Blick auf den verschmutzen Fluss Doce in Brasilien | Bildquelle: AFP

Umweltkatastrophe in Brasilien Eine schlammbraun gewordene Lebensader

Stand: 27.11.2015 09:16 Uhr

Der brasilianische Rio Doce fließt braun dahin: Am 5. November brach in einem Bergwerk ein Klärbecken-Deich. Millionen von Kubikmetern Schlamm verunreinigten den rund 800 Kilometer langen Fluss. Nun wächst die Wut über einen möglicherweise vertuschten Skandal.

Von Anne Herrberg, ARD-Hörfunkstudio Südamerika

Aus der Luft wird das Ausmaß der Katastrophe sichtbar, hier an der Küste von Espirito Santo, rund 500 Kilometer nördlich von Rio de Janeiro. Das Flussbecken des Rio Doce ("Süßer Fluss") hat sich in einen gigantischen schlammbraunen Lindwurm verwandelt. Das einst kristallblaue Wasser in eine zähe Schlacke, die sich an der Mündung über Sandbänke, Dünen und Strände in den Atlantik schiebt - ein rotbrauner Schlammteppich, der das reichhaltige Ökosystem bedroht.

Blick auf den verschmutzen Fluss Doce in Brasilien | Bildquelle: REUTERS
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Der Schlamm im Rio Doce wird auch zur Gefahr für das Ökosystem: Biologen versuchen, Tiere wie die Schildkröten zu retten.

Auch die Schildkröten von berühmten Zuchtprojekt Tamar. Die Biologin Cecilia Batistotti gräbt Eier und Jungtiere aus dem Sand nahe des Küstenortes Regencia: "Wir bringen die Nester mit den Schildkröten-Babys weiter nach Süden. Aus Vorsicht, damit sie vor dem Schlamm sicher sind", sagt Batistotti.

Zahl der Todesopfer unklar

Es ist vielleicht Brasiliens schlimmste Umweltkatastrophe. Auslöser war der Bruch des Rückhaltebeckens einer Eisenerzmine vor drei Wochen im Bundesstaat Minas Gerais. Darin: Rund 60 Millionen Kubikmeter Klärschlamm, die sich ins Tal ergossen. Sie haben ein Bergdorf unter sich begraben, mindestens 13 Menschen sind ums Leben gekommen. Anwohner sprechen sogar von 40 Opfern.

Dann hat sich die Lawine in den Rio Doce geschoben, der den Schlick über 650 Kilometer mitgeschwemmt hat. Tausende Fische sind gestorben, Landschaften wurden zerstört, Ortschaften blieben ohne Zugang zu frischem Trinkwasser. Sie müssen mit Tanklastern versorgt werden, etwa wie der Ort Linhares. "Dieses Wasser sei gesegnet, denn das Wasser vom Fluss können wir nicht trinken, das ist alles verschmutzt", sagt eine Einwohnerin.

Ein Labortest des Wassers vom Umweltamt Linhares lieferte besorgniserregende Ergebnisse: Das Wasser enthielt hohe Werte von Arsen und Blei. Ob diese Schwermetalle aus dem Klärschlamm stammen oder ob sie später in den Fluss eingeleitet wurden, sei laut Umweltamt aber unklar.

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Millionen von Kubikmetern Schlamm verunreinigen Rio Doce (27.11.2015)

Blick auf den verschmutzen Fluss Doce in Brasilien

Am 5. November 2015 brachen im Südosten Brasiliens zwei Dämme eines Klärbeckens mit giftigen Überresten der Bergwerksindustrie. Der Schlamm begrub ein Bergarbeiterdorf unter sich, tötete 17 Menschen getötet und verschmutzte den Doce auf 500 Kilometern Länge. | Bildquelle: AFP

Testergebnisse widersprechen sich

Giftiger Klärschlamm? Der Betreiber der Mine - die Firma Samarco - stellt sich vehement gegen den Vorwurf, der nun auch von den Vereinten Nationen erhoben wurde. Rückendeckung bekommt Samarco von Laboruntersuchungen der Regierungsbehörde Serviço Geológico do Brasil, die zwar das Fehlen von Sauerstoff im Wasser feststellte aber keine erhöhte Schwermetallbelastung.

Das Problem dabei: Es gibt rund ein Dutzend sich gegenseitig widersprechender Messergebnisse. In einer Stadt wurde positiv auf Blei, Quecksilber und Arsen getestet, in anderen das Wasser schon wieder zum Trinken freigegeben. Was fehlt, ist eine umfassende und unabhängige Untersuchung. Das führt zu großer Verunsicherung bei den Menschen. Und durch soziale Netzwerke zieht sich eine Welle der Empörung.

Auch vor der Firmenzentrale des Bergbaukonzerns Vale in Rio de Janeiro kam es zu Protesten. Gemeinsam mit dem australischen Unternehmen BHP Billiton ist Vale Besitzer des Minenbetreibers Samarco. Vale gehört zur Hälfte dem brasilianischen Staat und ist außerdem traditionell wichtiger Finanzier von Wahlkampagnen.

Viele Brasilianer glauben deswegen, hier werde ein Skandal vertuscht. Zumal Samarco schon einmal wegen Sicherheitsmängeln gerügt wurde. Investitionen in Sicherheit und Umweltschutz gibt es im brasilianischen Bergbausektor kaum. Zu ersten Entschädigungszahlungen ist Samarco zumindest verpflichtet worden: umgerechnet 250 Millionen Euro.

Fond zur Rettung des Rio Doce gefordert

Umweltaktivisten und dem Bundesstaat Minas Gerais ist das nicht genug. Sie fordern einen unabhängigen Fond zur Rettung des Flusses und zählen auf die Unterstützung eines der berühmtesten Söhne der Region - Fotograf Sebastião Salgado. "Was hier passiert ist ein großes Drama, aber wir können den Fluss retten", meint Salgado. Das werde aber viele Jahre dauern. Daher schließt sich der Fotograf der Forderung nach einem unabhängigen Fond an. Dieser solle regional verwaltet werden, "damit das Geld nicht in den privaten Taschen von Politikern verschwindet".

Neben der Wirtschaftskrise und dem Korruptionsskandal um den halbstaatlichen Ölkonzern Petrobras ist die Schlamm-Katastrophe zu einer weiteren Metapher dafür geworden, dass in Brasilien derzeit einiges im Argen liegt.

Empörung über Umweltkatastrophe in Brasilien
A. Herrberg, ARD Buenos Aires
27.11.2015 08:11 Uhr

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Dieser Beitrag lief am 27. November 2015 um 08:38 Uhr im Deutschlandradio Kultur.

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