Feuerwehrmänner im ausgebrannten Flüchtlingslager Grande-Synthe | Bildquelle: AFP

Flüchtlingscamp in Frankreich Die abgebrannte Zwischenstation

Stand: 11.04.2017 18:37 Uhr

Das Flüchtlingslager von Grande-Synthe ist nach einem Feuer völlig zerstört. Das Projekt in der französischen Gemeinde war von der Regierung zunächst kritisch beäugt worden; das Lager gilt als Anlaufpunkt für Menschen auf dem Weg nach Großbritannien.

Von Maiken Nielsen, tagesschau.de

Um zum besten Bürgermeister der Welt gewählt zu werden, muss man sich nicht nur vorbildlich um seine Gemeinde kümmern, sondern auch Flüchtlinge integrieren können. So steht es in den Statuten des Londoner Think Tank "World Mayor", der alljährlich die weltweit besten Bürgermeister kürt. Auf Platz neun rangiert Damien Carême, Bürgermeister von Grande-Synthe im Norden Frankreichs. Carême hat die ehemalige Industriestadt, über die böse Zungen sagen, sie habe den Charme eines Betonmischers, zu einer grünen Stadt mit Parks und Gärten gemacht.

Damien Careme | Bildquelle: picture alliance / NurPhoto
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Damien Carême, der Bürgermeister der Gemeinde Grande-Synthe, unterstützt die Flüchtlinge.

"Nie Probleme zwischen Flüchtlingen und Einwohnern"

Vor zwei Jahren bat Carême die französische Regierung um Hilfe. Seine 22.000 Einwohner starke Gemeinde liegt an der Autobahn nach Calais, hier stranden jedes Jahr Tausende Flüchtlinge, die nach Großbritannien wollen. Weil die Regierung auf die wilden Camps entlang der Autobahn nicht reagierte, baute Carême im vergangenen Jahr gemeinsam mit der Organisation "Ärzte ohne Grenzen" das Flüchtlingslager "La Linière" auf.

Es gilt als das einzige Großlager in Frankreich, das internationalen Standards genügt. Die 1600 Flüchtlinge, die dort bis zum Ausbruch des Großfeuers in der Nacht zum Dienstag lebten, erhielten Zugang zu sauberem Wasser, sanitären Anlagen und Bildungsangeboten. "Es gab zwar Fälle von gewaltsamen Auseinandersetzungen innerhalb des Flüchtlingslagers", erklärte Carême in einem Interview mit der französischen Tageszeitung "Le Monde". "Aber es gab nie Probleme zwischen den Flüchtlingen und den Einwohnern von Grande-Synthe."

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Feuer verwüstet Flüchtlingslager in Nordfrankreich

Das Flüchtlingslager Grande-Synthe steht in Flammen

Ein Flüchtlingslager in Nordfrankreich ist bei Auseinandersetzungen zwischen Kurden und Afghanen in Flammen aufgegangen. | Bildquelle: AFP

Unklar, ob Lager wieder aufgebaut wird

Nach dem Großbrand der vergangenen Nacht bestehe das Lager nur noch aus einem Haufen Asche, erklärte der Präfekt des Départements Nord, Michel Lalande. Vorangegangen waren dem Feuer eine Schlägerei und eine Messerstecherei zwischen Afghanen und Kurden. Laut Feuerwehr wurden mindestens 10 Menschen verletzt. 165 Menschen mussten in provisorischen Schutzständen untergebracht werden. Die Flammen loderten bis in den frühen Dienstagmorgen hinein. Wie das Feuer ausbrach, ist bislang noch unklar.

Präfekt Lalande sagte, man müsse erst einmal prüfen, ob man das Lager wieder aufbauen könne. Der französische Innenminister Bruno Le Roux hatte Mitte März verkündet, er wolle das Flüchtlingslager von Grande-Synthe so schnell wie möglich ganz auflösen. Seine Entscheidung begründete Le Roux damit, dass es in dem Lager regelmäßig zu Prügeleien komme. Das Thema Einwanderung steht jetzt, zwölf Tage vor der Präsidentschaftswahl, im Fokus vieler politischer Debatten. Die rechtsextreme Präsidentschaftskandidatin Marine Le Pen nutzte den Großbrand, um erneut gegen Einwanderer zu wettern.

600 Menschen vermisst

Unterdessen gelten 600 Bewohner des Camps nach dem Großbrand als vermisst, erklärte Corinne Torre von Médécins Sans Frontières, dem französischen Ableger von Ärzte ohne Grenzen. "Sie wiederzufinden, ist jetzt oberste Priorität." Die übrigen Bewohner mussten umquartiert werden, 500 von ihnen in Turnhallen. Die meisten Flüchtlinge aus dem Lager, so schätzen Behörden, wollten ohnehin nicht in Frankreich bleiben, sondern nach Großbritannien weiterziehen.

Frankreich gilt unter Flüchtlingen als ein schwieriges Einwanderungsland. Im Januar 2017 kamen 7510 Flüchtlinge nach Frankreich, in Deutschland waren es laut Eurostat im gleichen Zeitraum mit 17.940 Flüchtlingen mehr als doppelt so viele. In der subjektiven Wahrnehmung vieler Franzosen gilt das Land jedoch als "bereits zu voll". Zudem mahlen die Mühlen der Bürokratien in Frankreich langsam, wenn es darum geht, Asylanträge zu genehmigen. Nach den Terroranschlägen vom 13. November 2015 in Paris wollen sich die Behörden Zeit nehmen, um mögliche Dschihadisten unter den Antragstellern frühzeitig zu erkennen.

Als kompliziert gilt auch die Verteilung und Unterbringung der Flüchtlinge. Zwei französische Ministerien sind daran beteiligt, das französische Innenministerium und das Ministerium für Wohnen und nachhaltige Wohnquartiere. Bis die Behörden Asylanträge genehmigt haben, können Flüchtlinge in Empfangszentren für Asylbewerber unterkommen oder in Lagern, die Hilfsorganisationen betreiben. Allerdings gibt es noch immer zu wenige Unterbringungsmöglichkeiten in Frankreich. Tausende von Flüchtlinge campen deshalb wild - so wie entlang der Autobahn nach Calais vor dem Bau des Großlagers Grande-Synthe.

"Diese Stadt würde es ohne Einwanderer nicht geben"

Grande-Synthe ist eine Stadt, die erst 1960 gebaut wurde - als Industriestandort, in dem vor allem Einwanderer beschäftigt wurden. "In den Sechzigern gab es zu wenig Arbeitskräfte in Frankreich, deshalb wurden Arbeiter in Italien, Spanien und Nordafrika angeworben", erklärt Bürgermeister Carême. "Diese Stadt würde es ohne Einwanderer nicht geben. Deswegen empfinde ich auch heute noch eine Verantwortung gegenüber Einwanderern und auch den Flüchtlingen hier." Doch was aus den Flüchtlingen, die Opfer des Großbrands wurden, jetzt werden soll, ist Behörden und Helfern noch unklar. "Ich habe alle meine Dokumente verloren", sagte ein irakischer Flüchtling in Grande-Synthe. "Jetzt habe ich nur noch dieses eine Papier, auf dem steht, dass ich als Flüchtling in Frankreich bin."

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 11. April 2017 um 17:00 Uhr.

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