Shanghai Jiaotong-Universität | Bildquelle: picture alliance / dpa

#MeToo in China "Viel zu gefährlich für die Karriere"

Stand: 01.02.2018 10:44 Uhr

Die #MeToo-Debatte hat China erreicht, nachdem ein Professor Studentinnen bedrängt haben soll. Das Engagement gegen Übergriffe ist dort allerdings nicht ungefährlich und die Debatte läuft ganz anders als in den USA.

Von Steffen Wurzel, ARD-Studio Shanghai

"Es muss sich etwas ändern in China in Sachen Frauenrechte", sagt Joy Lin. Deswegen hat die 30-Jährige Ende 2016 in Shanghai einen Verein gegründet: auf Deutsch übersetzt bedeutet der Name in etwa "Wir sind gleichberechtigt". Weil private Vereine in China nicht erlaubt sind, spricht Joy Lin selbst lieber von einem "sozialen Projekt", für das sie sich engagiert.  "Ich spreche verschiedene Leute an, die bisher nicht viel von Feminismus oder Gleichberechtigung gehört haben. Ich möchte ein Bewusstsein dafür schaffen und aufzeigen, dass alle in ihrer Umgebung etwas tun können, damit sich etwas ändert und damit auch diejenigen wiederum anderen helfen können", sagt sie.

Professor nach Protestaktion entlassen

Seit einigen Monaten erleben Initiativen wie die von Joy Lin einen gewissen Zulauf in China. Vor allem an den Universitäten des Landes. Grund ist der Fall eines Professors an der Pekinger Beihang-Universität, der Studentinnen bedrängt und zum Sex aufgefordert haben soll. Nach einer wochenlangen vor allem online geführten Protestaktion von betroffenen Studentinnen entließ die Uni-Leitung den Professor schließlich.

Joy Lin
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Die 30-jährige Joy Lin hat in Shanghai den Verein "Wir sind gleichberechtigt" gegründet.

Shen Yang
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"In China geht die Bewegung einen anderen Weg als in den USA", sagt die Dozentin Shen Yang.

"Chinesische Promis würden das nie tun"

Für Aktivistinnen wie Joy Lin ist das ein passender Ausgangspunkt für weiteres Engagement gegen sexuelle Übergriffe in China. "In China geht die Bewegung gegen sexuelle Übergriffe einen anderen Weg als in den USA", sagt Shen Yang, Dozentin an der Shanghaier Jiaotong-Universität und Expertin für Geschlechterforschung. "In Amerika waren es Promis, die sich in Sachen #MeToo öffentlich geäußert haben. Chinesische Promis würden das nie tun. Das wäre viel zu gefährlich für die Karriere. Aktionen an Universitäten hingegen sind ein guter erster Schritt. Sie können Vorbild sein für Initiativen in anderen Lebensbereichen."

Kritische Postings werden zensiert

Mitte Januar äußerte sich auch das chinesische Bildungsministerium zum Thema. Künftig wolle man mehr gegen sexuelle Belästigungen an Hochschulen tun. Was genau geplant ist, wurde allerdings nicht erklärt. Auch ansonsten halten Uni-Verwaltungen und die Politik in China weitgehend still. Und nicht nur das: Kritische Online-Postings zum Thema werden inzwischen systematisch zensiert, zum Beispiel innerhalb der beliebten chinesischen Social-Media-App WeChat.

"Ich habe einen offenen Brief gepostet, in dem Unis aufgefordert werden, ein System gegen sexuelle Belästigung zu entwickeln. Beim ersten Mal wurde das Posting nach 36 Stunden gelöscht, beim zweiten mal dauerte es nur eine Stunde," sagt eine Aktivistin. Das ist eine typische Reaktion der chinesischen Behörden. Sie haben den Anspruch, alles, was im Lande vor sich geht, zu kontrollieren und selbst zu steuern. Zivilgesellschaftliches Engagement ist deswegen von Chinas Staats- und Parteiführung nicht gewollt. Sie sieht darin häufig eine potentielle Gefahr für die Stabilität im Land.

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Hochschulen wie die Jiaotong-Uni in Shanghai sind der Ausgangspunkt für Debatten über sexuelle Übergriffe.

Mehrere Frauenrechtlerinnen im Gefängnis

Trotz dieser schwierigen Bedingungen wachse in China das Bewusstsein dafür, dass mehr gegen sexuelle Übergriffe getan werden muss, sagt die Expertin Shen Yang von der Shanghaier Jiaotong-Universität. Die 30-Jährige hat selbst eine entsprechende Petition von Uni-Professoren zum Thema mit unterzeichnet. "Vor allem junge und gut ausgebildete Frauen haben das Thema auf dem Schirm. Und natürlich all die, die selbst schon Übergriffe erlebt haben. Frauen aus der Generation meiner Mutter hingegen interessiert das nicht. Meiner Mutter zum Beispiel gefällt mein Engagement überhaupt nicht. Sie hält das für politisch zu brisant.“

Auch die Shanghaier Frauenrechtsaktivistin Joy Lin ist sich bewusst, dass ihr - aus europäischer Sicht ganz normales - Engagement gefährlich sein könnte. Mehrere Frauenrechtsaktivistinnen kamen in China in den vergangenen Jahren ins Gefängnis. "Für mich sind Feminismus und Gleichberechtigung eine Berufung. Ich weiß, dass ich mich dafür einsetzen muss, das macht mich glücklich. Und ich weiß: Was ich tue, ist richtig und von Bedeutung."

Die #MeToo-Debatte erreicht China
Steffen Wurzel, ARD Shanghai
01.02.2018 09:34 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Inforadio am 01. Februar 2018 um 13:10 Uhr.

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