Eine Frau mit Rollkoffer läuft am Felsen von Gibraltar vorbei. | Bildquelle: AP

Gibraltar und der Brexit Trennungsangst - in beide Richtungen

Stand: 03.04.2017 09:06 Uhr

Was passiert mit dem britischen Überseegebiet Gibraltar, wenn Großbritannien aus der EU austritt? Seit Freitag ist klar: Jede Brexit-Vereinbarung soll erst dann für Gibraltar gelten, wenn sich Madrid und London darüber einig sind. Politisch eine heikle Sache.

Von Oliver Neuroth, ARD-Studio Madrid

Es sind gerade einmal 6,5 Quadratkilometer, die immer wieder für politischen Ärger zwischen Spanien und Großbritannien sorgen. Gibraltar steht seit 1704 unter der Souveränität des Vereinigten Königreichs, wurde 1713 von Spanien abgetreten - wird aber auch regelmäßig von Madrid zurückgefordert. Daher wundert es kaum, dass der spanische Regierungssprecher Méndez de Vigo den Entwurf der EU-Regeln für den Brexit begrüßt. Sie würden Spanien schließlich eine Art Vetorecht einräumen.

"Bei allen künftigen Abkommen zu Gibraltar müssen sich das Vereinigte Königreich und Spanien einigen. Mit diesem Vorschlag sind wir sehr zufrieden", sagte de Vigo. Es gelte das, was Spanien von Anfang an gesagt habe: An vorderster Stelle stehe das Wohl der Bürger. Die spanische Regierung meint damit vor allem das Wohl der Spanier. Mehr als 10.000 Menschen fahren jeden Tag von Spanien nach Gibraltar, um dort zu arbeiten. Von spanischer Seite aus soll sich daran nichts ändern. Außenminister Alfonso Dastis sagte am Wochenende in einem Zeitungsinterview: Pendler sollten die Grenze wie bisher passieren dürfen.

Karte von Gibraltar
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Die britische Exklave Gibraltar verfügt über einen Mittelmeerhafen und eine gemeinsame Grenze mit Spanien.

"Wir dürfen kein Opfer des Brexit werden"

Doch für Gibraltar ist nicht nur die sogenannte Personenfreizügigkeit ein wichtiger Vorteil der EU. Die Enklave unterhält auch viele wirtschaftliche Verbindungen ins spanische Hinterland. Was daraus nach dem Brexit werden könnte, ist bisher nicht abzusehen. "Wir dürfen kein Opfer des Brexit werden. Wir haben beim Referendum für den Verbleib in der EU gestimmt. Unser Wille hat ein großes politisches Gewicht in Großbritannien", sagte der Regierungschef von Gibraltar, Fabian Picardo.

Picardo ist in einer verzwickten Lage: Er sieht einerseits die Vorzüge der EU für Gibraltar - andererseits schlägt sein Herz für Großbritannien. Und mit Spanien will Picardo so wenig wie möglich zu tun haben. Der sozialdemokratische Politiker ist davon überzeugt, dass die Regierung in Madrid die besondere Verhandlungsrolle Spaniens in den Entwurf hat schreiben lassen. Der Rest der EU habe daran kaum Interesse.

Blick auf Gibraltar und seinen bekannten Felsen. | Bildquelle: AFP
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Gibraltar: Es sind gerade einmal 6,5 Quadratkilometer, die immer wieder für politischen Ärger zwischen Spanien und Großbritannien sorgen.

Großbritannien hat kaum Macht

Aber er denkt auch positiv: "Ich denke, uns hilft die Tatsache, dass Spanien seine Karte sehr früh ausgespielt hat - und dazu nicht gerade elegant", argumentiert er. Nun wüssten die Menschen in Gibraltar schon zeitig, welcher komplexe Prozess auf sie zukomme. "So können wir uns bestmöglich darauf vorbereiten."

Doch Picardo ist klar: Obwohl die jetzt bekannt gewordenen EU-Regeln für den Brexit nur Entwürfe sind - allzu viel dürfte sich bis zu einer endgültigen Fassung nicht mehr ändern. Denn Großbritannien wird bei den Verhandlungen über das Papier kaum Einfluss haben. "Niemand weiß, wie die Gespräche am Verhandlungstisch ablaufen werden. Aber es ist Fakt, dass unser Freund, das Vereinigte Königreich, unsere Interessen nicht verteidigen kann", sagte Picardo.

Die britische Premierministerin May versucht es zumindest. Sie kündigte gestern an, für die Rechte Gibraltars zu kämpfen. Sie werde es nicht zulassen, dass Gibraltar unter andere Kontrolle gerate. Sprich: unter spanische. Die endgültige Fassung der Brexit-Verhandlungsregeln soll bis zu einem Sondergipfel am 29. April fertiggestellt sein.

Gibraltar und der Brexit: Ärger über Spaniens Sonderrolle bei den Verhandlungen
O. Neuroth, ARD Madrid
03.04.2017 08:21 Uhr

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Über dieses Thema berichtete NDR Info am 03. April 2017 um 06:08 Uhr.

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