Gefangene während einer Revolte in einem brasilianischen Gefängnis | Bildquelle: AFP

Extreme Gewalt in Brasilien Bandenkrieg hinter Gittern

Stand: 16.01.2017 11:42 Uhr

Die Gewalt in brasilianischen Gefängnissen dauert an. Wieder wurden bei Banden-Kämpfen mindestens 26 Menschen getötet. Dabei gingen die Täter erneut mit extremer Brutalität vor. Schuld ist auch der Staat.

Von Ivo Marusczyk, ARD-Studio Südamerika

Das Morden hinter Gittern dauerte dieses Mal fast einen Tag. Am Samstagabend waren Gefangene im Alcaçuz-Gefängnis der Stadt Natal über Mitgefangene hergefallen. Erst am Sonntagmorgen drangen Sondereinheiten in den Gefängniskomplex ein, und erst am Sonntagabend brachten sie die letzten Gebäude unter ihre Kontrolle. Dort hatten sich grauenhafte Szenen abgespielt. Viele der Leichen waren verstümmelt, einigen Opfern waren die Köpfe abgetrennt worden.

Das Ausmaß an roher Gewalt verstört Brasilien. Jetzt wird offensichtlich, wovor Fachleute schon lange warnen. Der Staat hat die Kontrolle darüber verloren, was in den Gefängnissen passiert.

"Was wir in den vergangenen Wochen in Brasilien gesehen haben, ist das Ergebnis von Jahrzehnte langen Versäumnissen der Behörden, die sich nicht verantwortlich fühlen für das, was in den Anstalten passiert. In vielen Anstalten haben heute die Gefangenen selbst die Kontrolle, und damit kriminelle Banden innerhalb der Gefängnisse. Und wenn kriminelle Gefangene die Haftanstalten kontrollieren, ist es kein Wunder, wenn wir dort Gewalt sehen. Und diese Morde", sagt César Muñoz von der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch.

Kampf der Kartelle

Der Hintergrund: Vor einigen Monaten ist der Waffenstillstand zwischen den beiden größten Drogenkartellen Brasiliens zusammengebrochen, dem "Primeiro Comando" aus São Paulo und dem "Comando Vermelho" aus Rio de Janeiro. Seitdem kämpfen die beiden Gruppen und ihre jeweiligen Verbündeten mit brutaler Gewalt darum, wer den Drogenhandel im Norden des Landes künftig kontrolliert.

Und es ist keine Überraschung, dass dieser Machtkampf nicht nur außerhalb, sondern vor allem innerhalb der Gefängnisse geführt wird. Denn dort sind die Banden erst entstanden.

"Die stärksten kriminellen Organisationen wurden in den Gefängnissen gegründet. Das war eine Reaktion der Häftlinge, um sich zu beschützen, denn der Staat kümmerte sich im Gefängnis nicht um ihre Sicherheit. Dieses Vakuum haben die Gangs ausgefüllt."

Gefangene während einer Revolte in einem brasilianischen Gefängnis | Bildquelle: AFP
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Gefangene während einer Revolte in einem Gefängnis Alcacuz im Bundesstaat Rio Grande do Norte, Foto vom 14.01.2017

In den Gefängnissen gibt es Drogen, Prostitution, Handys und auch Waffen. Einige Anführer der Kartelle sitzen seit Jahren ein, können aber ihre Geschäfte ungehindert weiterführen. Die Wachleute sind völlig überfordert: Ein Wachmann ist für bis zu 90 Gefangene zuständig. Die Behörden hätten sich dieser Situation angepasst, sagt auch der Sicherheitsexperte Guaracy Mingardi.

"Das System in Brasilien läuft so: Die Behörden sichern die Gefängnisse nur so ab, dass niemand rauskommt. Was drinnen passiert, geht uns nichts an. Die Gefangenen organisieren ihren Alltag selbst. Jetzt haben wir die großen Gangs, die in den brasilianischen Gefängnissen geboren wurden, und die organisieren alles da drin."

Brasilianische Gefängnisse: Zeitreise ins Mittelalter

Dabei kann ein Besuch in einem brasilianischen Gefängnis mitunter an eine Zeitreise ins Mittelalter erinnern. Muñoz sagt, er habe Zellen für sechs Gefangene gesehen, in die 60 Häftlinge gepfercht wurden.

"Auf dem Boden war kein Platz zum Schlafen, so schliefen sie in Hängematten. Und einer hatte sich an der Tür festgebunden, um im Stehen zu schlafen und dabei nicht umzufallen", erzählt er.

An dieser Überbelegung ist wiederum die Justiz Schuld. Untersuchungshäftlinge werden in die normalen Gefängnisse gesperrt, oft monate- oder gar jahrelang. Kleinkriminelle müssen sich dort einer Gang anschließen, um im Klima der Gewalt zu überleben, kommen also erst dort mit der Organisierten Kriminalität in Kontakt.

Die Zentralregierung hat jetzt Soldaten und Hubschrauber in den Norden des Landes geschickt, um die Situation unter Kontrolle zu bringen. Doch diese Soldaten sollen gar nicht in den Gefängnissen eingesetzt werden, sie sollen lediglich bei der Fahndung nach Gefangenen suchen, die das Chaos zur Flucht genutzt haben.

Behörden haben Kontrolle über Gefängnisse verloren
I. Marusczyk, ARD Buenos Aires
16.01.2017 10:58 Uhr

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Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 16. Januar 2017 um 09:00 Uhr sowie NDR Info am 16. Januar 2017 um 09:20 Uhr.

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