Nachdem wieder Züge Richtung Wien fuhren, drängen sich die Flüchtlinge auf den Treppen zu den Bahnsteigen | Bildquelle: picture alliance / NurPhoto

Budapest Keleti - zwei Jahre danach Der Ort, der Merkel umgestimmt hat

Stand: 04.09.2017 11:39 Uhr

Es war vor genau zwei Jahren: Tausende Flüchtlinge saßen am Budapester Bahnhof fest, die Szenen waren chaotisch. Dann entschied Kanzlerin Merkel: Sie dürfen kommen. Für die Flüchtlingspolitik ist also kaum ein Ort so bedeutsam wie der Keleti-Bahnhof. Und heute?

Eine Reportage von Clemens Verenkotte, ARD-Studio Wien

Bahnhof Budapest Keleti: Touristen, Pendler und Einheimische durchqueren die lichte Eingangshalle, auf Gleis 11 fährt gerade der ÖBB-Railjet ein, der für die Strecke Wien-Budapest gerade mal etwas mehr als zwei Stunden benötigt. An die dramatischen Tage vor zwei Jahren erinnert nichts mehr.

"Wie sie eingekauft haben, das war schlimm"

Auch im Untergeschoss des Bahnhofes, wo zwischenzeitlich unzählige Flüchtlinge, Kinder, Frauen mit Säuglingen auf den nackten Steinfliesen ausharren mussten, wissen nur noch Zeitungs- und Blumenverkäuferinnen, was für Szenen sich hier abgespielt haben:

"Die Unterführung war total voll mit Menschen. Es sah aus wie ein Zeltlager. Wenn ich morgens zur Arbeit gekommen bin, habe ich Leute gesehen, die auf den Tischen geschlafen haben. Auf den Tischen wurden auch Babys gewickelt. Wie sie eingekauft haben, das war schlimm: Sie haben sich immer vorne angestellt - statt in der Schlange. Sie haben Essen und Erfrischungsgetränke gekauft, Alkohol nicht. Nur einige haben gesoffen. Sie haben viel Geld gehabt. Und sie kamen oft hierher, um Handys zu laden."

Die Rentnerin Maria wohnt unmittelbar am Bahnhof. Für sie sei das eine grauenvolle Zeit gewesen. "All der Dreck", sagt sie. Und sie meint, die Flüchtlinge seien "wahnsinnig gut versorgt" gewesen. "Sie hatten große Flaschen mit Saft gehabt. Das ungarische Volk bekam kaum etwas Ähnliches."

Im und um den Budapester Bahnhof campierten im Sommer 2015 Tausende Flüchtlinge | Bildquelle: picture alliance / JOKER
galerie

Im und um den Budapester Bahnhof campierten im Sommer 2015 Tausende Flüchtlinge.

"Weil die Regierung den Menschen bewusst nicht helfen wollte"

Es gab jedoch auch Tausende Ungarn, die anpackten und als Freiwillige die Flüchtlingen mit allem Lebensnotwendigen versorgten. Szilard Kalmar war einer von ihnen. Er steht am Rande eines Parks in der Nähe des Bahnhofs: Hier übernachteten vor zwei Jahren all diejenigen, die am zwischenzeitlich abgeriegelten Bahnhof Keleti keinen Platz mehr gefunden hatten. "Es war eine Katastrophe, weil es Anfang September hier so viele Menschen gab, dass wir sie nicht mehr mit Essen und Trinken versorgen konnten. Wir haben es nicht mehr geschafft."

In der Küche eines kleinen Kellerrestaurants standen damals Dutzende Helfer, kochten Nudeln und Reis, schmierten belegte Brote, sortierten Zahnpasta-Tuben, trugen Wasserkästen. Die Freiwilligen hätten sich damals über Facebook organisiert, erzählt Szilard Kalmar. "Weil damals die Regierung den Menschen bewusst nicht helfen wollte. Und wir sagten uns: Da müssen wir was tun!"

