Interview

Experte über Einsatz und Ächtung von Chemiewaffen "Unendlich viel Leid und Zerstörung"

Stand: 29.08.2013 17:05 Uhr

Am Einsatz von Chemiewaffen in Syrien bestehen kaum Zweifel, so Chemiewaffenexperte Meier. Er erläutert im Interview mit tagesschau.de die verheerende Wirkung dieser Waffen und erklärt, wie leicht sie von Terroristen produziert werden können.

tageschau.de: Was genau sind Chemiewaffen?

Oliver Meier: Chemische Waffen sind solche, die durch ihre toxischen Eigenschaften Menschen verletzen oder töten können - so umfassend definiert es das Chemiewaffenabkommen von 1993.

tageschau.de: Wer produziert solche Kampfstoffe, wer hält sie in den Händen?

Meier: Sie sind in der Regel im Rahmen von militärischen Programmen hergestellt worden. Man kann sie allerdings auch auf Grundlage von Stoffen herstellen, die im Handel zu haben sind. Viele Grundstoffe - Phosphate, Cloride - die zur Herstellung von Chemiewaffen benötigt werden, sind auf dem freien Markt zu bekommen. Das ist eine der ganz großen Gefahren: dass diese Waffen mit ihren verheerenden Wirkungen von Terroristen recht leicht herzustellen sind.

alt Oliver Meier

Zur Person

Oliver Meier war bis vor kurzem Referent am Institut für Friedensforschung an der Universität Hamburg und arbeitet als Experte für Abrüstung und Chemiewaffen in der Stiftung für Wissenschaft und Politik.

Aber es gibt eben auch einige Staaten, die mutmaßlich Chemiewaffen produzieren. Syrien gehört zu den sieben Staaten, die sich dem Chemiewaffenübereinkommen bis heute verweigern.  Damaskus hat allerdings das Genfer Giftgasprotokoll von 1925 unterschrieben und damit auf den Ersteinsatz von chemischen Waffen verzichtet. Man kann sicher davon ausgehen, dass in Syrien von staatlicher Seite aus Chemiewaffen produziert werden. Auch in Nordkorea vermuten wir ein Chemiewaffenprogramm.

tageschau.de: Gibt es einen internationalen Handel mit Chemiewaffen oder deren Substanzen? Könnten sie so in die Hände von Terroristen oder Rebellen kommen?

Meier: Der Handel ist verboten. Selbst der Handel mit den Grundstoffen, die zur Herstellung der C-Waffen gebraucht werden, ist international stark reguliert. Das Chemiewaffenübereinkommen zum Beispiel enthält Listen, die Stoffe danach klassifizieren, wie leicht sie für die Produktion zu missbrauchen wären. Je gefährlicher, desto stärker ist der Handel beschränkt.

Syrien produziert offenbar schon seit etwas dreißig Jahren Nervenkampfstoffe

tageschau.de: Um welchen Kampfstoff geht es derzeit in Syrien?

Meier: Das ist von außen schwer zu beurteilen. Die Symptome der Betroffenen deuten sehr stark darauf hin,  dass hier ein Nervenkampfstoff eingesetzt worden ist.

tageschau.de: Wer könnte Zugang zu diesen Waffen haben - tatsächlich nur die Armee?

Meier: Wir haben detaillierte Informationen, dass ein großes Programm zur Produktion genau dieser Nervenkampfstoffe unter staatlicher Kontrolle existiert - und zwar schon seit etwa dreißig Jahren.  Man kann also mit großer Sicherheit sagen, dass die syrischen Streitkräfte Zugang zu diesen Waffen haben.  Das Assad-Regime hat ja im Juli letzten Jahres eingestanden,  Chemiewaffen zu besitzen und damit gedroht, diese auch gegen eine Militärintervention einzusetzen.

Ein Mitglied des UN-Inspektorenteams nimmt bei Damaskus eine Bodenprobe. | Bildquelle: AP
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UN-Inspektoren untersuchen, ob und wenn welche Chemiewaffen in Syrien zum Einsatz kamen.

Ob auch die Rebellen Zugang zu Chemiewaffen haben - entweder aus Beständen der syrischen Armee oder durch Eigenproduktion, ist schwer zu beurteilen. Über große Mengen, wie sie in Syrien vergangene Woche ganz offenbar eingesetzt wurden, verfügen die Rebellen jedoch wahrscheinlich eher nicht.

tageschau.de: Wo werden die Chemiewaffen produziert?

