Proteste in Brasilien: Es geht um mehr als 20 Centavos

Eine Gruppe von Demonstranten läuft durch die Straßen von Niteroi nahe der Stadt Rio de Janeiro (Bildquelle: dpa)

Proteste in Brasilien

Es geht um mehr als 20 Centavos

Fast alle Metropolen in Brasilien haben die Preise für Bus und U-Bahn wieder gesenkt, nachdem es heftige Proteste gegeben hatte. Doch die wütenden Bürger beruhigen sich nicht. Es geht ihnen nicht um 20 Centavos. Es geht um das System.

Von Julio Segador, ARD-Hörfunkstudio Südamerika

Brasilien ist erwacht, skandieren die Menschen bei der Großdemonstration in São Paulo. Sie tragen weiße T-Shirts und halten Plakate in die Luft. Sie feiern ein Happening in der Millionen-Metropole. Alex ist einer von Ihnen. "Wir sind endlich aufgewacht und haben all das satt, was hier passiert", sagt er. "Wir wollen der Welt zeigen, dass wir nicht stillstehen."

Brasilien wacht auf - und das während des Confederations Cup. Eigentlich sollte das WM-Vorbereitungsturnier ein unbeschwertes Fußballfest werden. Ganz Brasilien sollte in Partystimmung sein. So hatten sich das die Regierung und die Fifa ausgemalt. Doch es kam ganz anders.  

"Nieder mit den Parteifahnen"

Demonstrant in den Straßen Niterois nahe der Stadt Rio de Janeiro (Bildquelle: dpa)
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Demonstrant in den Straßen Niterois nahe der Stadt Rio de Janeiro

Der Frust und die tiefe Unzufriedenheit der jungen Brasilianern schlagen mit voller Härte durch. Ihre Forderungen könnten nicht unterschiedlicher und diffuser sein. Sie lehnen die milliardenschweren Kosten für die WM- und Olympia-Sportstätten ab und verlangen stattdessen höhere Investitionen in Bildung und Gesundheit. Die weit verbreitete Korruption ist ihnen ein Dorn im Auge, ebenso der schlechte Transport in den Metropolen. Sie wettern gegen die hohe Kriminalität im Land und fordern Gratistransport in den Bussen und U-Bahnen. Sie lassen sich nicht von der Politik vereinnahmen. "Nieder mit den Parteifahnen", ruft die Menge, als einige Demonstranten die Kundgebung für Parteizwecke nutzen wollen.

Wer sind die Demonstranten in Brasilien?
J. Segador, ARD Buenos Aires
20.06.2013 19:23 Uhr

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Es sind vor allem jungen Menschen und viele Studenten, die auf die Straße gehen. Sie begehren gegen ein abgeschottenes Politsystem auf, in dem wenige Eliten das Land lenken. Dass die Regierenden gleichzeitig in ihren Betonbauten in Oscar Niemeyers künstlicher Stadt Brasilia sitzen, völlig ratlos wirken, keine Antworten geben, verstärkt die Vehemenz des Protestes und verleiht den Demonstranten Kraft. Kaum jemand in der Regierung kann nachvollziehen, dass sich der Protest an der geringen Fahrpreiserhöhung entzündet hat. Und doch war es nur der Funke, der noch fehlte.

"Die Regierenden müssten auch Weihnachten verbieten"

"Das Problem ist nicht die Erhöhung der Fahrpreise um 20 Centavos", meint auch José Otavio, ein 60-Jähriger, der die Demonstration nicht nur den Jüngeren überlassen will. "Es geht um das Recht, sich in der Stadt frei bewegen zu können, um den öffentlichen Transport, der schlecht und trotzdem teuer ist. Und wenn die Regierung jetzt behauptet, mit den Demonstrationen hindern wir andere Bürger daran, sich in der Stadt frei zu bewegen, dann sage ich, dass die langen Staus im Weihnachtsverkehr das auch tun. Dann müssten unsere Regierenden zwangsläufig auch Weihnachten verbieten."

Massenproteste gegen Missstände in Brasilien
tagesthemen 22:15 Uhr, 20.06.2013, Michael Stocks, ARD Rio de Janeiro

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Bisher haben die Demonstranten gesiegt. Fast alle größeren Metropolen haben die Fahrpreiserhöhungen, die die Proteste ausgelöst hatten, zurückgenommen. Doch damit hat sich der Aufstand sicherlich nicht erübrigt. Inzwischen versammeln sich die Demonstranten auch in vielen kleineren Städten, und erweiteren die Forderungen. Die Bewegung "Gratis-Transport" will für eine Agrarreform kämpfen und ist gegen die Großgrundbesitzer in den Städten.

Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff (Bildquelle: AP)
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Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff hat stark an Popularität verloren.

Die diffusen Forderungen und das Fehlen von Anführern in der Protestbewegung machen es für die Regierung sehr schwer, zu reagieren. Präsidentin Dilma Rousseff, die vor wenigen Tagen noch sehr populär war, wirkt hilflos. Ihre Regierung höre die Rufe nach Veränderung, erklärte sie. Konkrete Maßnahmen? Fehlanzeige. Die Protestbewegung fällt auch auf sie zurück. Ihre Popularität ist in den vergangenen Tagen rapide gefallen.

Stand: 20.06.2013 20:43 Uhr

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