Die britische Flagge nehmen der Flagge der EU. | Bildquelle: dpa

Wie schwach wäre die EU ohne die Briten? Die amputierte Union

Stand: 13.06.2016 07:17 Uhr

In anderthalb Wochen stimmen die Briten über den Verbleib in der EU ab. Umfragen zeichnen seit Monaten ein packendes Kopf-an-Kopf-Rennen. Doch was würde es für die EU bedeuten, würde Großbritannien austreten? Die Szenarien von Experten sehen düster aus.

Kai Küstner, ARD-Studio Brüssel

Es sind zweifelsohne echte "Verlustängste", die das europäische Festland derzeit umtreiben. Denn sollte die fünftgrößte Volkswirtschaft der Welt, Großbritannien, sich tatsächlich von der EU lossagen, dann würde die Europäische Union gleich in vielerlei Hinsicht verlieren, erklärt der Politikexperte der Bertelsmann-Stiftung, Joachim Fritz-Vannahme: "Sie verliert erstmal eine ihrer stärksten Wirtschaftskräfte, denn Großbritannien ist nun mal mit Deutschland und Frankreich der Spitzenreiter in Europa. Sie verliert auch ein Mitglied im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen."

Wirtschaftlich wie politisch würde die EU also im internationalen Kräftemessen weniger Gewicht auf die Waage bringen, warnt der Direktor des Programms "Europas Zukunft" im ARD-Hörfunk-Interview. Was durchaus Folgen hätte: "Die Verhandlungsmacht wäre mit Sicherheit nicht mehr so gut. Ich denke da an Verhandlungen, die unter dem Namen TTIP oder anderen Handelsabkommen laufen. In all diesen Feldern waren die Briten von Gewicht."

EU wird angreifbarer

Und wenn es ohne die Briten schon mit befreundeten Mächten wie den USA schwieriger wird, wie sieht es dann erst mit härteren Fällen wie China oder Russland aus? Nicht wenige fürchten, insbesondere Moskau könnte sich dann doppelt animiert fühlen, Keile in die EU hineinzutreiben. Denn, dass in mehreren Ländern der Union zuletzt der Nationalismus beunruhigende Erfolge gefeiert hatte, leugnet auch EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker nicht: "Ich kann nicht ausschließen, dass der britische Ausstieg - wenn er denn kommt - Lust auf mehr machen würde in anderen Ländern."

EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker | Bildquelle: REUTERS
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Jean-Claude Juncker: Sorgt sich wegen möglicher EU-Austritte.

Beide, der EU-Kommissionschef und der Experte der Bertelsmann-Stiftung, wählen das Wort "Katastrophe", um die Auswirkungen eines Brexits auf die EU zu beschreiben. Zumal sich die Briten zu einem Zeitpunkt verabschieden würden, an dem Europa sich wegen Flüchtlings- und Euro-Krise in einem ohnehin erbarmungswürdigen Zustand befindet: "Es ist offenkundig die Attraktivität der Europäischen Union nicht mehr stark genug, ein Mitglied, das immerhin seit den 1970er-Jahren dabei ist, so eng zu binden, dass es ein Referendum gar nicht hätte geben müssen."

Briten sind militärisch weit vorn

Auch NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg macht kein Geheimnis daraus, dass er das Vereinigte Königreich lieber in der EU sähe als außerhalb. Feststeht, dass aus militärischer Sicht kein EU-Land stärker ist als die Briten. Eine Europäische Union ohne Großbritannien wäre in vielerlei Hinsicht eine schwächere, eine "amputierte" Union, warnen die Experten. Wobei allerdings kaum jemand ausschließt, dass die Folgen für den Inselstaat selbst vermutlich noch viel verheerender wären als für die dann um ein Land verkleinerte EU.

Was kann die EU ohne die Briten?
Kai Küstner, NDR-Studio Brüssel
13.06.2016 03:32 Uhr

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Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 13. Juni 2016 um 07:16 Uhr.

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