Ein Jahr nach dem Breivik-Prozess "Die Transparenz hat sich gelohnt"

Stand: 16.04.2013 01:58 Uhr

Vor einem Jahr begann der Prozess gegen den Attentäter Breivik wegen des Mordes an 77 Menschen. Ganz Norwegen konnte teilweise live dabei zusehen, 800 Journalisten aus der ganzen Welt berichteten. Denn in Norwegen darf aus dem Gericht - anders als in Deutschland - übertragen werden.

Von Tim Krohn, ARD-Hörfunkstudio Oslo

Es war am 16. April 2012, als im Tinghus von Oslo der Prozess begann. Richterin Elisabeth Arntzen fragte den Angeklagten nach seinem Namen und seinem Beruf. "Schriftsteller", antwortete der. Und ganz Norwegen schüttelte in diesem Moment mit dem Kopf.

Der Prozessbeginn gegen den Attentäter von Oslo und Ütöya wurde live im Fernsehen übertragen. Und so war es auch zum Schluss, als die Richterin zum allerletzten Mal mit ihrem Hammer auf das Richterpult schlug. Die Kameras waren wie selbstverständlich mit dabei.

CNN, Al Dschasira und Xinhua

Journalisten verfolgen den Prozessauftakt im extra eingerichteten Presseraum | Bildquelle: REUTERS
galerie

Journalisten, die keinen Zugang zum Gerichtssaal bekamen, verfolgten den Prozessauftakt in einem extra eingerichteten Presseraum.

Der transparente Umgang der Justiz mit den Medien in Norwegen - ein Jahr danach sind sich alle einig: Er hat sich gelohnt. Das Verfahren ging geradezu mustergültig über die Bühne, trotz aller Befürchtungen im Vorfeld. Würde man dem Angeklagten nicht genau das Spektakel bieten, das er sich immer gewünscht hat? Breiviks Anwalt Geir Lippestadt hatte die Öffentlichkeit darauf vorbereitet, dass es heftig wird. "Es werden viele schwer erträgliche Erklärungen von ihm kommen", warnte Lippestadt. "Sollte man sich so etwas anhören? Wir sollten. Ich halte das sogar für äußerst wichtig."

Mehr als 800 Journalisten waren in Oslo dabei, von CNN über Al Dschasira bis zur chinesischen Nachrichtenagentur Xinhua. Und nie gab es irgendein Gerangel um die besten Plätze oder Bilder. Das Gericht hatte die Plätze im Tinghus nicht nach dem zeitlichen Eingang der Akkreditierungen vergeben, sondern nach der Größe und Bedeutung der Medien. Trotzdem stand keiner außen vor.

Das Verfahren wurde komplett und in voller Länge in einen Nachbarraum übertragen und sogar auf die andere Straßenseite, in ein Hotel, in dem die meisten Journalisten wohnten. Alles wurde da simultan ins Englische übersetzt, zwei lange Monate lang und ohne eine einzige Panne.

Selbst twittern aus dem Gerichtssaal war erlaubt

Radio- und Fernsehübertragungen aus den Gerichten sind in Norwegen - anders als in Deutschland - grundsätzlich zugelassen. Der Richter kann am Ende selber entscheiden, wann die Kameras draußen bleiben und wann nicht.

Eine gefährliche Gratwanderung zwischen Aufklärung und Voyeurismus. Selbst das Twittern und Bloggen direkt aus dem Gerichtssaal war möglich. Breiviks wirre Theorien servierte der norwegische Fernsehsender NRK mit schriftlichen Updates im Minutentakt.

"Ich fand seine Aussagen langweilig", sagte damals einer der Überlebenden des Attentates, Tore Sinding Bekkedal. "Er steht zu dem was er getan hat. Aber zum Glück bestimmt ja das Gericht." So wie Bekkedal ging es vielen im Gericht. Sie hatten eine Art Dämon auf der Anklagebank erwartet und erlebten dann live einen tragisch gescheiterten Mann, der im Kreuzverhör immer mehr schrumpfte.

1/13

Medienrummel beim Prozess gegen Breivik

Journalisten warten auf den Einlass ins Gerichtsgebäude

Bereits am frühen Morgen warten die Journalisten auf ihren Einlass ins Gerichtsgebäude in Oslo. Insgesamt sind etwa 800 Medienvertreter aus aller Welt zurzeit in der norwegischen Hauptstadt, um über den Prozess zu berichten. | Bildquelle: AFP

Das Verfahren wurde in 16 Orte übertragen

Mehr als 80 Überlebende und Angehörige waren im Gerichtssaal dabei. Noch einmal so viele saßen in einem Nebenraum. Andere Hinterbliebene schauten in anderen Gerichtssälen zu, live und in Echtzeit wurde das Verfahren in 16 Orte überall im Land übertragen. Auch das ist in Norwegen zulässig.

Robert Kristensen, der seine Tochter auf Ütöya verloren hatte, guckte sich Breiviks Aussagen zu Hause in einem Gericht in Drammen an, bis er dann irgendwann genug hatte. "Das könnte alles erheblich gedämpft werden", sagte Kristensen damals. "Der Prozess steht schon extrem im Fokus. Einige möchten viel sehen, andere nichts. Ich fand es sehr extrem."

Klar: Auch die Norweger hatten darüber gestritten, wie viel Öffentlichkeit so ein Prozess ertragen kann. Am Ende waren alle geschafft, aber auch erleichtert. Die Atmosphäre im Tinghus in Oslo blieb, trotz Tränen und Twitter, erstaunlich sachlich und konzentriert. Bis zum Schluss. 

Dieser Beitrag lief am 16. April 2013 um 14:51 Uhr auf NDR Info.

Darstellung: