Tornado-Kampfflugzeug der Bundeswehr | Bildquelle: dpa

Syrien-Einsatz der Bundeswehr Risiken im überfüllten Luftraum

Stand: 08.12.2015 01:26 Uhr

Am Donnerstag starten die ersten Tornados der deutschen Luftwaffe in die Türkei. Von dort aus sollen sie bald Einsätze über Syrien fliegen. Doch der Luftraum dort ist schon jetzt voll, die Gefahr von Kollisionen wächst. Eine Lösung für das Problem gibt es noch nicht.

Von Christian Thiels, tagesschau.de

Wer Feind ist oder Freund - oder zumindest so etwas wie ein nicht ganz so schlimmer Feind - , das ist in Syrien derzeit kaum überschaubar. Deutlich wurde das erst kürzlich wieder als Soldaten des syrischen Regimes nach Aussage von Damaskus bei einem US-Luftangriff ums Leben kamen. Das amerikanische Militär wies die Darstellung umgehend zurück und ließ durchblicken, man sei sich sicher, es habe sich um einen Angriff russischer Jets gehandelt.

Wer auch immer letztlich verantwortlich ist: Es ist völlig unklar, wie Assads Streitkräfte auf eine Wiederholung eines solchen Vorfalls reagieren könnten. "Weder Russen noch Amerikaner haben ein Interesse an einem Zwischenfall, aber die Syrer sind in dieser Situation am schwersten zu kalkulieren", mahnt der Sicherheitspolitik-Experte beim German Marshall Fund, Christian Mölling.

Truppen sollen hochmoderne Waffen haben

Dabei ist die angeschlagene Assad-Armee offenbar nicht zu unterschätzen. Es gilt als sicher, dass die Regime-Truppen hochmoderne Flugabwehrraketen von Russland geliefert bekommen haben. Die Systeme des Typs S-300 sind das Gegenstück zu den amerikanischen Patriot-Systemen und gelten als sehr leistungsfähig. Sie sollen Ziele in bis zu 150 Kilometern Entfernung und bis zu 28 Kilometern Höhe bekämpfen können. "Mit diesen Raketen muss man rechnen“, sagt Mölling.

Angeblich hat Damaskus mit S-300-Raketen im August einen israelischen Kampfjet abgeschossen, berichteten iranische und russische Medien. Wie auch immer der Wahrheitsgehalt dieser Meldungen einzuschätzen ist – in Israel befürchten Sicherheitsexperten schon einen Verlust der israelischen Lufthoheit in Nahost.

Es sei auch nicht auszuschließen, dass Assads Regime die S-300-Raketen einsetze, um auch einmal einen Jet der Koalition anzugreifen, womöglich auch einen deutschen Tornado, sorgt man sich in der Bundeswehr. So sieht das auch Verteidigungspolitiker Alexander Neu von der Linkspartei. Er befürchtet, dass Damaskus versuchen könnte, mit einem Abschuss wenigstens seinen politischen Souveränitätsanspruch über den syrischen Luftraum zu unterstreichen.

Kaum Platz mehr in syrischem Luftraum

Am Himmel über Syrien geht es derzeit ohnehin ziemlich überfüllt zu. Beispielhaft dafür ein kurzer Videoclip, der Ende Oktober vom Verteidigungsministerium in Moskau veröffentlicht wurde: Eine US-Drohne des Typs "Reaper" (Sensenmann) fliegt über Syrien und wird dabei aus geringer Distanz gefilmt – ausgerechnet vom Kopiloten eines russischen Kampfjets.

Der Zwischenfall - kaum beachtet in europäischen Medien – zeigt, dass die schiere Zahl der Kampfflugzeuge und Hubschrauber der US-geführten Koalition, der Russen und des Assad-Regimes ein gewaltiges Risiko darstellt. Denn eine ausreichende Koordination findet offenbar immer noch nicht statt. "Die Gefahr von Kollisionen wächst erheblich", warnt Alexander Neu. Das liegt nicht nur an der Dichte an fliegendem Kriegsgerät, sondern auch an der Weigerung der Politik, sich mit Russland und Assad an einen Tisch zu setzen und die militärischen Operationen zu koordinieren.

Ein Tornado der Bundeswehr wird gecheckt. | Bildquelle: dpa
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Tornado der Bundeswehr (Archivbild): Nach Afghanistan sollen die Kampfflugzeuge nun auch in Syrien zum Einsatz kommen.

Flugzeugträger soll Abhilfe schaffen

Ein Umstand, den auch hohe Bundeswehr-Offiziere durchaus kritisch sehen. Auf dem kleinen Dienstweg müssten die Militärs nun versuchen, gefährliche Situationen zu vermeiden. Bislang gelinge das auch einigermaßen, heißt es aus der Bundeswehr. Die Verlegung des französischen Flugzeugträgers Charles-de-Gaulle in den persischen Golf ist offenbar in diesem Zusammenhang zu sehen. Denn dann können die französischen Jets von Süden anfliegen und kommen sich weniger mit den Russen ins Gehege.

Doch das ist allenfalls eine Notlösung. Genauso wie die informellen Absprachen zwischen Putins Militär und den Truppen der US-geführten Koalition. Bei der bevorstehenden Syrien-Konferenz kurz vor Weihnachten in New York müssten alle Parteien nun schnell an einen Tisch, mahnt auch der Wehrbeauftragte des Bundestages, der SPD-Politiker Hans-Peter Bartels: "Die Konferenz muss dazu beitragen, dass militärisch besser koordiniert wird – auch und gerade mit den Russen."

Schulterschluss mit Assad?

Hinter vorgehaltener Hand sehen Militärs und Politiker auch die Notwendigkeit, sich mit dem Assad-Regime ins Benehmen zu setzen. Doch weil außer Russlands Präsident Putin kein ausländischer Regierungschef dem Machthaber von Damaskus vor laufenden Kameras die Hand reichen will, wird das nur über Umwege funktionieren. Aktuell koordinieren die Truppen Assads sich offiziell nur mit Iran, Irak und Russland.

Für Linkspartei-Politiker Neu gibt es ohnehin nur einen Weg, die Risiken zu minimieren: mit einem Höchstmaß an militärischer Zurückhaltung und einer deutlichen Verstärkung der diplomatischen Initiativen. Mit der Entsendung der Tornados jedenfalls tue sich Deutschland keinen Gefallen.

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