Polizisten in Brüssel | Bildquelle: AFP

Belgische Behörden unter Druck "Jemand aus dem Polizeiapparat hat gepatzt"

Stand: 26.03.2016 15:08 Uhr

Mit "Hochdruck", wie es so schön heißt, fahnden die belgischen Behörden nach weiteren Verdächtigen des Terrornetzwerks. Gleichzeitig gibt es jedoch immer mehr Hinweise auf Schlampereien und Versäumnisse in den Monaten vor den Anschlägen.

Hätten die Terroranschläge von Brüssel verhindert werden können, wenn die belgischen Behörden Hinweise aus anderen Ländern nicht ignoriert hätten? Die Frage ist gerechtfertigt angesichts der Schlampereien, Pannen und Versäumnisse, die im Zuge der Ermittlungen bekannt werden.

So verschleppte ein belgischer Verbindungsbeamte im türkischen Istanbul den Informationsfluss über den Attentäter Ibrahim El Bakraoui zwischen beiden Ländern. Der Verbindungsbeamte habe "mindestens nachlässig und weder sehr proaktiv noch sehr engagiert" gehandelt, als die türkischen Behörden Angaben zu El Bakraoui gemacht hätten, sagte Belgiens Innenminister Jan Jambon vor Parlamentariern. Der Mann habe "einen Fehler gemacht", was "inakzeptabel" sei.

"Jemand aus dem Polizeiapparat hat gepatzt"

Jambon gab an, El Bakraoui sei am 11. Juni im türkischen Gaziantep an der Grenze zu Syrien festgenommen worden, worüber der belgische Verbindungsbeamte in Istanbul am 26. Juni informiert worden sei. Drei Tage später habe der Polizist die Informationen nach Brüssel weitergeleitet. Die dortige Antiterrorbehörde habe daraufhin um weitere Informationen über den in Belgien wegen kleinerer Delikte verurteilten El Bakraoui gebeten. Bis zum 20. Juli sei jedoch nichts geschehen.

"Der Verbindungsoffizier hat nichts unternommen, es gab seinerseits keine Kommunikation mehr", sagte Jambon. "Jemand aus dem Polizeiapparat hat gepatzt", stellte er fest. Den Mann erwartet nun ein Disziplinarverfahren.

Die Türkei hatte Belgien zuvor vorgeworfen, Warnhinweise über den des Landes verwiesenen El Bakraoui ignoriert zu haben. Die belgischen Behörden hätten "nicht das Notwendige unternommen", kritisierte Staatschef Recep Tayyip Erdogan.

Warum blieb El Bakroui frei?

Der Belgier El Bakroui war im Sommer 2015 an der türkisch-syrischen Grenze festgenommen und auf eigenen Wunsch in die Niederlande ausgewiesen worden. Trotz des Hinweises der Türkei, dass der Mann ein "ausländischer terroristischer Kämpfer" sei, ließen ihn die belgischen Behörden auf freiem Fuß. Warum, ist unklar.

Belgiens Justizminister Koen Geens hatte zuvor angegeben, die Regierung sei im Sommer erst nach der Rückkehr El Bakraouis von dessen Abschiebung durch die Türkei informiert worden. Allerdings sei die belgische Botschaft im Juni über die Festnahme informiert worden.

Das Foto von Interpol zeigt die Brüder Khalid El Bakraoui (links) und Ibrahim. | Bildquelle: AFP
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Das Foto von Interpol zeigt die Brüder Khalid El Bakraoui (links) und Ibrahim.

Hinweise aus Athen im Januar 2015

Laut einem Medienbericht könnte es auch sein, dass die belgischen Behörden zudem Hinweise aus Athen ignorierten. Die griechische Polizei soll bereits im Januar 2015 in zwei Wohnungen in Athen Pläne entdeckt haben, die auf einen Terroranschlag auf dem Flughafen von Brüssel hindeuteten. Schon damals seien die belgischen Behörden informiert worden, berichtete der Athener Nachrichtensender Skai unter Berufung auf die griechische Polizei. Unter anderem sei eine Karte des Flughafens von Brüssel gefunden worden. Die Wohnungen sollen von Islamisten um den mutmaßlichen Drahtzieher der Paris-Anschläge, Abdelhamid Abaaoud, angemietet worden sein. Eine offizielle Erklärung der Polizei dazu gibt es bislang nicht.

Trotz der bekannt gewordenen offensichtlichen Versäumnisse der belgischen Behörden, wurde noch niemand politisch zur Verantwortung gezogen. Doch die Minister Geens und Jambon der regierenden Mitte-Rechts-Koalition in Belgien stehen erheblich unter Druck. Zumal die Brüssel-Attentäter Ibrahim El Bakraoui und sein Bruder Khalid polizeibekannt waren. Wegen Verstößen gegen Bewährungsauflagen hätten sie eigentlich in Haft sitzen müssen. Beide Minister boten nach den Anschlägen ihren Rücktritt an, was Premier Charles Michel jedoch ablehnte. Ein Untersuchungsausschuss soll klären, ob Fehler und Versäumnisse der Sicherheitsbehörden die Anschläge womöglich begünstigt haben.

Dritter Flughafen-Attentäter gefasst?

Drei Männer mit Gepäckwagen - zwei davon mit je einem Handschuh | Bildquelle: AFP
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Das Fahndungsfoto vom Flughafen. Laachraoui ist ganz links zu sehen, neben ihm Ibrahim El Bakraoui. Der Mann mit dem Hut könnte Faycal Cheffou sein.

Die belgische Staatsanwaltschaft erließ unterdessen Haftbefehl gegen drei Terror-Verdächtige. Einer von ihnen ist Faycal C., der laut Medienberichten der dritte Flughafenattentäter sein soll. Die Staatsanwaltschaft beschuldigte ihn der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung, terroristischer Morde und versuchter Morde. Ob er der gesuchte "Mann mit Hut" ist, ließ sie jedoch offen.

Mit Informationen von Holger Romann, ARD-Studio Brüssel

Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 26. März 2016 um 23:25 Uhr.

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