Demonstranten halten Fotos der verschwundenen Buchhändler | Bildquelle: AFP

Proteste in Hongkong Buchhändler vermisst - steckt Peking dahinter?

Stand: 04.01.2016 08:00 Uhr

In Hongkong gilt Pressefreiheit, im Rest Chinas nicht. China-kritische Bücher erscheinen deshalb - wenn überhaupt - oft in Hongkonger Verlagen. Fünf Mitarbeiter eines solchen Verlages sind nun spurlos verschwunden. Steckt die Kommunistische Partei dahinter?

Von Markus Rimmele, ARD-Studio Shanghai

"Lasst Lee Bo frei, sagt uns die Wahrheit", rufen einige Dutzend Demonstranten in der Hongkonger Innenstadt. Sie verlangen Aufklärung. Es geht um den Angestellten einer Hongkonger Buchhandlung. Lee Bo ist am vergangenen Mittwoch spurlos verschwunden - wahrscheinlich entführt, als er in einem Warenlager seines Verlages war.

Seine Frau sagt, sie habe als letzte Lebenszeichen mehrere kurze Anrufe ihres Mannes erhalten. Darin habe er ihr mitgeteilt, er werde nicht so schnell zurückkehren. Er müsse bei einer Untersuchung mitwirken. "Ich denke, er ist in Shenzhen auf dem chinesischen Festland", sagt sie "Es war eine Shenzhener Vorwahl. Er sprach in der Hochsprache Mandarin mit mir und nicht auf Kantonesisch. Ich denke, das musste er, damit ihn die Leute um ihn herum verstehen konnten."

In China sind die Bücher verboten

Lee Bo arbeitet für das Verlags- und Buchhandelshaus Mighty Current, bekannt für seine Peking-kritischen Publikationen - also für Bücher, die hart mit Chinas kommunistischen Führern ins Gericht gehen oder deren Privatleben beleuchten. Mehrere Verlage in Hongkong haben sich auf diese Literatur spezialisiert. Sie verkaufen die Bücher in kleinen versteckten Buchläden meist im Stadtteil Causeway Bay. Festlandchinesen, zu Besuch in der Stadt, können dort Titel und Informationen erwerben, die im Rest Chinas verboten sind. Peking sind diese Schlupflöcher wohl ein Dorn im Auge.

Demonstranten halten Fotos der verschwundenen Buchhändler | Bildquelle: REUTERS
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Demonstranten halten Fotos der verschwundenen Buchhändlerin den Händen.

"Es wird zu noch mehr Selbstzensur führen"

Seit Monaten verschwinden nun Mitarbeiter von Mighty Current. Lee Bo ist bereits der fünfte. Vier Kollegen werden bereits seit Oktober vermisst. Die Spuren von zweien verlieren sich auf dem chinesischen Festland. Ein anderer wurde zuletzt in seinem Feriendomizil in Thailand gesehen, ein weiterer in Hongkong.

Hongkongs Demokraten vermuten, dass Peking hinter den Entführungen steckt. "Wenn sich dies bewahrheiten sollte, wäre das ein Alarmsignal", sagt Joseph Cheng, Politologe an der Hongkonger City University. "Es wird zu noch mehr Selbstzensur unter den Journalisten in Hongkong führen."

Das Verschwinden der Buchhändler könnte eine Zeitenwende einläuten. Hongkong genießt nach dem Grundsatz "Ein Land, zwei Systeme" innerhalb Chinas einen hohen Grad an Autonomie. Es herrschen Presse- und Meinungsfreiheit. Chinesische Polizisten dürfen in der Stadt nicht operieren. Und so ist die Sonderverwaltungszone seit der Übergabe durch die Briten 1997 Heimat zahlreicher Pekingkritiker, Menschenrechtler und Dissidenten.

Freie Gesellschaft gerät in die Defensive

Dass Personen nun einfach so von Hongkongs Straßen weggeholt werden wie auf dem Festland, das wäre neu und ein klarer Bruch mit dem Gesetz und dem Status Hongkongs. "Ab jetzt wird es wohl unmöglich sein, die Kommunistische Partei zu kritisieren", sagt Albert Ho von der Demokratischen Partei in Hongkong. "Und bald schon gilt das dann auch für die Regierung. Das verläuft Schritt für Schritt. Es ist wie bei einem Baum, der stirbt, bei dem Stück für Stück die Rinde abfällt. Es ist wichtig für uns alle zu wissen, ob wir die letzte Verteidigungslinie noch halten können oder nicht."

Hongkongs Regierung zeigt sich ahnungslos

Hongkongs freiheitliche Gesellschaft gerät immer stärker in die Defensive. Auch in der ehemaligen britischen Kolonie scheint nun niemand mehr sicher vor dem langen Arm Pekings zu sein. Auch die Organisatoren der Regenschirmproteste vor gut einem Jahr dürften diese Botschaft verstanden haben.

Hongkongs Regierung zeigt sich im Falle Lee Bo ahnungslos. Die Polizei ermittelt. Wahrscheinlich wird sie nichts herausfinden.

Verschwundene Buchhändler – Proteste in Hongkong
M. Rimmele, ARD Shanghai
04.01.2016 07:50 Uhr

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Dieser Beitrag lief am 04. Januar 2016 um 11:14 Uhr auf NDR Info.

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