. Dies könne dabei helfen, die für den Sport notwendige Teamarbeit zu fördern. Denn daran sind die traditionellen Sportförderungsstützpunkte des Landes bisher gescheitert: China bringt zwar mit allen Mitteln höchst erfolgreiche Athleten hervor - im Tischtennis, beim Badminton, beim Turnen oder beim Schwimmen etwa - doch in Mannschaftssportarten hat es das Land bislang kaum in die Weltspitze geschafft.

Austausch mit Deutschland geplant

Doch Zhu geht es nicht nur um sportliche Spitzenleistungen. Er sei natürlich auch Fußballfan, sagt er - vor allem sieht er in dem Sport jedoch ein pädagogisches Instrument. "Fußball ist geeignet, junge Menschen früh zu formen, ihnen Disziplin, Organisation und das Arbeiten in einer Gruppe beizubringen", erklärt er. Wenn er so noch die fußballerischen Qualitäten seiner Schützlinge voranbringen kann - umso besser. Damit unterscheidet sich Zhus Schwerpunkt von so manch anderem Projekt, das derzeit in China betrieben wird. Denn üblicherweise steht vor allem die sportliche Leistung im Vordergrund.

Trotz der vorerst bescheidenen Ziele: In Qingpu ist man davon überzeugt, dass man vom Weltmeister einiges abschauen könnte. Denn Zhus Vorstellungen enden nicht an der Stadtgrenze. Geht es nach ihm, dann reisen künftig regelmäßig Jugendmannschaften zwischen China und Deutschland hin und her. Derzeit befindet er sich in Verhandlungen mit der Stadt Riesa über einen Schüleraustausch. Das Ziel: Eine Gruppe von etwa 30 chinesischen Schülern reist für einige Wochen im Jahr nach Deutschland, um mit den dortigen Jugendlichen gemeinsam zu trainieren. Die ersten Signale seien vielversprechend, erzählt er. In einigen Wochen fährt Zhu nach Deutschland, um weitere Gespräche zu führen.

Über dieses Thema berichtete tagesschau24 am 20. Juni 2017 um 17:00 Uhr im Sport.

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