1/1

Der Bahnhof Budapest Keleti - 2015 und 2017

Bahnhof Budapest 2017
Keleti Bahnhof in Budapest 04.09.2015

Verändern Sie die Darstellung durch Bewegen des Bildschiebers.

Die Atmosphäre hat sich grundlegend geändert

Das innenpolitische Klima im Land sei vor zwei Jahren noch ein ganz anderes gewesen, bilanziert Marta Pardavi, die Co-Vorsitzende des ungarischen Helsinki-Komitees. "Für die Flüchtlinge, die hier ankamen, und für die Gruppierungen, die sich um Flüchtlinge gekümmert haben und auch politisch war das hier ein anderer Ort", erzählt die Menschenrechtlerin.

Heute - zwei Jahre danach - habe sich die Atmosphäre grundlegend verändert: Die Regierung betreibe seit jenen Septembertagen 2015 eine fremdenfeindliche Stimmungsmache gegen Flüchtlinge - obgleich sich im Land nicht einmal 500 Asylbewerber in den beiden, stacheldrahtumzäunten "Transitlagern" an der Grenze zu Serbien befänden, sagt die Menschenrechtlerin Pardavi:

"Es gibt eine sehr klare Botschaft der ungarischen Regierung, dass Migranten eine Bedrohung sind, und sie nicht hier sein sollten. Und diese Botschaft wird immer und immer wieder wiederholt, auf Plakaten, in öffentlichen Erklärungen in den Medien, in bezahlten Anzeigen und auch in vielen Artikeln und Berichten. Die Bevölkerung hat Angst."

Die Entscheidung am Abend des 4. September 2015

Am Abend des 4. September 2015 hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel in Absprache mit dem damalige österreichische Bundeskanzler Werner Faymann entschieden, die aus Ungarn kommenden Flüchtlinge einreisen zu lassen. Faymann begründete die Entscheidung damals mit der "aktuellen Notlage".

Zuvor hatte die ungarische Regierung angekündigt, Flüchtlinge mit Bussen von Budapest bis zur österreichischer Grenze zu bringen. Hunderte hatten sich zu Fuß dorthin aufgemacht und liefen über die Autobahn Richtung Westen.

"Sie wollten ihr Ziel um jeden Preis erreichen"

Ungarn Regierungssprecher Zoltan Kovacs weist diese Anschuldigungen zurück. Er hat eine andere Erinnerung an die Tage Anfang September 2015, die geprägt sei von "der vollkommenen Irregularität dessen, was hier passiert ist" - sowohl an der Grenze, als auch in Budapest. "Und vom kompletten Mangel an Kooperation auf Seiten der Migranten. Das bedeutet: Sie wollten ihr Ziel um jeden Preis erreichen." Das Ziel hieß Deutschland.

Ein Schild zeigt, dass Züge aus dem Bahnhof Budapest Keleti ausfallen | Bildquelle: picture alliance / Hans Ringhofe
galerie

2015 herrschte Chaos am Bahnhof Budapest Keleti. Der Zugverkehr von und nach Wien wurde weitgehend eingestellt.

"Der schlimmste Ort auf ihrer Flucht"

Szabolcs Tóth, der mit Freunden am Bahnhof Keleti Flüchtlingen geholfen hatte, ist eines besonders in Erinnerung geblieben: Die Reaktionen der Menschen, als es hieß, dass sie weiterfahren durften. "Das war wirklich Erleichterung. Mit manchen konnten wir uns auch auf Englisch unterhalten. Und die fanden Ungarn den schlimmsten Ort auf ihrer Flucht."

Flüchtlinge: Der Bahnhof Budapest Keleti zwei Jahre nach der Krise
Clemens Verenkotte, ARD Wien
04.09.2017 09:04 Uhr

Download der Audiodatei

Wir bieten dieses Audio in folgenden Formaten zum Download an:

Hinweis: Falls die Audiodatei beim Klicken nicht automatisch gespeichert wird, können Sie mit der rechten Maustaste klicken und "Ziel speichern unter ..." auswählen.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 04. September 2017 um 09:11 Uhr.

Darstellung: