Strand von  Ipanema im Dezember 2016, Strandbesucher und Ballspiel | Bildquelle: dpa

Brasilien 2016 Keine Feierstimmung im Krisenland

Stand: 26.12.2016 20:40 Uhr

35 Grad Ende Dezember - trotz der sonnigen Wetteraussichten ist den Brasilianern nicht nach Feiern zumute. Die Wirtschaft schrumpft, Beamte werden nicht bezahlt, die politische Krise scheint endlos. Das Land erwacht nach dem Traum von Olympia verkatert.

Von Ivo Marusczyk, ARD-Studio Rio de Janeiro

Es ist Ende Dezember, bei tropischen 35 Grad ist Limachem Cherem nicht nach Feiern zumute. Und das liegt nicht an der schwülen Hitze. "Es ist sehr schwierig für uns. Wir dachten vor einem Jahr, die Krise sei nur vorübergehend und wäre schnell überwunden. Aber jetzt ist alles noch viel schlimmer geworden: Es kriselt überall. Politisch und wirtschaftlich geht es nicht voran, dem Land geht es nicht gut."

Skateboarder auf früherem olympischem Gelände. | Bildquelle: dpa
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Die olympischen Stätten sind nach den Spielen vielfach mehr Ballast als Grund zur Freude.

Vom Olympia-Boom ist in Rio überhaupt nichts mehr zu spüren - im Gegenteil. Nach der Party sind die Stadt und der Bundesstaat verkatert aufgewacht. Das Geld reicht nicht einmal für die wichtigsten Aufgaben des Staates. Polizisten, Lehrer, Krankenschwestern bangen um ihre Gehälter. Und die Wirtschaft klagt ebenfalls. Brasilien steckt in der schwersten Rezession seit den 1930er-Jahren. 2015 schrumpfte die Wirtschaft um 3,8 Prozent, 2016 dürfte es noch einmal in dieser Größenordnung gewesen sein.

Ähnliche Beobachtungen macht auch Cherem: "In Rio werden die Beamten nicht mehr bezahlt. Wenn wir im Einkaufszentrum arbeiten, klagen die Menschen vor allem über die hohen Preise. Die Einkaufszentren sind zwar voll, aber niemand hat eine Einkaufstüte. Denn in diesem Jahr kaufen alle nur kleine Geschenke."

Wachstum? Fehlanzeige!

Unmittelbar vor Weihnachten hat die Zentralbank die Wachstumsprognose wieder gesenkt. Für kommendes Jahr hatte sie für Brasilien eine deutliche Rückkehr des Wachstums vorhergesagt: Aber jetzt heißt es, statt 1,3 seien allenfalls 0,8 Prozent Plus drin. Es könnte auch nochmal ein Minus werden, sagen Fachleute. Investitionen sind fast unmöglich: In Brasilien liegt der Leitzins bei 13,25 Prozent.

Soweit die offiziellen Zahlen für ganz Brasilien. Edson, der Zuckerwatte-Verkäufer vom Markt in Tijuca, fasst die Krise in noch einfacheren Zahlen zusammen: "Ich nehme immer schon drei Bündel Zuckerwatte zum Verkaufen mit. Früher ging alles weg. Aber heute habe ich Mühe, die Hälfte zu verkaufen, die Leute haben kein Geld."

Brasilien - auch politisch in der Krise

Das Schlimme daran ist: Die Wirtschaftskrise fällt mit der politischen Krise des Landes zusammen. Der konservative Strippenzieher Michel Temer hat in diesem Jahr die sozialistische Präsidentin Dilma Rousseff gestürzt - ihre Anhänger sprechen von einem Staatsstreich der alten Machteliten.

Schon das Absetzungsverfahren fußte auf fadenscheinigen Begründungen. Mittlerweile liefern sich der Senat und der Oberste Gerichtshof einen offenen Kleinkrieg. Das Parlament versucht, den Ermittlungen gegen die Spitzenpolitiker Knüppel zwischen die Beine zu werfen. Man kann wohl sagen: Die demokratischen Institutionen Brasiliens sind beschädigt. Zumal inzwischen praktisch die ganze Führungsklasse des Landes unter Korruptionsverdacht steht. Der Baugigant Odebrecht hat in einem internationalen Verfahren zugegeben, Hunderte Millionen Schmiergelder gezahlt zu haben, damit die Politik ihm den Weg ebnet.

Ermittlungen gegen das halbe Parlament

In Brasilien ist es inzwischen schwierig auch nur einen groben Überblick über all die Ermittlungsverfahren zu behalten. Nur so viel ist klar. Gegen das halbe Parlament wird schon ermittelt - die neue Regierung steckt bis zum Hals mit im Korruptionssumpf, von links bis rechts sind alle Parteien betroffen.

Straßenhändlerin in Rio. | Bildquelle: AFP
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Auch die Geschäfte der Straßenhändler laufen nicht so recht.

Die Besucher des Marktes von Tijuca haben jedenfalls die Nase voll von den schlechten Nachrichten: "Wir entwickeln uns um 20 Jahre zurück. Viele meiner Freunde sagen, sie wollen wegziehen. Aber ich arbeite hier, wie soll ich weg?" fragt Flavia Molina

Sie tritt am Rand des Marktes als Straßenkünstlerin auf. Und die Zaubererin hat für das neue Jahr einen besonderen Wunsch: "Ich zaubere, um die Leute zu unterhalten. Die Politiker haben aber unser ganzes Geld weggezaubert. Ich hoffe, sie hören jetzt mal mit ihren Zaubertricks auf und arbeiten endlich wieder."

Rückblick auf das brasilianische Jahr 2016
I. Marusczyk, ARD Buenos Aires
26.12.2016 18:42 Uhr

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