Meier: Es sollen sich Produktionsstätten an drei oder vier Orten im Land befinden. Ob es darüber hinaus noch weitere Labore oder Produktionsorte gibt, ist schwer zu beurteilen, da ja ausländische Experten dies nicht untersuchen können. Die Hinweise, die wir haben, stammen größtenteils aus Geheimdienstinformationen.

Auch deutsche Firmen halfen beim Aufbau der C-Waffenproduktion

tageschau.de: Kann da auch internationale Hilfe im Spiel sein?

Meier: Es ist nicht ausgeschlossen, dass Syrien international Hilfe bekommt von befreundeten Staaten. Ziemlich sicher wurde Damaskus beim Aufbau der Chemiewaffen-Produktion in den 80er Jahren von außen unterstützt.

Zu dieser Zeit war das Thema Chemiewaffen noch nicht so sehr im Fokus der Öffentlichkeit. So wurde Damaskus etwa von russischen und übrigens auch deutschen Firmen mit Stoffen beliefert, die zum Teil für den zivilen Bereich deklariert waren und dann offenbar auch für militärische Zwecke missbraucht wurden.

Sie richten unverhältnismäßig viel Zerstörung und Leid an

tageschau.de: Welche Wirkung haben Chemiewaffen?

Meier: Es gibt unterschiedliche Kategorien: Die Hautkampfstoffe, die vor allem im Ersten Weltkrieg eingesetzt worden sind, bewirken schwere und schwerste Verbrennungen und Verätzungen an der Haut und den Schleimhäuten. Und dann gibt es die moderneren Nervenkampfstoffe, die direkt auf das zentrale Nervensystem wirken und die Kontrolle von Muskeln außer Kraft setzen. So wird das Atemsystem lahmgelegt, und die Menschen ersticken qualvoll.

Ein Mann und eine Frau trauern neben aufgebahrten Leichen | Bildquelle: AP
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Nervenkampfstoffe, wie sie mutmaßlich in Syrien eingesetzt wurden, lähmen die Muskulatur. Die Menschen ersticken oft qualvoll.

Deshalb werden Chemiewaffen geächtet. Sie richten unendlich viel Leid und Zerstörung an. Und sie treffen wahllos auch und vor allem die Zivilbevölkerung. Das verstößt gegen das Kriegsvölkerrecht, das besagt, dass Waffen nur dann eingesetzt werden dürfen, wenn sie zielgerichtet die gegnerischen Soldaten treffen und wenn ihre Zerstörungskraft nicht unverhältnismäßig groß ist.

tageschau.de: Warum werden sie dennoch eingesetzt?

Meier: Das ist eine gute Frage. In der Vergangenheit wurden Chemiewaffen vor allem militärisch eingesetzt: im Rahmen von großen Militäroperationen, um die gegnerischen Truppen zu treffen. Spätestens seit 1995 - dem Giftgasanschlag in Japan - ist aber klar, dass diese Waffen auch für Terroristen attraktiv sein können - mit dem Ziel, möglichst viel Leid in der Zivilbevölkerung anzurichten.

In Syrien haben wir es wieder mit einer anderen Art des Einsatzes zu tun. Auch vor dem großen Chemiewaffeneinsatz hat die syrische Armee möglicherweise C-Waffen eingesetzt - und zwar punktuell in Hochburgen der Rebellen, eventuell um Angst und Schrecken zu erzeugen. Der Angriff in der vergangenen Woche hatte allerdings noch einmal eine ganz neue Dimension von Leid und Zerstörung.

tageschau.de: Warum könnt Assad das Interesse gehabt haben, Chemiewaffen in diesem Umfang einzusetzen?  

Meier: Eine mögliche Erklärung wäre, dass so ein Angriff gegen die Oppositionellen mit konventionellen Waffen begleitet und vorbereitet werden sollte. Eventuell wollte Assad aber auch ein Zeichen nach außen setzen und die Spaltung der Internationalen Gemeinschaft vorantreiben. Es ist zu hoffen, dass der Bericht der UN-Inspektoren die Umstände des Angriffs genauer beschreibt und so auch eine bessere Einschätzung der Gründe des Einsatzes zulässt.

Das Interview führte Simone von Stosch, tagesschau.de.

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 02. September 2013 um 12:00Uhr.

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