Wahlplakate in Burkina Faso | Bildquelle: REUTERS

Urnengang in Burkina Faso Erste freie Wahlen seit 55 Jahren

Stand: 29.11.2015 02:50 Uhr

Im westafrikanischen Burkina Faso sind heute 5,5 Millionen Wahlberechtigte aufgerufen, über ein neues Parlament und einen neuen Präsidenten abzustimmen. Es sind die ersten freien Wahlen seit der Unabhängigkeit 1960. Um das Amt des Staatschefs bewerben sich 14 Kandidaten, darunter zwei Frauen.

Von Stefan Ehlert, ARD-Hörfunkstudio Nordwestafrika

Leicht aufgeheizte Stimmung auf den Straßen von Ouagadougou, aber auch Hoffnung schwingt mit, dass sich etwas ändert. "Wir sind dabei", rufen die engagierten, jungen Leute sinngemäß: Zwei Stunden für Afrika, zwei Stunden für uns - das ist ihr Schlachtruf. Und: "mobilisation" - bewegt Euch, geht wählen!

Blaise Compaoré | Bildquelle: REUTERS
galerie

Blaise Compaoré warvon 1987 bis 2014 in Burkina Faso an der Macht.

Für die meisten wird es das erste Mal sein, denn früher waren sie entweder noch zu jung oder der Gang zur Wahlkabine war verschwendete Zeit. Es gewann in Burkina Faso fast 30 Jahre lang ohnehin immer derselbe, der vor einem Jahr gestürzte Blaise Compaoré. Diesmal aber, sagt der 23-jährige Gouasso Yabré, habe er eine echte Wahl: "Wenn ich auf der Kandidatenliste keinen finde, der mir gefällt, dann wähle ich nicht. Man sollte niemanden wählen, der die Leute in der Misere sitzen lässt, sondern jemanden, der das Volk befreit."

Um  Leute wie Gouasso geht es, um die Stimmen der Jungen. Zwei Drittel der Bevölkerung sind unter 25 Jahre. Vor allem sie waren es, die den Umsturz herbeiführten, die Bewegung des Balai Citoyen, der eiserne Besen der Bürger, mit dem sie ihren korrupten Herrscher auf den Müllhaufen der Geschichte kehrten. Auch den schnell gescheiterten Putsch der Präsidialgarde vor zwei Monaten hätten sie nicht durchgehen lassen, versichert Néya Pema, ein Philosophiestudent. Ganz gleich, wer an die Macht dränge: "Der politischen Klasse müsse klar sein, dass es um mehr ginge als um die Launen eines Individuums."

14 Bewerber für das höchste Amt im Staat

Marc Christian Kaboré | Bildquelle: AP
galerie

Kaboré war Premier unter dem gestürzten Compaoré und will nun selbst Präsident werden.

Entsprechend engagiert verkaufen sich die Kandidaten. Insgesamt 14 sind es, die ums höchste Staatsamt konkurrieren. Auf dem "Basar der politischen Meinungen" profilieren sie sich mit ganz großen Versprechungen. Auch Marc Christian Kaboré, einer der beiden Favoriten: "Der Kampf, in den wir uns stürzen, ist ein Kampf, um die Verwaltung wieder auf die Beine zu stellen und alle Faulenzer und Betrüger loszuwerden. Alle, die nicht im Interesse von Burkina Faso arbeiten. Mit der Gründung unserer Partei weht ein frischer Wind in Burkina Faso, die Ära der Geradlinigkeit, die Ära der Ehrlichkeit, der echten Arbeit und die Ära der Liebe für unser Volk ist angebrochen."

Für Liebe zum Volk stand Kaboré früher nicht unbedingt. Er war schon Premierminister unter Blaise Compaoré, doch der wollte 2014 die Verfassung ändern, um zu regieren bis in alle Ewigkeit. Da kündigte Kaboré ihm die Gefolgschaft. Ende 50 ist er - so wie sein schärfster Widersacher Zéphirin Diabré - Finanzexperte und ehemaliger UN-Funktionär. Auch der ist ein Politprofi, aber einer, der schon lange die Opposition anführte.

Zéphirin Diabré | Bildquelle: REUTERS
galerie

Kaborés größter Widersacher: Zéphirin Diabré

Er habe schon immer für den Fortschritt gekämpft, sagt Diabré bei einem Auftritt im kargen Norden und verspricht, dass in Burkina Faso, einem der zehn ärmsten Länder der Welt, endlich die Lichter angehen: "Bevor ich hierher kam, kannte ich schon die Probleme, mit denen Sie konfrontiert sind - vor allem die Abwesenheit der Elektrizität. Ich habe meine Wahlkampftour in Diabo begonnen, kam durch Dori und Titao. Bis heute habe ich keinen einzigen Zentimeter asphaltierter Straße gesehen. 

Politische Situation in Burkina Faso

Burkina Faso gehört zu den ärmsten Ländern der Welt. Mit den Wahlen soll nach mehr als einem Jahr das politische Provisorium beendet werden, das nach dem Sturz des seit 1987 regierenden Langzeitherrschers Blaise Compaoré entstanden war. Bürgerproteste und das Militär hatten 2014 verhindert, dass er die Verfassung ändern konnte, um sich weitere Amtszeiten zu sichern. Compaoré floh ins Ausland.
Noch im September hatte Compaorés Präsidentengarde versucht, die Macht wieder an sich zu reißen und die Demokratisierung zu stoppen. Michel Kafando, der Präsident der Übergangsregierung, wurde gestürzt. Doch auf Druck der Nachbarländer und weiterer Proteste der Bevölkerung scheiterte der Putsch.

Ruhiger Wahlkampf trotz Umsturz und Putschversuch

Richtige Straßen soll es also bald geben. Jobs, Strom - was man so sagen muss, um bei den Baumwollbauern und Wanderhirten Stimmen zu gewinnen. Es war bislang ein ruhiger Wahlkampf, und das obwohl viele der 17 Millionen Burkinabés nach Umsturz und Putschversuch hoch politisiert sind.

Die Wahlbeobachterin Animata Kassé, Leiterin des US-amerikanischen National Democratic Institute in Burkina Faso, glaubt, dass die Politik diesmal tatsächlich die Themen aufgegriffen hat, die die Menschen interessieren: "Sozialer Frieden ist wichtig. Man spricht sehr viel vom Frieden, man spricht viel von Transparenz, man spricht viel von den Veränderungen in der Regierungsführung. Und natürlich der Kampf gegen die Korruption - das ist es, was die Burkinabés interessiert."

Angehörige der alten Regierungspartei dürfen übrigens nicht zur Wahl antreten, auch nicht für das Parlament. Einen Neustart hat sich das Land verordnet. Doch wer im Präsidialamt dann den Startknopf drücken darf, wird wohl am Wahlabend selbst noch nicht feststehen. Eine Stichwahl der beiden Favoriten gilt als wahrscheinlich.

Burkina Faso wählt
Stefan Ehlert, ARD-Hörfunkstudio Rabat
29.11.2015 00:43 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Darstellung: