Parlament Großbritannien London | Bildquelle: picture alliance / dpa

Deutsche in Großbritannien Die Angst vor dem Rausschmiss

Stand: 20.02.2017 02:31 Uhr

Das britische Oberhaus debattiert von heute an den Brexit-Gesetzentwurf. Eine Streitfrage ist, ob EU-Ausländer im Land bleiben dürfen. Auch Bundesbürger in London machen sich jetzt Sorgen um ihre Zukunft.

Von Stephanie Pieper, ARD-Studio London

Die Liebe hat Sabine von Toerne 2009 in die britische Hauptstadt gelockt, denn der Vater ihres heute achtjährigen Sohnes Paul lebte damals hier.

Die Berlinerin machte in London eine Ausbildung zur Hebamme, arbeitet heute freiberuflich als Geburtshelferin und möchte in Großbritannien bleiben: "Ich kann mir das nicht vorstellen, dass man uns hier rausschmeißt - obwohl, wir haben viele Sachen nicht geglaubt. Wir haben uns auch nicht vorstellen können, dass der Brexit passiert, und dass Donald Trump gewählt wird."

Keine Aufenthaltsgenehmigung

Die 43-Jährige wollte deshalb sicherheitshalber die britische Staatsbürgerschaft beantragen, die auch ihr Sohn besitzt. Doch als Zwischenschritt braucht sie dafür inzwischen eine permanente Aufenthaltsgenehmigung.

Die jedoch bekommt von Toerne nicht, weil sie während ihrer Ausbildung keine private Krankenversicherung hatte, die jetzt plötzlich verlangt wird. Das frustriert sie: "Inzwischen denke ich, es gibt auch andere Orte auf der Welt, wo man sich einrichten könnte."

Protest vor dem Oberhaus

Noch gibt die alleinerziehende Mutter aber nicht auf. Von Toerne unterstützt die Lobbygruppe "The 3 Million", die sich kurz nach der Brexit-Entscheidung gegründet hat und die für die Rechte der rund drei Millionen EU-Zuwanderer in Großbritannien kämpft.

Das "House of Parliament" in London
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Demonstranten wollen vor dem britischen Parlament auf ihre Not hinweisen.

Die Initiative hat dazu aufgerufen, dass möglichst viele von ihnen heute zum Parlament kommen, während das Oberhaus über das Brexit-Gesetz debattiert - und auch von Toerne wird dann dabei sein: "EU-Bürger werden einfach dort auftauchen, hoffentlich in großer Zahl, um den Abgeordneten zu sagen, dass sie uns nicht einfach vergessen können."

"Antrag abgelehnt"

Ebenso wie von Toerne ist auch Sabine Dembkowski bei dem Versuch gescheitert, sich einbürgern zu lassen. Die Unternehmensberaterin füllte das 54-seitige Formular aus, fügte alle geforderten Unterlagen bei - ihren Reisepass allerdings nur in beglaubigter Kopie, nicht im Original.

"Antrag abgelehnt", teilte ihr daraufhin das Innenministerium per Einschreiben mit. Darin stand, dass sie ihre Ausreise vorbereiten sollte. "Das hat schon wehgetan", sagt Dembkowski, die schon seit Langem in London lebt. Sie arbeitet für zwei Unis und für eine US-amerikanische Unternehmensberatung und hat eine Wohnung gekauft.

Sie möchte eigentlich weiter hier leben, auch wenn das Brexit-Votum sie getroffen hat: "Es hat sich ganz klar etwas verändert. Jetzt ist man so wie geduldet. Es ist nicht so, wie es war."

Bleiberecht - aber nur unter einer Bedingung

Premierministerin Theresa May will den EU-Ausländern zwar ein Bleiberecht auf der Insel garantieren - aber nur, wenn dies umgekehrt auch für die Briten auf dem Kontinent gilt.

Premierministerin May | Bildquelle: AP
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Premierministerin May will Bleiberecht für EU-Ausländer an Bedingungen knüpfen.

Einen neuen Anlauf, britische Staatsbürgerin zu werden, will Dembkowski vorerst nicht nehmen - sondern abwarten, was in den Brexit-Verhandlungen passiert. Leben muss auch sie weiter mit der Ungewissheit.

Brexit-Gesetz im Oberhaus: EU-Bürger protestieren
S. Pieper, ARD London
19.02.2017 18:47 Uhr

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Dieser Beitrag lief am 20. Februar 2017 um 07:13 Uhr auf WDR 5.

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