Neuer starker Mann Brasiliens: Michel Temer

Brasiliens neuer starker Mann Vom Strippenzieher zum Staatsmann

Stand: 13.05.2016 03:52 Uhr

Nein, für einen politischen Neuanfang Brasiliens steht der 75-jährige Michel Temer sicherlich nicht. Vielmehr gilt er als graue Eminenz, als mächtiger Strippenzieher, nicht frei von Korruptionsverdacht. Wer ist der neue starke Mann Brasiliens?

Von Julio Segador, ARD-Studio Südamerika

Der rasche Übergang funktioniert reibungslos. Routiniert hält Interimspräsident Michel Temer Hof, genießt sichtlich die Sprechchöre. "Michel, Michel", skandieren seine Anhänger. Und er, der 75-jährige Politiker, der jetzt etwas überraschend an der Spitze Brasiliens steht, gibt sich staatsmännisch.

Es geht für Temer um die Rettung Brasiliens, sein Kabinett stellt er als "Regierung der Nationalen Rettung" vor. Vielleicht hat er nur sechs Monate, solange ist die gewählte Präsidentin Dilma Rousseff vorerst suspendiert. Sein Programm zielt auf länger. Temer hat sich eine Menge vorgenommen. "Es geht um das Wort Vertrauen: Vertrauen in die Werte, die den Charakter unserer Landsleute bilden. Vertrauen in die Vitalität unserer Demokratie. Vertrauen darin, dass unsere Wirtschaft wieder erstarkt, ebenso das Potenzial unseres Landes. Und letztlich auch Vertrauen in die sozialen und politischen Institutionen."

Gewieft und gerissen

Letztere dürften in den zurückliegenden chaotischen Monaten in Brasilien am meisten gelitten haben. Und ob gerade Temer derjenige ist, der den politischen Institutionen in Brasilien zu neuem Respekt verhilft, ist eher fraglich. Wie viele andere steht auch er unter Korruptionsverdacht.

Michel Temer, 75 Jahre alt, zählt - je nach Sichtweise - zu den gewieftesten und gerissensten Politiker im Land. Seit mehr als drei Jahrzehnten ist er Abgeordneter, er gilt als mächtiger Strippenzieher, als graue Eminenz, was nicht zuletzt Rousseff zu spüren bekommen hat.

Misstrauen und Kritik? Wird weggelächelt

"Im Vergleich zu Temer sei Judas ein Anfänger", hat der britische "Guardian" kürzlich über den neuen Interimspräsidenten geschrieben. Die suspendierte Präsidentin nannte ihn zuletzt abwechselnd nur noch Putschisten oder Verräter. Temer, immer perfekt angezogen, lächelt derlei Misstrauen und Kritik einfach weg. Viel lieber sieht er sich als integrierender Politiker: Er wolle die Nation befrieden und vereinen, verkündete er in seiner ersten Rede an die Brasilianer. "Der Dialog ist der erste Schritt, um die Herausforderungen anzunehmen, um voranzugehen und wieder kräftig zu wachsen."

Neoliberaler Kurs

Vor allem in der Wirtschaftspolitik dürfte sich sein eher neoliberaler Kurs von der Politik seiner Vorgängerin unterscheiden. Temer setzt auf eine Liberalisierung des Arbeitsmarktes, auf Privatisierungen, auf weniger Staat. Damit hofft er Brasilien aus dem Wachstumstal herauszubringen. Die Sozialprogramme, für die die 13-jährige PT-Regierung steht, will er beibehalten.

Beliebt ist Temer nicht, seine Popularität liegt bei etwa drei Prozent. Bei einer Direktwahl hätte er keine Chancen. Viele Brasilianer sind denn auch skeptisch. "Ich mache mir Sorgen, wer dieser neue Präsident genau ist. Dilma war sicher nicht gut, aber wer sagt, dass Temer besser ist?", fragt eine Frau. "Ich habe ein lachendes und ein weinendes Auge", sagt ein Mann. "Wir fallen von einem Loch ins nächste. Wir werden sehen, ob das neue Loch noch tiefer wird oder nicht."

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